Sonntag, 23. Dezember 2012

Der Abschied

Der bedeutende Schweizer Jenseitsforscher Beat Imhof schildert sehr eindringlich das Sterben eines alten Menschen und den Übergang seiner Seele in die jenseitige Welt. Es ist ein natürliches Sterben ohne die zahlreichen wohlgemeinten lebensverlängernden Maßnahmen, wie sie heute in jedem Krankenhaus üblich sind. Kommt ein Mensch in die Phase der fortgeschrittenen Alterung, werden seine Körpersubstanzen abgebaut. Er verliert Hunger- und Durstgefühl, magert ab und trocknet aus. Durch das Erlahmen der Blutzirkulation erkalten Arme und Hände, Beine und Füße. Der Blutdruck sinkt und der Puls wird schwächer. Die Sinneswahrnehmungen verringern sich, es kann zeitweilig ein völliger Hörverlust eintreten. Gelegentlich flackern einige Tage vor dem Sterben noch einmal alle Lebensgeister auf und es kommt zu einer allgemeinen Besserung des Allgemeinbefindens. Beat Imhof deutet dies als ein vorübergehendes Dominieren des astralen Empfindungskörpers (Seele, Geistleib) über den physischen Leib. Der Sterbende hat ein starkes Ruhebedürfnis und wird gegen äußere Ereignisse zunehmend gleichgültiger. In den letzten Stunden wechseln verschiedene Bewusstseinszustände miteinander ab, klares Denkvermögen mit Dahindämmern und Schlaf, Unruhe mit einer friedvollen Stimmung. Manchmal wird vom Sterbenden der letzte Rest von Lebensenergie dazu verwandt, sich telekinetisch von Angehörigen und Freunden zu verabschieden, Der Volksmund bezeichnet diese Phänomene als "Künden", Bilder lösen sich von der Wand, Uhren bleiben stehen, Spiegel und Gläser gehen zu Bruch, unerklärliche Klopfgeräusche sind hörbar. Der Tod erfolgt oft einsam, wenn Angehörige, die sich lange im Sterbezimmer aufhielten, für kurze Zeit den Raum verlassen. Es hat den Anschein, als hätte die Anwesenheit von Besuchern den Sterbenden gewaltsam festgehalten, erst jetzt nach ihrem Weggehen ist die Seele frei. Die Dämmerungs- und Schlafphasen, auch die Dramatik des Todeskampfes sind nur das diesseitige Bild des Sterbenden. Er selbst erlebt bereits den Saum einer jenseitigen Welt, ihm öffnen sich die Augen und Ohren seines Geistleibes. Er sieht das Nahen von verstorbenen Verwandten und Freunden, hört die Klänge einer überirdischen Musik. Die Erscheinungen sind in helles Licht getaucht und geben dem Kranken Hinweise auf seine baldige Abberufung. Wenn er zeitweise ins Tagesbewusstsein emportaucht, kann er davon Auskunft geben. Allerdings werden diese Berichte häufig als Halluzinationen abgetan. - Sterben ist ein zweifacher Abschied. Ein Mensch verlässt für immer Familie, Haus, Heimat, Freunde und Besitz. Der zweite Abschied ist noch schwerwiegender, die Seele trennt sich vom Körper, mit dem sie in inniger Gemeinschaft gelebt hat. Zwischen Leib und Seele (Geistleib) besteht im irdischen Leben ein ständiger Austausch und eine Wechselwirkung. Die Seele ist Empfindung, Gewissen und Gottesverbindung des Leibes, der Leib durchlebt und durchleidet aktiv ein Menschenschicksal mit Höhen und Tiefen. Er reicht alle Erfahrungen, Verdienste und Erkenntnisse an die Seele weiter. Der Tod trennt nun diese enge Partnerschaft. Sie war während des ganzen Lebens problematisch, denn der Körper diente selten bereitwillig den Forderungen der Seele und ging meist seine eigenen triebhaften Wege. Nun sind endgültig die Würfel gefallen. Der Körper verliert seine belebenden Kräfte, er verwest und kehrt zur Erde zurück. Die Seele ist ihrer Möglichkeit beraubt, weiterhin an der Gestaltung und an den Gaben der Welt teilzuhaben. Betrachtet man die Seele als ausgereifte Frucht des Körpers, ist der Tod auch Erntezeit. War es ein erfülltes Leben, gleicht die Seele einer reichbestückten Schatzkammer. War es voll von Verfehlungen, ähnelt sie eher den kläglichen Ergebnissen einer Missernte.
 
 

Montag, 17. Dezember 2012

Die Hölle

Auch durch die Höllenregionen ist Anna-Katharina Emmerick eine glaubwürdige Führerin. Für die Seherin selbst war der Zweck dieser Offenbarungen von unterschiedlicher Bedeutung. Sie sah sicher einen Auftrag darin, ihre spirituellen Erfahrungen an jene weiterzureichen, die bei ihr Rat und Aufklärung suchten. Der Himmel wurde ihr als erstrebenswertes Ziel aller Menschen gezeigt, das Fegefeuer, um ihr Mitgefühl für Gebetshilfe anzuregen, die Hölle als eine drohende Warnung vor den Folgen eines völlig verfehlten Lebens. - Nach ihren Schauungen ähnelt die Hölle auf fatale Weise dem Himmel, sie ist eine Nachäffung des Paradieses. Auch hier gibt es Gebäude, Gärten, Felder und Wiesen, doch ohne die Ordnung, Schönheit und Harmonie des Himmels. Alles ist in verzerrten Missverhältnissen angelegt, es herrscht beklemmende Düsternis, eine Atmosphäre ewigen Zorns, der Zwietracht und der Verzweiflung. Die himmlischen, edelgestalteten Gebäude der Freude und der Anbetung sind in der Hölle zu finsteren Kerkern und Höhlen verkommen, zu schrecklichen schwarzen Felsenbauten mit furchteinflößenden Toren. Es ist ein Ort des Fluches, der Qual und des Entsetzens. Auch hier gibt es Tempel, Altäre, Schlösser, Throne, Gärten, Seen und Ströme zur Ergötzung der höllischen Herrschaften. Doch alles liegt in verdunkelter, trostloser, angsteinflößender Form, durchsetzt mit grässlichen Wüsten und Sümpfen. - Das Grauenhafteste jeder Verdammung wird wohl der Augenblick des Todes sein, in dem sich die leiblichen Augen für immer schließen und die jenseitigen Augen öffnen. Es ist ein Augenblick der Wahrheit, die schreckliche Erkenntnis eines irregeleiteten Lebens, der Anblick verkommener Kumpane, die eine lebenslange Abhängigkeit zu höhnischen Begleitern in eine ewige dämonische Knechtschaft herangemästet hat. Es wird hier für die Verurteilten kurzzeitig eine himmlische Jenseitswelt aufblitzen, die erreichbar gewesen wäre, jetzt aber unwiderruflich verloren ist. Der Verdammte erblickt die vollkommene Gestalt eines Doppelgängers, zu dessen Realisierung er fähig gewesen wäre, hätte er sein Leben nicht in Weltverfallenheit verspielt. Er wird die Werke sehen, die ihm aufgetragen waren und vor deren Gestaltung er in Müßiggang geflohen ist. Seine verhängnisvollen Leidenschaften haben sich zu missgebildeten Raubtiergestalten ausgewachsen, die ihn nun bedrohen. Ohne Verantwortung vor göttlichen Gesetzen ist sein Leben verlaufen, deshalb wird seine Hauptschuld in der Verachtung der Mitmenschen liegen, im mitleidlosen Egoismus und im Versagen jeder Hilfsbereitschaft. Das Erschütterndste an Höllenvisionen ist ihre Endgültigkeit. - Vielen Christen ist die Vorstellung einer Hölle unvereinbar mit einem liebenden, barmherzigen Vatergott. An diesem begründeten Einwand werden sich wohl immer die Geister scheiden. Dennoch ist die Verneinung der Hölle eine Flucht aus der Realität in die Utopie einer grenzenlosen Entscheidungsfreiheit des menschlichen Geistes. Es gibt in der Schöpfung keinen luftleeren Raum der Unverbindlichkeit. Wo Göttliches verdrängt wird, schleicht sich unweigerlich Teuflisches ein. Wer ständig auf seine selbstherrliche Willensfreiheit pocht, muss auch Gott zugestehen, Geschöpfe, die sich lebenslang in vollem Bewusstsein ihrer Menschenwürde entäußerten, aus seiner Nähe zu verbannen. Selbst die Chance für einen Reinigungsort ist vertan, wenn ein ganzes Menschenleben nicht ausgereicht hat, sich aus absoluter Ich-Vergötzung zu einer einzigen mitmenschlichen Tat aufzuschwingen. In letzter Konsequenz können nur Menschenhass und unversöhnliche Feindschaft gegenüber einem Gott der Liebe in die dämonische Anarchie führen, in das Hoheitsgebiet Satans. Das aber ist die Hölle.


Mittwoch, 12. Dezember 2012

Das Fegefeuer

Die katholische Visionärin Anna-Katharina Emmerick (A.K.E.) wurde oft von ihrem Schutzengel ins Fegefeuer geführt. Clemens Brentano schreibt, dass schon der Weg dorthin für sie sehr beschwerlich war, er führte durch Morast, dornige Pfade, überschwemmtes Land, Schneefelder und Eiswüsten. Sie erlebte das Fegefeuer als unheimliche Riesenräume, die mit einem Gewölbe überdeckt sind. In dieser freudlosen Gegend herrschen Düsternis, Nebel und Kälte. Es gibt hier wie auf Erden Gärten, Landschaften und Häuser, doch alles wirkt leblos, grautrüb und dunkel. In dieser verwelkten Traurigkeit vegetieren die büßenden Seelen. Sie wohnen teilweise eng zusammengepfercht, oft auch voneinander isoliert in engen Kerkern. Auch dort, wo sich viele zusammendrängen, besitzen sie keine gemeinsame Sprache. Manche sitzen unbeweglich im Morast, manchen geht der schwarze Schlamm bis zur Brust, manche stecken bis zum Hals darin. Je nach Verfehlung leiden sie quälenden Durst, glühende Hitze oder Eiseskälte. Überall herrschen Einsamkeit und Schwermut. An den oft grauenhaften Entstellungen ihrer Gesichter und Körper erkannte die Seherin A.K.E. Art und Schwere ihrer Sünden. - Trotz dieser Tristesse ist der Zweck des Fegefeuers die Aufwärtsentwicklung, die Entsühnung durch Selbsterkenntnis und Reue. Mit der Reinigung ist auch die Heilung der entstellenden Makel verbunden. Diese Extremform des Purgatoriums ähnelt einem irdischen Zuchthaus. Die Haftbedingungen können durch den Verlust der Mitteilungsfähigkeit sogar noch schmerzlicher sein als im Strafvollzug eines modernen, zivilisierten Staates. Was das Fegefeuer positiv von einem diesseitigen Kerker unterscheidet, ist die absolute Gerechtigkeit. Es gibt bei den Verurteilungen keine Fehlentscheidung, kein Überreagieren einer irdischen Justiz, keinen Prominentenbonus, keine Vertuschung durch raffinierte Winkelzüge eines Verteidigers. Hier regiert ausschließlich das Gesetz von Ursache und Wirkung. Der diesseitige Mensch ist der Architekt seiner jenseitigen Wohn- und Lebensverhältnisse, er hat durch die Bewältigung des irdischen Schicksals Form, Bequemlichkeit und Dauer selbst bestimmt. Das gilt für Himmel, Fegefeuer und Hölle. Er hat sich auch durch die Wahl seines einstigen Freundeskreises ein Umfeld für diese drei Jenseitsorte geschaffen, je nachdem, ob es förderliche oder vernichtende Partnerschaften, aufwärts lenkende Wegweisungen oder in verhängnisvolle Tiefen führende Abhängigkeiten waren. Nur für eine bestimmte Frist ist das Fegefeuer ein Ort schmerzlicher Trauer und reuevoller Einkehr. Allmählich erhellt sich die Finsternis und erwärmt sich die Kälte, zu den Einsamen gesellen sich fortgeschrittene Seelen und Tröster in Engelsgestalt. Auch die Fürbitten der lebenden Angehörigen durchbrechen die Wände des Gefängnisses und schenken Licht und Hilfe. - Nach Ansicht der A.K.E. kommen die Seelen in einer ihrem Seelenzustand entsprechenden Gewandung im Jenseits an. Besäße in der heutigen Industriewelt ein handwerkliches Gleichnis noch eine Bedeutung, könnte man sagen, die Menschen weben ihr ganzes Leben lang an dieser künftigen Kleidung. Es kann ein prächtiger Ornat, eine schlichte Umhüllung oder auch nur ein zerschlissenes Flickengewand werden. Es hängt von Lebensweise, Prioritäten und der Zielrichtung ab, um eine schreiende Diskrepanz zwischen weltlicher und ewiger Kleidung, zwischen der allgemein üblichen Überbetonung diesseitigen Glamours und der Vernachlässigung des inneren Menschen zu vermeiden.
 
 
 

Donnerstag, 6. Dezember 2012

Das Gericht

In den Visionen der A.K.Emmerick findet sich der lapidare Satz: "Das Gericht über eine Seele ist im Augenblick des Todes über dem Sterbeort des Menschen, es nehmen daran Jesus, Maria, der Patron der Seele und der Schutzengel teil."- Die erste Entscheidung über das Schicksal der Seele fällt nach diesen Offenbarungen nicht erst an einem weitentfernten "Jüngsten Tag", der Todestag ist der Geburtstag in ein neues Dasein. Es bedarf bei diesem Gericht keiner Worte. Das Aussehen der Seele begründet je nach Schönheit, Mangel oder Verkommenheit ihr Urteil. Jesus, dessen Botschaft im irdischen Leben an jeden Christen ergangen ist, wird nun ihr Richter. In der Fürsorge der Gottesmutter Maria hätte sie sich einst in allen Zweifeln und Gefahren bergen können. Ihr Patron ist der / die bei der Taufe zugewiesene Namensheilige. Es wäre im Leben von Vorteil gewesen, seine / ihre Biografie kennenzulernen und ihn / sie oder andere Heilige als Leitbild zu wählen. Der Schutzengel begleitete den Menschen von der Geburt bis zum Tod und führt nun den Geistleib zu seinem jenseitigen Aufenthaltsort. - Die Visionärin A.K.Emmerick ist der unumstößlichen Überzeugung, dass der Mensch grundsätzlich und von seiner Erschaffung an für den Himmel bestimmt ist. Doch die kristallklare Reinheit des Himmels duldet nichts Beflecktes. Wenn Menschen ausschließlich der Welt zugewandt sind und ihr Lebenslauf nur aus Genuss, Hass, Betrug, Wortbruch, Verleumdung oder Totschlag besteht, treffen sie damit eine Entscheidung gegen Gott und für die Gemeinschaft mit Satan. Der größte Teil aller Verstorbenen setzt sich vermutlich aus Mittelmäßigen zusammen, sie sind zwar keine nennenswerten Übeltäter, zeichnen sich aber auch nicht durch herausragende Verdienste aus. Sie werden einst schäbig vor Gott hintreten mit ihrer halbherzigen Güte und ihrer eitlen Selbstgefälligkeit. Zwar verbrüderten sie sich nicht mit Haut und Haaren dem Bösen, zwar verfielen sie nicht allen Verlockungen der Welt, doch der Gemeinschaft der Heiligen sind sie noch nicht würdig. Es wird einer langen Zeit des Lernens und der Besinnung bedürfen, bis sich ihre verstümmelten und kranken Geistleiber aus Hässlichkeit zur Schönheit wandeln. Sie werden sämtliche Stationen ihres Lebens abschreiten und alle Versäumnisse gutmachen müssen. Gott ist gerecht, aber barmherzig; es wird auch für die Weltkinder und geistigen Müßiggänger der Zeitpunkt kommen, an dem sie ihre Schuld gebüßt und ihre geringen Verdienste aufgewertet haben. - Reformierten Christen, die sich schon vor fünfhundert Jahren von der Marien-, Heiligen- und Engelverehrung verabschiedet haben und noch mehr den Angehörigen anderer Religionen werden die Visionen der Emmerick größte Schwierigkeit bereiten, doch könnte es vielleicht in den Kernaussagen zu einer toleranten Verständigung kommen. Die Essenz dieser Visionen ist jedenfalls die hoffnungsvolle Botschaft, dass nach dem Tod eine persönliche, wissende Macht die Menschenseelen bewertet, die einst von ihr geschaffen wurden, sich in einem irdischen Leben bewähren mussten und ihr Ziel erreicht, unnötig verzögert oder verfehlt haben.
 

Freitag, 30. November 2012

Der Himmel

Christlichen Mystikern und Visionären war in der Ekstase häufig ein längeres Verweilen im Jenseits vergönnt. Interessant sind die Schauungen der westfälischen Nonne Anna-Katharina Emmerick (1774 - 1824), die von Kindesalter an Visionen des Lebens Christi und vieler Heiliger hatte. Häufig wurde sie von ihrem Schutzengel zu ihrer Belehrung und Beauftragung von Gebetshilfe durch die drei Jenseitsorte geführt und erlebte bewusst und erinnerungsfähig diese okkulten Wirklichkeiten. Der Dichter Clemens Brentano verbrachte fünf Jahre in ihrer Nähe und schrieb ihre Erlebnisse nach Themenbereichen geordnet auf. - Sie sieht den Himmel als das himmlische Jerusalem der Geheimen Offenbarung. Diese Stadt ist Harmonie, Ordnung, Schönheit, mit ausgewogenen Ausmaßen, klar und übersichtlich. Gold, Edelsteine und Perlen sind ihr würdiges Baumaterial. Hier herrschen nicht mehr Argwohn und Angst. Die Tore sind ständig geöffnet, trotzdem kann kein Unreiner hineinkommen. Es gibt keine Nacht mehr, weder Sonnen- noch Mondlicht sind nötig, Gottes Glanz erleuchtet die Stadt. Außerdem sieht Anna-Katharina den Himmel als weitläufige Landschaft mit Gärten voll wunderbarer Früchte und Blumen, Schlössern, Gebäuden des Frohsinns und der Anbetung, Tempeln, Altären, Thronen, Seen und Flüssen. Es sind Orte des Segens, der Liebe, Eintracht, Freude und Seligkeit. Der Himmel ist mit Engeln und Heiligen bevölkert, es herrscht in ihm reges Leben. - Diese Anordnung mit dem Mittelpunkt der größten Gottesnähe in der Heiligen Stadt und den weitläufigen Untergliederungen in Landschaften zeigt ein Bild, das auch im Fegefeuer auftritt, die Staffelung in verschiedene Regionen, die dem jeweiligen spirituellen Entwicklungsstand ihrer Bewohner entsprechen. Wichtig ist bei der Emmerick die enge Verbindung und der ständige Austausch zwischen Himmel und Erde. Am deutlichsten kommt dies bei der herausgehobenen Bedeutung der Heiligen Messe zum Ausdruck. Die fromme Katholikin sieht das in der Vision einer irdischen Kirche, über der sich unzählige Kirchen gleicher Gestalt wie mit Engeln angefüllte Stockwerke in eine unendliche Höhe türmen. Engel reichen die Verdienste der heiligen Messe, die von den irdischen Priestern gefeiert wird, zu Gott empor, wobei sie Unvollkommenes verbessern und Laues befeuern. Dieses Emporreichen irdischer Taten beschränkt sich nicht nur auf das Messopfer der Kirche. Wo Menschen Gott dienen und sich zu wahrer Tugend erheben, wirkt sich das im Himmel aus. Wo aber Egoismus regiert, Gleichgültigkeit gegen Gott und die Mitmenschen, verarmen Erde und Himmel. - Wie wohlgeordnet und abgestuft sich auch die Hierarchie der Engel und Heiligen darstellt, Gott thront über allem. Er steht weit über jeder Vorstellung eines irdischen Königs. Er ist Herrscher und Gesetzgeber, Schöpfer des Himmels und der Erde, des gesamten Kosmos. Er ist kein Tyrann, er hat erfüllbare Gebote und Richtlinien festgelegt, doch jeder kann sich dafür oder dagegen entscheiden.

 

Samstag, 24. November 2012

Die Abrechnung

Die Welt ist das Land der Aussaat, das Jenseits das Land der Ernte. Während im irdischen Leben Ursache und Wirkung oft undurchschaubar bleiben, herrscht im künftigen absolute Gerechtigkeit, bestenfalls gemildert durch göttliche Barmherzigkeit. Wir sind es im Diesseits gewohnt, dass Arm und Reich, Achtung und Verkennung, Begabung und Intelligenzmangel bunt gemischt sind und keine verbindliche Wertung erkennen lassen. Gauner, Hochstapler und Wortbrüchige genießen oft lebenslang Wohlstand und öffentliche Würdigung, während die Rechtschaffen-Gutmütigen bevorzugt auf der Schattenseite vegetieren. Im Hinblick auf das Jenseits ist eine symbolische Erklärung der ausgleichenden Gerechtigkeit so simpel wie logisch : Beide werden unvermeidlich eines Tages sterben, doch sie kommen mit unterschiedlichem Gepäck im Jenseits an, der Gauner mit leeren Händen und in abgerissener Kleidung, der Rechtschaffene ordentlich gekleidet und mit einer ansehnlichen Mitgift. - Alle Religionen und esoterischen Richtungen haben ihre eigenen Jenseitsvorstellungen. Es gibt einen jüdischen, hinduistischen, islamischen, theosophischen und spiritistischen Himmel. Christen,Theosophen und Spiritisten sind sich darin einig, dass der Ort des geistigen Weiterlebens ein Ort der Buße, des Lernens und des Vorwärtsschreitens aus niederen Sphären in immer lichtere Zonen sein wird. Einig sind sie sich auch darin, dass die Verstorbenen ein fremdes Land betreten, in dem sie sich nur dann zurechtfinden, wenn sie schon im Diesseits mit seiner Sprache, seinen Forderungen und Lebensbedingungen vertraut gemacht wurden. Christentum,Theosophie und Spiritismus setzen unterschiedliche Schwerpunkte. Die Theosophie legt den Schwerpunkt auf die Schuldfrage. Die Menschenseele bringt nach dieser Anschauung ins aktuelle Leben schon schwerwiegende karmische Belastungen mit, die erst durch mehrere künftige Wiederverkörperungen abgegolten werden können. Im experimentellen Spiritismus fehlt das Verlangen nach erfahrbarer Gottesnähe. Er interessiert sich hauptsächlich für die physikalischen Kräfte der Geister, für Identifikationsbeweise und Zukunftsschau. Lügengeister und Dämonen spielen ebenfalls eine wichtige Rolle, die Spiritisten halten sie aber durch geduldiges Bemühen der Diesseitigen für bekehrungsfähig. Auch die Theosophie bezweifelt eine endgültige Hölle, kennt aber einen zeitlich begrenzten Aufenthalt in höllenartigen Sphären. - Es gibt auf keinem Gebiet so viel Schönfärberei und falsche Regeln wie im Hinblick auf den Lebensabend und die Zeit nach dem endgültigen Abschied. Der schlechteste Rat für Greise und unheilbar Kranke ist, alle möglichen Vergnügungen der verbleibenden kurzen Zeitpanne bis zur Neige auszukosten. Dadurch wird die letzte Chance einer Erkenntnis und Wiedergutmachung von Schuld sinnlos verspielt. Ein verhängnisvoller Trugschluss ist auch die Ansicht, der Tod würde in jedem Fall der Übergang in ein jenseitiges Schlaraffenland mit unaufhörlicher Engelsmusik, ewigem Frieden und ungetrübter Harmonie sein. Jede Sekte oder esoterische Weltanschauung, die das verspricht, flunkert und vertröstet mit leeren Versprechungen. Wenn es auch innerhalb der christlichen Konfessionen deutliche Glaubensunterschiede gibt, sind sie sich doch über die Existenz von Himmel, Fegefeuer und Hölle einig. Allein schon diese Dreiteilung bedeutet, dass Christen das Jenseits als einen Ort der Belohnung und Abrechnung, jedenfalls als einen Ort der Rechtfertigung akzeptieren. Das unterstreicht die ungeheure Wichtigkeit des irdischen Lebens, es bedeutet aber auch, dass allein der freie menschliche Wille das Jenseits gestaltet. Es kann einst ein blühender Garten, aber auch eine trostlose Wüste sein.
 

 

Sonntag, 18. November 2012

Todesnähe und Tod

Die Nahtoderlebnisse sagen sehr viel über den Aufbau der menschlichen Person, aber wenig über ein Weiterleben im Jenseits aus. Sie führen nur bis zu einer unüberwindlichen Schranke, an der den körperlosen Wesen bedeutet wird, dass sie im irdischen Leben noch Aufgaben zu erledigen haben und dass sie noch nicht reif für die Ewigkeit sind. Für viele ist diese Rückkehr aus einem schwerelosen, schmerzfreien Zustand in die raue Wirklichkeit eine herbe Enttäuschung. Doch die meisten berichten nach ihrer Genesung, dass sich ihr Leben grundsätzlich geändert hat. Es war ihnen ein Blick in eine Welt vergönnt, von der es keine allgemein zugänglichen Reiseberichte, Landkarten und Wegweiser gibt. Diese kurze Begegnung mit einer surrealen Wirklichkeit hat in den meisten Fällen keine Angst ausgelöst, sondern ein Gefühl der Geborgenheit. Der Tod erscheint nun nicht mehr als die unausweichliche Vernichtung aller Zukunftsperspektiven, des Wissens und aller Verdienste, sondern als ein Übergang des Persönlichkeitskerns in eine endgültige Daseinsebene. Eine wichtige Tatsache lässt alle materialistischen Deutungsversuche als Folgen von Narkotika, Drogen und Hormonen fragwürdig erscheinen. Diese Verunglückten / Todeskandidaten / Wiederbelebten wurden in der Todesnähe mit Ereignissen konfrontiert, die ganz persönlich auf sie zugeschnitten waren : der Zeitraffer ihrer Lebensläufe mit dem Hervorheben des ethischen Handelns, Versagens oder Schuldigwerdens; die Personen, die ihnen begegneten, waren nicht Fremde, sondern bedeutungsvolle Verwandte oder Freunde; was auf wortlose Weise mit ihnen gesprochen wurde, war ebenfalls nur für sie bestimmt und erhellte Schicksalsfügungen des bisherigen Lebens; auch das Lichtwesen bedeutete einen transzendenten Hinweis; für die Frommen war es Jesus oder eine andere göttliche Person ihrer Konfession, für die Agnostiker zumindest eine wohlgesinnte Symbolfigur. Was die meisten Zurückgekehrten aus dieser Vorstufe des Jenseits berichten, ist die totale Änderung ihrer Einstellung zum Leben und zum Tod. Sie verabschiedeten sich von einer leichtfertigen, oberflächlichen Lebensweise. Sie sahen nun ihre künftige Aufgabe in einer bewussten Abkehr von Egozentrizität und einer verständnisvollen Zuwendung zu den Mitmenschen. - Dennoch besteht die Gefahr voreiliger Schlüsse. Nicht alle Nahtoderscheinungen zeigen die klassisch-romantische Form einer lichtvollen, paradiesischen Gegend und die Begegnung mit wohlwollenden Personen und Engelwesen. Schon K.Osis und Erlandur H. berichten vereinzelt von beängstigenden Jenseitsregionen und furchteinflößenden Horrorgestalten. Zwischen Todesnähe und Tod besteht ein gravierender Unterschied. Der Geistleib ist noch durch eine Silberschnur mit dem physischen Leib verbunden. Die Abnabelung durch den Tod schafft völlig neue Situationen. Nun erst öffnet sich die goldene Pforte, die während der Nahtodphase hermetisch verschlossen war. Hier enden zwangsläufig alle Berichte von Nahtoderfahrungen, die in den letzten Jahren lawinenartig angewachsen sind. Auch die Theologen helfen kaum weiter, sie verstecken sich bei diesem Thema hinter einer verschämten Wortkargheit oder flüchten in Phrasen. Das müsste nicht sein. Es gibt im christlichen Raum viele heilige und profane Visionäre, denen ein Blick oder sogar ein ausführliches Erleben der jenseitigen Wirklichkeiten hinter der goldenen Pforte vergönnt war. Selbst die Angst vor Täuschungen und Irrwegen entschuldigt nicht die Interesselosigkeit, allen Spuren dieses faszinierenden Landes Jenseits nachzugehen, das eine Ewigkeit lang unsere Heimat sein wird. Schon der gesunde Menschenverstand wird den vorurteilsfrei Suchenden dazu verhelfen, die Geister zu unterscheiden und die Spreu vom Weizen zu trennen.
 
 

Sonntag, 11. November 2012

Nahtoderfahrungen (NTE)

Im Jahre 1975 veröffentlichte der amerikanische Psychiater Raymond Moody "Life after life" (deutscher Titel: "Leben nach dem Tod"). Dieses Buch eines Mediziners war ein Meilenstein der Jenseitsforschung. Moody hatte an Krankenbetten die Erfahrungen gesammelt, dass viele Schwerverletzte, die sich teilweise in einem Zustand des klinischen Todes befanden, nach dem Erwachen aus der Ohnmacht über eigenartige und völlig unerwartete Erlebnisse berichteten. Sie befanden sich außerhalb ihres Körpers und konnten bei vollem Bewusstsein alle Bemühungen der Ärzte und der Sanitäter um ihren verletzten Körper beobachten. Moody hatte schon während seines Studiums durch einen Klinikarzt von paradoxen Phänomenen Sterbender erfahren. Er interessierte sich für dieses Neuland und sammelte nun systematisch Berichte über die letzte Phase des Hinscheidens, aber auch über Reanimierte, die einen Infarkt oder eine schwere Verletzung überlebten. In seinem ersten Buch veröffentlichte er 150 ausgesuchte Fälle, die bei aller Verschiedenheit doch eine Reihe typischer Merkmale aufweisen : Sterbende haben das Gefühl, sich durch einen langen, dunklen Gang zu bewegen; sie gewöhnen sich langsam an den fremdartigen Zustand, einen neuen Körper zu besitzen, der ihren bewusstlosen physischen Leib aus der Vogelperspektive beobachten kann. Verstorbene Verwandte und Bekannte nähern sich ihnen und begrüßen sie; häufig erscheint ihnen ein Lichtwesen; das vergangene Leben läuft wie ein Film vor ihren geistigen Augen ab. - Gleichzeitig, aber unabhängig von Moody, beschäftigten sich noch zwei weitere Ärzte mit NTE, der Lette Karlis Osis und der Isländer E. Haraldson. Sie kamen aus der parapsychologischen Ecke und interessierten sich hauptsächlich für außersinnliche Wahrnehmungen, vor allem für Telepathie. Nahtoderlebnisse waren für sie und ihr Forscherteam nur ein Randgebiet, doch das änderte sich rasch mit der zunehmende Fülle des Beweismaterials. Ihr gemeinsames Buch "Der Tod - ein neuer Anfang" ("At the hour of death"), wurde ein Bestseller und ist in seiner wissenschaftlichen Gründlichkeit auch heute noch ein Standardwerk dieses Gebietes. - In einer materialistischen Weltanschauung ist kein Platz für NTE. Sie befasst sich ausschließlich mit dem physischen Leib, der mit dem Tod zugrundegeht. Das Weiterleben eines Teiles der menschlichen Persönlichkeit wäre nach atheistisch-materialistischer Auffassung auch sinnlos, da kein Jenseitsland einem irgendwie gearteten Geistleib ein Weiterleben bietet. Diese vielfältigen Erscheinungen an der Todesschwelle können folglich nur Halluzinationen, Vergiftungen oder Wirkungen körpereigener Hormone sein. In der Psychopathologie sind eine Reihe von Phänomenen bekannt, die auch bei NTE auftreten : die Einbildung, sich selbst außerhalb des Körpers fremd und teilnahmslos gegenüberzustehen; Träume, in denen sich der Träumende als hellwach empfindet und eine paradiesische Welt erlebt. Außerdem stehen Sterbenskranke im Klinikbetrieb meist unter starken Schmerz-, Beruhigungs- und Schlafmitteln, deren Nebenwirkungen Persönlichkeitsveränderungen und Halluzinationen provozieren können, z.B. Phantome von beängstigenden fremden Personen im Krankenzimmer. Wenn außerkörperliche Bewusstseinszustände während Operationen auftreten, kann deren Ursache das Narkosemittel oder die Anreicherung des Blutes mit Kohlendioxyd sein.Tatsächlich ist es im Experiment gelungen, eine Reihe von NTE mit Hilfe von Narkotika und Drogen zu imitieren. Dennoch bleibt ein großer Rest von Unerklärlichem. Ein eindeutiger Beweis für einen realen Out-of-body-Zustand ist, wenn sich der aus dem physischen Leib ausgetretene Geistleib auf größere Distanz entfernt und in einem akustisch und optisch vom Operationssaal abgeschirmten Nebenraum Gegenstände sieht und Gespräche mitanhört, die der Kranke nach seinem Erwachen berichtet und die sich verifizieren lassen. - Wer grundsätzlich von einem unsterblichen Geistleib und von einem Jenseitsland überzeugt ist, braucht keine schlagenden Beweise dafür. Skeptiker und Materialisten werden lebenslang nach dem Funktionieren dieser Tricks suchen und möglicherweise nie oder erst einige Minuten nach ihrem Tod restlose Gewissheit bekommen.

Sonntag, 4. November 2012

Engel und Menschen

Mechthilde Schönwerth, die Tochter des bekannten Volkskundlers F.X.Schönwerth, besaß seit Kindheit eine elitäre Gabe. Die intelligente, hochgebildete und lebenstüchtige Frau lebte neben ihren Alltagspflichten gleichzeitig in einer jenseitigen Welt. Sie sah fast ständig ihren Schutzengel und höherrangige Engelsgestalten. Diese Begabung ist im Christentum keine Seltenheit. Die katholische Kirche kennt viele Heilige / Selige, die diesen Umgang mit ihren Schutzengeln pflegten. Einige der prominentesten sind der Pfarrer von Ars, Pater Pio, Anna-Katharina Emmerick und Kreszentia von Kaufbeuren. In ihren Heiligsprechungsakten finden sich darüber hinaus noch viele weitere interessante Psi-Phänomene. Mechthild Schönwerth unterscheidet sich von diesen Heiligen dadurch, dass ihr die Engel weniger zu ihrer persönlichen Beratung und Tröstung, sondern zur Zuteilung caritativer Aufgaben gesandt wurden, zur Hilfe für Sünder, Sterbende und Verstorbene. Ein weiteres auffallendes Merkmal war, dass sie an wechselnden farblichen Äußerlichkeiten der Erscheinungen erkannte, ob ihr persönlich freudige Ereignisse oder Schicksalsschläge bevorstanden. - Der österreichische Theologieprofessor F.Holböck (1913-2002) war der Überzeugung, dass die Engel in ihrer reinen Geistnatur den Menschen an Verstandesschärfe und Willenskraft überlegen sind. Der göttliche Auftrag veranlasst sie aber, den Menschen bereitwillig zu helfen, sie zu erleuchten, ihnen beizustehen und zu dienen. Holböck fasst die Aufgaben der Engel in mehrere Bereiche zusammen : Sie wenden Gefahren und Übel des Leibes und der Seele ab; sie wehren böse Geister ab; sie flößen gute Gedanken ein; sie bringen die Gebete der Gläubigen vor Gott und beten für sie. Nach Meinung vieler Kirchenväter ist jedem einzelnen Menschen von Geburt an ein Engel zugeteilt. Je nach geistiger Reife und Aufgabenbereich des Betreffenden kann diesen Schutzengel noch ein weiterer Engel aus einer höheren Hierarchie unterstützen. Thomas von Aquin war zudem der Überzeugung, dass Gemeinden und Ländern, vor allem aber spirituell orientierten Gemeinschaften, Spezialisten aus den Engelshierarchien zugewiesen sind. - Der Schutzengel ist nicht nur der ständige Begleiter während des irdischen Lebens, er steht uns auch beim Sterben zur Seite und führt nach dem Tod unseren vom physischen Leib getrennten Geistleib in die jenseitigen Gefilde. Er ist während des göttlichen Gerichtes anwesend, das über unser weiteres Schicksal entscheidet und geleitet uns anschließend in die verschiedenen Abstufungen des Paradieses oder des Fegefeuers. Nur vor der Pforte eines einzigen Jenseitsortes, der Hölle, trennt er sich endgültig und unwiderruflich von uns. - Es hängt ganz vom einzelnen Menschen ab, in welchem Verhältnis er zu seinem Schutzgeist steht und ob es ihm gelingt, während des irdischen Lebens eine Freundschaft zu ihm aufzubauen. Es gibt vier Möglichkeiten der Entscheidung : die Bereitwilligkeit, die Gleichgültigkeit, die Unwissenheit und die Ablehnung. Leider dominiert in unserer Zeit eine gleichgültige Unwissenheit, die zur Ablehnung führt. Häufig fehlt es schon an der unerlässlichen Vorstufe einer Engelsbeziehung, an der Aufgeschlossenheit zu den Mitmenschen. Erst, wer sich aus der Verkapselung ins eigene Ich für eine hilfsbereite Zuwendung zu seinen Nächsten öffnet, ist reif zur höheren Oktave der Engelsfreundschaft.

Sonntag, 28. Oktober 2012

Die Engel

Ein wichtiger Schwerpunkt esoterischer Literatur liegt in der Hochschätzung der Engel. Die Autoren verstehen darunter freundlich gesinnte unsichtbare Wesen, Natur- und Schutzgeister, deren Sympathie und Hilfe man durch meditative Versenkung und Rezitieren von Mantras erwerben kann. Auch christliche Schriftsteller schließen sich diesem Trend an und nähern sich mit Erkenntnissen der Tiefenpsychologie diesem Thema. Die Entmythologisierung der Theologie hat auch vor den Engeln nicht Halt gemacht und sie als Phantasiegebilde enttarnt. Populärreligiöse Lebenshilfebücher sehen in ihnen keine personalen Wesen mehr, sondern Ausstülpungen des Unterbewusstseins, die aber trotz ihrer Fiktivität für die Seelenhygiene nützlich sind. Ein Großteil der europäischen Gesellschaft trennt sich auf diese Weise langsam und unwiderruflich von einem ernsthaften Glauben an eine jenseitige Welt und von einer Verantwortung gegenüber einer himmlischen Hierarchie. Biblischer Schöpfungsbericht und Privatoffenbarungen zeigen jedoch einen ganz anderen Blickwinkel.- Aus den Visionen der Hildegard von Bingen lässt sich schließen, dass Gott die Schöpfung mit der Erschaffung von zehn gewaltigen Engels-Chören begonnen hat, um mit ihrer Hilfe das Weltall zu regieren. Einer der zehn Chöre unter Luzifer rebellierte gegen Gott und wandte sich in Hochmut und Ungehorsam von ihm ab. Der Herr entmachtete den abtrünnigen Erzengel und seine Trabanten, verstieß sie aus dem Himmel und stürzte sie in die lichtlose Tiefe. Die verbliebenen neun Chöre haben im Weltgeschehen wichtige Aufträge zu erfüllen und stellen den Kontakt zwischen Gott und dem Kosmos her. Sie sind Gottes Hofstaat, die innigsten Vertrauten seiner Entscheidungen und sein verlängerter Arm. Die "Seraphim" betrachtet man als die Engel des Lichtes und der Liebe, sie umschweben Gottes Thron. Die "Cherubim" reflektieren Gottes Wissen und Weisheit, sie bewachen die Tore des Paradieses. Die "Throne" repräsentieren Lebensenergie und Machtbefugnis über den Kosmos. Die "Herrschaften" sind die Symbole der Pflichterfüllung und übermitteln die Beweise göttlicher Gnade der Erde. Der Lauf der Gestirne und alle Naturgesetze, Mathematik, Astronomie und Physik, unterliegen der Verantwortung der "Mächte". Sie besitzen auch die Freiheit, Naturgesetze außer Kraft zu setzen und Wunder zu ermöglichen. Die "Gewalten" beschützen den Himmel vor allen negativen Einflüssen der irdischen Sphäre und vor gehässigen Angriffen der gefallenen Engel. Die "Fürstentümer" wachen über die irdischen Regenten, Völker und Gemeinschaften, sie symbolisieren Recht und Gerechtigkeit. Die "Erzengel" verkünden den Menschen durch Propheten und Visionäre göttliche Botschaften. Die "Engel" stehen den Menschen am nächsten. Sie dürfen zwar menschliches Schicksal nicht beeinflussen, doch können sie raten und helfen. - Engel treten zwar oft als Stellvertreter Gottes auf, doch sind sie kein Ersatz für Gott und machen ihn auch nicht überflüssig. In seinen Händen liegt für immer die Oberherrschaft. Die Engel sind dienende Geschöpfe, denen gegenüber keine anbetende Verehrung, sondern nur Hochschätzung und Dankbarkeit angebracht ist. Der Umstand, dass jeder Mensch, jede Nation, jedes Land, jede Stadt, jede Gemeinschaft den Engeln anvertraut ist, bedeutet keine Bevormundung. Die menschliche Willensfreiheit wird durch sie nicht angetastet, Engel kommen nur, wenn ihr Beistand erwünscht ist. Der Himmel drängt sich nie auf. Es steht den Menschen in jeder Situation frei, sich auf ihren eigenen Verstand, ihre körperliche Kraft und die Beurteilung ihrer Zukunftsperspektiven zu verlassen oder sich jenseitige Unterstützung für die Erkenntnis ihres Lebenssinnes und ihrer endgültigen Ziele zu erbitten.

Samstag, 20. Oktober 2012

Tierseele

Nach dem Schöpfungsbericht formte Gott Mensch und Tier aus Ackererde. Das lässt in übertragener Bedeutung darauf schließen, dass sich der Schöpfer bei der Gestaltung der beiden physischen Körper eines gleichen oder ähnlichen Bauplans bediente. Außerdem verlieh er beiden die Lebens-, Bewegungs- und Empfindungsfähigkeit (Vitalkraft). Im Gegensatz zum Tier hat aber Gott dem Menschen als besondere Bevorzugung seinen göttlichen Geist eingehaucht. Das Tier besitzt deshalb nur einen physischen Körper und die Vitalkraft (Seele), der Mensch jedoch Körper, Seele und Geist. Die ewige Streitfrage, ob Tiere eine Seele besitzen, kann man also eindeutig mit Ja beantworten, diese Seele ist allerdings sterblich. Was beim Menschen für ewig überlebt, ist der gotteingehauchte Geist. - Der Seelenleib, den Mensch und Tier gemeinsam besitzen, dient den Tieren noch mehr als der physische Leib zur Kommunikation mit den Artgenossen. Zwar können sie sich durch eine Vielzahl von Lauten und Zeichen miteinander verständigen, doch das genügt nicht bei temporeichen Tieraktivitäten, bei blitzartig drohenden Gefahren, die einem Wildrudel, einem Vogel- oder Fischschwarm drohen. Hier kommt nur eine andere Verständigung in Frage, für die es in der wissenschaftlichen Zoologie keine befriedigende Definition gibt. Ebenfalls schwer erklärlich ist auch die systematische Ordnung und Zielstrebigkeit, die in einem Termitenhügel und einem Bienenstock herrschen. Da Ameisen,Termiten, Bienen und Wespen kein vernunftgesteuertes Organisationstalent und keine akustischen Verständigungsmöglichkeiten besitzen, gehen professionelle Zoologen von einer "vierfachen Wurzel der Instinkte" (Entelechie, Erbgedächtnis, natursomnambule Wahrnehmungsweise und Gruppenseele) aus. Den Terminus "natursomnambule Wahrnehmungsweise" kann man getrost durch "Telepathie" ersetzen. Diese laut- und zeichenlose Gedankenübertragung scheint der wichtigste Faktor der Gruppenseele zu sein, ohne die es zu keinem Gestaltungsziel kommt und ohne die auch ein Erbgedächtnis nichts vermöchte. - Der englische Zoologe Rupert Sheldrake hat mit seinem Forscherteam eine überwältigende Anzahl kritisch hinterfragter Fälle über die telepathischen Fähigkeiten der Tiere dokumentiert. Sogar noch öfter als bei Wildtieren erlebte er bei domestizierten Tieren übersinnliche Fähigkeiten. Je mehr das Haus-, Zoo-, oder Zirkustier zu einem bestimmten Menschen eine Beziehung aufgenommen hat und je intensiver die Sympathie des Tierhalters zu seinem Schutzbefohlenen ist, desto enger ist auch die telepathische Bindung des Tieres zu ihm. Es gibt sehr viele Zeugnisse, dass Hunde und Katzen die Absichten, Gefühle, Stimmungen und körperlichen Verfassungen ihres Besitzers "lesen" können. Sie wissen häufig lange vor den Angehörigen, wann ihr Besitzer von einer Reise zurückkommt, sie finden über weite Strecken zu ihm zurück, wenn sie von ihm getrennt wurden, sie wittern es, wenn ihn eine tödliche Krankheit befällt. Beim Tier ist der Seelenleib noch ursprünglicher angelegt als beim Menschen, bei dem die Steuerung durch den Verstand und die Mitteilung durch die Sprache dominiert. Während alle höherentwickelten Tierrassen generell telepathische Fähigkeiten besitzen, ist sie beim heutigen Menschen auf eine relativ kleine Gruppe von Hochsensitiven beschränkt. Doch auch von diesen gibt es sehr viele zuverlässig dokumentierte Fallschilderungen über okkulte Erfahrungen auf den Gebieten der Telepathie, Telekinese, dem Aurasehen, der Präkognition und Prophetie. Der Unterschied liegt darin, dass beim Tier die Sinne des Seelenleibes schon zu Lebzeiten aktiviert sind, sie sich beim Menschen in vollem Umfang aber erst nach dem Überschreiten der Todesschwelle öffnen. - Die Tragik der Tierseele liegt in ihrer Sterblichkeit. Das Tier hat im Gegensatz zum Menschen keine Jenseitsperspektiven. Es hat nur sein kurzes irdisches Dasein, das häufig freudlos verläuft und grausam endet. Adam erhielt einst von Gott den Auftrag, jedem seiner tierischen Mitgeschöpfe einen Namen zu geben. Die Tiere sollten ihm Mitarbeiter und Partner sein, für deren Schutz er verantwortlich war. Wir Nachkommen Adams laden eine schwere Schuld auf uns, wenn wir uns dieser Pflicht entziehen.

Sonntag, 14. Oktober 2012

Mensch und Tier

Biblischer Schöpfungsbericht und Evolutionslehre stehen sich unversöhnlich gegenüber. Entweder hat Gott den Kosmos, Engel, Menschen und Tiere erschaffen oder belebte Organismen entwickelten sich zufällig aus Proteinklumpen. Aus Einzellern wurden Mehrzeller, aus Pflanzen Tiere und aus Tieren Menschen. Der Sprung vom Tier zum Menschen ist eine fantastische Vorstellung, sie kann uns mit Stolz erfüllen. Ein geistig beschränkter Vierbeiner richtete sich auf, bildete die Vorderfüße zu wichtigen Greifwerkzeugen aus, vergrößerte seinen Schädel und füllte ihn mit Gehirnmasse. Mehrere Antriebe leiteten ihn dabei, sich Fühlen, Sprechen und Denken anzueignen, der Kampf ums Überleben, die Auslese von Lebenstauglichen und Unerwünschten, der Ehrgeiz, seinen Wohlstand ständig zu verbessern und sich vor allem der Konkurrenten durch mehr Stärke und Wissen zu entledigen. Humanitäre Kriterien spielten mit Ausnahme eines geringen Altruismus gegenüber den nächsten Angehörigen keine große Rolle. Obwohl die Evolutionstheorie in einigen Punkten widerlegt wurde, ist sie immer noch in allen Sparten der Naturwissenschaften richtungweisend. Man kann sogar überspitzt sagen, ihre Philosophie prägt heute die Lebensverhältnisse der ganzen Welt. - Die christliche Theologie versucht seit etwa dreißig Jahren eine ernsthafte und kompromissbereite Annäherung an den Darwinismus, doch zu einem Schulterschluss braucht es noch eine gute Weile. Vermutlich wird es nie dazu kommen, die Voraussetzungen klaffen zu weit auseinander. Die Evolution benötigt keinen Schöpfergott, es verläuft zwar alles nach konsequenten Gesetzen, doch bedingen sie keinen erkennbaren transzendenten Verursacher. Man könnte sich von beiden Seiten einem wichtigen Punkt des Abstammungsproblems nur nähern, würde man danach fragen, ob es zwischen Tier und Mensch eine Ähnlichkeit gibt, die auf einer unbezweifelbaren Verwandtschaft basiert. Auf jeden Fall existiert ein sehr schwerwiegender Unterschied, das Tier ist der Sklave seiner Instinkte, der Mensch besitzt einen freien Willen. Es wird nie gelingen, Hund und Katze zu Pflanzenfressern und Kühe zu Fleischfressern umzufunktionieren, ebensowenig läßt sich der Hahn zur Monogamie und der Panther zum Kuscheltier erziehen. Die Tiere sind in die enge Begrenzheiten ihrer Art und Rassentriebe eingesperrt, der Mensch kann sich frei für Liebe oder Hass, Gesetzestreue oder Verbrechen, eine lebenslange Ehe oder für wechselnde Beziehungen, für Sexualität oder Enthaltsamkeit, für Fleischnahrung oder Vegetarismus entscheiden. Die Freiheit des Menschen geht sogar so weit, dass er sich in vielen Verhaltensmustern seinem angeblichen Vorfahren angleichen kann. Je mehr er dies allerdings in die Tat umsetzt, desto weiter entfernt er sich von seiner Menschenwürde. Ausgesprochen animalisches Verhalten bedeutet, im Gemeinschaftsleben die Hackordnung eines Hühnerhofs oder die Verfolgungstaktik eines Wolfsrudels zu befolgen, sich unerwünschten Nachwuchses zu entledigen, sich in aller Öffentlichkeit nackt zu präsentieren, rücksichtslos seine Rivalen durch Vertreibung oder Tötung zu beseitigen. - Bei der weitverbreiteten Vorliebe für tiergemäßes Benehmen ist die sonstige Missachtung, die der Mensch den Tieren entgegenbringt, abstoßend. Wenn man von seiner Affenliebe zu Schoßhündchen, von seiner kumpelhaften Sympathie für Reitpferde, Hunde und Katzen, von seiner pädagogisch bedingten Wertschätzung für Zoo- und Zirkustiere absieht, herrscht Gefühllosigkeit bis Grausamkeit, die in einer erschütternd hemmungslosen Bestialität gegenüber Schlacht- und Versuchstieren gipfelt.

Sonntag, 7. Oktober 2012

Die Fähigkeiten des Seelenleibes

Der Seelenleib ist der "innere Arzt", wie ihn sich Paracelsus vorgestellt hat. Ohne ihn ist Gesundheit nicht möglich. Nach Infekten mobilisiert er Abwehrkräfte, regt nach Blutverlusten eine vermehrte Bildung roter Blutkörperchen an, heilt gebrochene Knochen, sorgt für Erholung im Schlaf, Erwärmung in der Kälte, Beruhigung im Stress. Doch seine Aufgabe besteht nicht nur darin, die Organe des physischen Körpers zu beleben und zu regenerieren. Er besitzt latente geistige Sinne, die den fünf Sinnen des Körpers entsprechen, aber in der Lage sind, das Unsichtbare zu sehen, das Unhörbare zu hören, das Verborgene und Zukünftige zu wissen, das Weitentfernte zu tasten und zu bewegen. Er kann den physischen Leib zeitweilig verlassen. Im Schlaf, durch ein Band mit dem Körper verbunden, trennt er sich vom Leib und tankt in einem Traumland neue Kräfte für den irdischen Alltag. - Mohlberg hat in Erfahrung gebracht, dass sensible Menschen die Emanation des Seelenleibes schimmern sehen. Viele können sie fühlen, die Radiästheten messen sie. Sie umgibt und umwaltet als Vitalfluid mit außergewöhnlicher Beweglichkeit den irdischen Leib, kann sich ausdehnen und zusammenziehen, den Platz wechseln und die Form verändern. Trotzdem ist sie eng mit dem physischen Leib verbunden, jede Störung der Psyche wirkt sich in Soma aus und umgekehrt. Der Seelenleib ist jedoch nicht nur die belebende Kraft des Körpers, er ist als Träger der Gefühle und Leidenschaften der Diener des Geistleibes. Der Geistleib ist als Auferstehungsleib für ein ewiges Leben im Jenseits bestimmt. Als Keim ist er in jedem Menschen angelegt, doch muss ihn das irdische Leben zur Reife führen, soll er nicht nur eine Möglichkeit oder eine Verheißung bleiben. Die Seele als Bindeglied zwischen Körper und Geist überträgt dem Geist die Erfahrungen, Verdienste und Verschuldungen des physischen Leibes. Dieses Wissen schließt eine große Verantwortung ein. Es bedeutet, ethische Gebote nicht durch Überbetonung körperlicher Bedürfnisse zu vernachlässigen. - Die drei Wesensglieder des Menschen Soma, Psyche und Pneuma sind gleichwertig und bilden eine funktionelle Einheit. Allerdings werden sie vom öffentlichen Bewusstsein in ihrer Bedeutung unterschiedlich bewertet. Verständlicherweise dominiert das Sichtbare und Messbare des physischen Leibes. Mit ihm arbeitet die Anthropologie, Naturwissenschaft und Medizin. "Seele" ist zwar ein oft gebrauchter Begriff, doch meint er meist die Charaktereigenschaft "Gemüt". Wenn die Medizin von Seelenleiden spricht, versteht sie darunter gemütsspezifische Defekte des Nervensystems, die häufig mit organischen Erkrankungen im Zusammenhang stehen. Noch weniger kann der allgemeine Sprachgebrauch mit "Geist" anfangen. Er wird mit Verstand und Vernunft des menschlichen Gehirns in Zusammenhang gebracht, das lässt nicht auf ein eigenständiges Wesensglied schließen. - Trotzdem ist es ein Trugschluss, den physischen Leib mit der menschlichen Gesamtpersönlichkeit zu identifizieren. Wer sich nicht gewaltsam von dieser Schablone befreit, dem bleiben viele Rätsel ungelöst. Nur wenn der kritische Beobachter aller augenscheinlichen und okkulten Phänomene den Sprung von einer einseitigen Beschränktheit zu einer Dreigliederung wagt, erhält das menschliche Dasein in seiner Leben, Tod, Welt, Himmel und Hölle umspannenden Einheit seinen beglückenden Sinn.

Sonntag, 30. September 2012

Die Seele

Der Schweizer Professor Mohlberg OSB kommt in seinen schriftstellerischen Werken zu einem schlüssigen Aufbau der menschlichen Person. Er beruft sich bei seiner Dreigliederung Soma = Körper, Psyche = Seele und Pneuma = Geist auf den Apostel Paulus. Der Körper ist im Mutterschoß gebildet, Gegenstand der Chemie und Physik, der Anatomie, Physiologie und Pathologie. Er ist der Gegenpol des Geistes und sein Haus. Der Geist ist unsterblich, dem Menschen eingehaucht, von Gott herkommend, zu Gott hinbestimmt, der edelste Ausdruck menschlichen Seins.
Doch was ist unter "Seele" zu verstehen? Für Mohlberg ist sie das für Körper und Geist äußerst wichtige Bindeglied. Er beschreibt sie genau und ist der Ansicht, dass viele Phänomene der Metaphysik im Dunkeln bleiben, wenn man ihre Bedeutung unterschätzt und nicht die Erfahrungen zahlreicher Forscher ausschöpft, die sich mit der geheimnisvollen Seele befassen. Sie haben dafür verschiedene Namen gefunden : Astralleib, vitales Fluid, Od, Aura und Helioda. - Der Begriff Astralleib = siderischer Leib findet sich schon bei Paracelsus, "Od" wurde vom Chemiker und Industriellen Reichenbach (1788 - 1869) geprägt, "Helioda" vom Begründer der Naturell-Lehre Huter(1861 - 1912). Aura wird in der okkulten Literatur als Ausstrahlung eines Energiekörpers beschrieben. "Aureole" als Begriff eines den ganzen Körper umfassenden Lichtscheins ist eine klarere Aussage. - Allerdings sollte man nicht Ursache und Wirkung verwechseln. Der Astralleib ist der Energiekörper, Od, Aura oder Helioda sind seine Emanationen, seine Ausströmungen. Sinnvoll wäre es, auf den heute missverständlichen Begriff "Astralleib" zu verzichten und ihn "Seelenleib" zu nennen, "Pneuma" entspricht dann dem "Geistleib". - Der Seelenleib ist ein unsichtbarer Leib im sichtbaren physischen Leib. Paracelsus umschreibt das Verhältnis beider Körper etwa folgendermaßen : "Der physische Leib ist Fleisch vom Fleisch Adams, er ist den Gesetzen der Materie unterworfen. Der Seelenleib jedoch ist dem physischen eingegliedert, ähnelt ihm im Aussehen, ist aber von anderer Art. Er ist ein subtiles "Fleisch", das nicht zu binden oder zu fassen ist. Wenn er den physischen Leib vorübergehend oder für immer verlässt, bedarf er keiner Türe, keines Schlupfloches, er geht durch Mauern und Wände und zerbricht nichts." Es waren in der Geschichte der Menschheit nicht nur philosophische Spekulationen, die zu diesen Auffassungen von den verschiedenen Schichten der menschlichen Person führten, sondern außergewöhnliche, oft beängstigende Phänomene. Es gibt vermutlich schon immer Spukerscheinungen, Erfahrungen mit Telepathie, Telekinese, Prophetie und Wunderheilungen. Diese Tatsachen lassen auf Kräfte schließen, die von menschlichen Körpern zu Lebzeiten oder nach dem Tod ausgehen, deren Urheberschaft aber nach den bekannten physikalischen Gesetzen unerklärlich ist. Es bestehen mehrere Möglichkeiten der Stellungnahme zur Welt des Paranormalen, Metaphysischen, Transzendenten und Parapsychologischen. Man kann sie ignorieren, bespötteln oder als Halluzination, Selbsttäuschung oder Betrug abtun. Wer aber an der Wahrheit interessiert ist, sollte sie vorurteilsfrei prüfen. Eine einzige eindeutig dokumentierte Geistererscheinung, eine von einem einzigen glaubwürdigen Zeugen beobachtete Levitation oder Bilokation oder eine einzige wissenschaftlich unerklärliche Spontanheilung könnte schon ausreichen, das anscheinend festbetonierte physikalische Menschenbild in Frage zu stellen. Es gibt jedoch von all diesen Dingen nicht nur ein paar wenige Dokumentationen, sondern tausendfache Fallsammlungen.

Sonntag, 23. September 2012

Luzifer und Ahriman

Das Böse, seine Herkunft und Macht, hat die Menschen schon immer interessiert. Es übt eine große Faszination aus, erregt die Neugierde und jagt dennoch Angst ein. Seine Allgegenwart legt den Gedanken nahe, es sei eine dem Guten gleichwertige Kraft, die ständig mit dem Guten im Kampf liegt und beste Chancen hat, zu gewinnen. Bei Rudolf Steiner tritt das Dämonische in zwei gegensätzlichen Gestalten auf, in Luzifer und Ahriman. Es sind zwei schillernde Persönlichkeiten, die der Menschheit nicht feindlich, sondern neutral gegenüberstehen und sie mit gefährlichen wie nützlichen Gaben beschenken. Die Gestalt des Ahriman entnimmt Steiner der zoroastrischen Theologie, als Goetheverehrer gleicht er sie aber auch dem Mephisto aus Goethes Faust an. - Der Sündenfall Luzifers beraubte den Menschen zwar der Unsterblichkeit des physischen Leibes, doch Luzifers ausgleichende Gabe für diesen Verlust ist die Fantasie, die Kraft der Imagination, die Begeisterungsfähigkeit für Firlefanz und vor allem die Befreiung aus der göttlichen Oberhoheit. Er verführt den Menschen dazu, sich von seinem Ego bis zur völligen Selbstvergötzung leiten zu lassen. Luzifer-Besessene sind die Selbstherrlichen, die von ihrem einmaligen Sendungsbewusstsein und ihrer Ausstrahlung überzeugt sind und alle Mitmenschen als ihre Knechte und Marionetten betrachten. - Das Geschenk Ahrimans an die Menschen ist der eiskalte Intellekt und das materielle Denken. Ahriman verwandelt die Menschen in Automaten und den Kosmos in eine überdimensionale Maschine. Während Luzifer versucht, den Menschen seinen irdischen Pflichten zu entfremden und in ein virtuelles Reich zu locken. führt ihn Ahriman in die völlige Verweltlichung, in das Bestreben, sein Heil ausschließlich im Wohlstand zu suchen. Seine schlimmsten Geschenke sind der Strukturierungs- und Regulierungswahn, die seelische Verhärtung und geistige Vergreisung. Luzifer und Ahriman haben die Menschen Gott abspenstig gemacht und sich an seine Stelle als Ratgeber und Weltenlenker gesetzt. Luzifer ist der Herr der Nacht, Ahriman der Herr des Tages. Luzifer benützt die Nacht zu seinen Eingebungen, Ahriman bedient sich des wachen Bewusstseins. - Der erweckte Mensch soll sich nach Steiners Ansicht den beiden Kräften öffnen. Gelingt es ihm durch einen spirituellen Schulungsweg, sowohl die imaginative Fantasie wie auch das emotionslose Kalkül kontrolliert in sich einzulassen, hilft es ihm zu seiner Lebensgestaltung.- Bei einer weiterführenden Betrachtung bringt Steiner nur mehr Luzifer ins Spiel. Er unterscheidet bei der Struktur des Menschen zwischen einem niederen und einem höheren Ich. Das niedere Ich ist die Egozentrizität Luzifers. Im höheren Ich lebt Christus als das universelle Ich, mit dessen Hilfe Luzifer erlöst und das "Neue Jerusalem" geschaffen werden kann. - Das Christentum sieht die Verhältnisse grundsätzlich anders. Gott ist Gott und Satan ist Satan. Luzifer ist der durch Hochmut und Ungehorsam gefallene Erzengel. Seine Abkehr von Gott und von allen geistgesegneten Geschöpfen Gottes, den Engeln und Menschen, ist endgültig, ebenso seine Verdammung. Er hat weder die Möglichkeit noch den Wunsch, den Menschen irgendwelche geistigen und materiellen Gaben zu schenken. Dazu ist nur Gott in der Lage. Verspricht sich der suchende Mensch von Luzifer weltbewegende künstlerische Inspirationen und von Ahriman eine Erweiterung seiner Intelligenz bis zur lückenlosen Erkenntnis des Kosmos, so triftet er in die Irre ab. Ebenso, wenn er sich von Dämonen Befreiung aus Hunger, Krieg, Not und die Einladung in ein jenseitiges Paradies erwartet. Dies alles kann sich der Mensch nur selbst mit Gottes Hilfe erarbeiten.

Sonntag, 16. September 2012

Das Christusbild der Anthroposophen

Rudolf Steiner stellt Christus in den Mittelpunkt der Welt, sogar des ganzen Kosmos. Er ist für ihn das höchste Geistwesen, das zur Erlösung der aus der Sonnenwelt in die Materie gefallenen Menschheit auf die Erde kam. Doch sein Christusbild hat mit der Christologie der traditionellen christlichen Kirchen nichts mehr zu tun. Wenn er auch immer betonte, hauptsächlich durch mystische Schau zu seinen Erkenntnissen gelangt zu sein, lassen sich doch einige Quellen erkennen, aus denen er schöpfte. Er verbindet gnostische Überlieferungen mit der Geheimlehre der jüdischen Kaballah und Anschauungen des Okkultismus. - Als sich Orient und Okzident von der Vielgötterei verabschiedet und zum Monotheismus gefunden hatten, blieben noch viele Fragen offen : Die zu allen Zeiten auf die Menschheit hereinbrechenden Naturkatastrophen, Kriege, Epidemien und die Kluft zwischen unverdient reich und unverschuldet arm ließen eher auf einen ungerecht-strengen Herrschergott als auf einen gerecht-liebevollen Vater schließen. - Die "Gnosis", eine Religionsrichtung des zweiten Jahrhunderts nach Christus, löste das Problem durch die Annahme zweier Gottheiten, eines vollkommenen Gottes der Liebe und eines grausamen Demiurgen. Sie sahen in Jahwe des Alten Testamentes diesen hartherzigen Schöpfergott, der nicht dem Gott der Liebe Jesu Christi gleichen konnte. Christus musste daher das geistige Kind des guten Gottes sein. - Eine weitere wichtige Quelle war die Kaballah, eine jüdische Geheimlehre. Aus ihr hat Steiner die Gestalt des Adam Kadmon entnommen, die erste Menschenschöpfung Gottes, die in Gehorsam zu ihm verblieb, während sich der Stammvater Adam von Luzifer zur Abkehr von Gott verführen ließ. - Das Mysterium von Golgatha war für Rudolf Steiner das zentrale Ereignis der Menschheitsgeschichte. Doch auch Jesus ist der Reinkarnation unterworfen. Er ist die Wiedergeburt des Adam Kadmon, des Urmodells, des reinen, sündelosen Archetypen des Menschen. Auf den zwölfjährigen Jesus ging im Tempel, als er auf einer Pilgerreise mit seinen Eltern in Jerusalem zurückblieb, der Geist Zarathustras über und erfüllte ihn mit Weisheit. Während der Taufe im Jordan durch Johannes inkarnierte sich dann in diesen Menschen Jesus ein hohes geistiges Wesen, der göttliche Logos. Beim Kreuzestod auf Golgatha verband sich der Christusgeist mit der gesamten Erde und ist nun nach einem Übungsweg zur Erlangung der mystisch-intuitiven Schau von allen Menschen erfahrbar. - Was einen grundsätzlichen Unterschied zur traditionellen Christologie darstellt, ist das Herausbrechen Christi aus der Dreifaltigkeit Gott Vater, Gott Sohn und Gott Heiliger Geist. Auch die Eingießung einer himmlischen Wesenheit während der Taufe erhebt ihn nicht zum Sohn Gottes, er bleibt ein Geschöpf, die Verkörperung des engelgleichen Menschen Adam Kadmon. - Mit dem scheinbaren Kontrast zwischen dem Gottesbild des Alten und Neuen Testamentes haben sich Kirchenväter und Kirchenlehrer jahrhundertelang auseinandergesetzt und sind zu der Überzeugung gelangt, dass auch der streng-gerechte Gott Jahwe ein Gott der Liebe ist, der seinem auserwählten Volk trotz dessen häufiger Abkehr immer wieder die Hand zur Versöhnung reichte. Die Erlösung geschah in traditionell christlicher Sicht nicht durch einen mit dem Logos erfüllten reinen Menschen, sondern durch die Menschwerdung Gottes, durch ein Herabsteigen Gottes zur größtmöglichen menschlichen Nähe.

Sonntag, 9. September 2012

Die Weisheit vom Menschen

Rudolf Steiner war ein kluger Kopf. Der promovierte Philosoph hatte schon vor seinem Kontakt mit der "Theosophischen Gesellschaft" (TG) eine stattliche akademische und literarische Karriere aufzuweisen. Er gab in Weimar die naturwissenschaftlichen Schriften Goethes heraus, galt als Experte für Kant, Schopenhauer und Nietzsche und hatte deren Werke einem interessierten Publikum schon durch eine Menge Fachartikel und Vorträge nahegebracht. Obwohl er sich zu diesem Zeitpunkt noch als Sozialist und Anarchist betrachtete, luden ihn die Theosophen häufig zu Vorträgen ein. - Trotz seiner großen Verehrung für Nietzsche stieß ihn dessen respektlose Gottesfeindlichkeit ab, auch in der gesamten Philosophie dieser Epoche fand er keine Antworten auf seine spirituellen Fragen. Deshalb interessierte er sich für die Geheimlehren seiner neuen Gönner und schloss sich bald der TG an. Was ihn hier fesselte, war das Suchen nach den Spuren göttlichen Anrufs in allen religiösen Strömungen. Vor allem in der asiatischen Lehre vom Karma und der Reinkarnation fand er viele Rätsel gelöst, die sich ein Wissensdurstiger angesichts der nicht immer offensichtlichen Liebe Gottes zu seinen Geschöpfen stellt. - In der TG wurde Steiner bald das beste Pferd im Stall. Er war ein suggestiver Redner, der sich mit intuitiver Sicherheit dem geistigen Niveau seiner Zuhörer anpassen konnte, bestand es nun aus Fabrikarbeitern, gebildeten Bürgern oder Gelehrten. Die deutsche Sektion der TG boomte durch ihn und konnte sich vor Mitgliederandrang kaum retten. - Doch allmählich kam es zu einer Entfremdung zwischen Steiner und der TG. Ihn störte die ausschließliche Hinwendung zum hinduistischen Pantheismus. Er suchte nach dem wahren Gottesbild und war davon überzeugt, dass nur die richtige Menschenerkennnis dafür die Voraussetzung schafft. Konsequent trennte er sich von der TG, gründete die "Anthroposophische Gesellschaft" und gab schon durch deren Namen zu erkennen, welche Prioritäten er setzte. Aufbauend auf Aristoteles, Goethe und Paracelsus unterteilte er den Menschen in leibliche, seelische und geistige Wesensglieder. Davon interessierten ihn vorerst drei leibliche Komponenten; die seelischen und geistigen fasste er in dem Oberbegriff "Ich" zusammen. Dieses Schema entspricht der seinerzeit gültigen Klassifizierung der drei Naturreiche in Mineralien, Pflanzen und Tiere, zu denen als viertes der Mensch hinzukommt. Dieser ist mit seinen drei Wesensgliedern am Naturreich beteiligt, ragt aber mit seinem Ich heraus. Diese Ordnung teilt den Menschen in vier Komponenten ein : 1, physischer Leib. 2, Ätherleib (Lebensleib, Bildekräfteleib), 3, Astralleib (Seelenleib, Empfindungsleib), 4, Ich-Organisation. - Nur der physische Leib aller Lebewesen ist den menschlichen Augen sichtbar, einen unsichtbaren Ätherleib besitzen Pflanzen, Tiere und Menschen, einen ebenfalls unsichtbaren Astralleib Tiere und Menschen. Das "Ich" ist der Wesenskern des Menschen, der die drei anderen Glieder durchdringt und verändert. Es überlebt als einziges Teil den Tod für alle Ewigkeit, der physische Leib geht sofort im Tod zugrunde, die zwei anderen "Leiber" sterben nach kürzerer oder längerer Zeit. - Für Steiner war vor allem wichtig, in welchem Verhältnis zur Welt diese Wesensglieder stehen. Hier fand er bei Goethe ein brauchbares, dreigliedriges Modell : "Leib" entspricht den Menschen und ihrer gesamten Umwelt, "Seele" bezeichnet die Art, wie die Welt zu einer menschlichen Angelegenheit geformt wird, "Geist" ist das Ziel, zu dem die Menschheit unaufhörlich hinstreben soll.

Sonntag, 2. September 2012

Seelenwanderung?

Die heute in jeder kirchenfernen Spiritualität grassierende Lehre von der Reinkarnation ist ein asiatischer Import. Zwar haben schon die alten Griechen, der Dichter Pindar, der Mathematiker Pythagoras und der Philosoph Empedokles mit der Seelenwanderung geliebäugelt, doch spätestens Aristoteles hat sich von diesen Spekulationen verabschiedet. - Ende des 19.Jahrhunderts begründete der Spiritist Allan Cardec eine westliche Wiederverkörperungslehre, die sich von den asiatischen Formen wesentlich unterscheidet. Im Hinduismus ist das innerste Wesen des Menschen eine unsterbliche Seele, die sich nach dem Tod des Körpers je nach Verdienst und Schuld nach geraumer Zeit in einem Menschen, einem Tier oder einem Gott wiederverkörpert. Der Buddhismus stellt die Unsterblichkeit der Seele in Frage, stimmt aber sonst mit der hinduistischen Ansicht überein. Die westliche Reinkarnationslehre ist von Wiederverkörperungen ausschließlich in Menschen, jedoch in männlich-weiblichem Wechsel, überzeugt. - Von einer All-Seele in einem überirdischen Raum spalten sich Seelen ab, die vorerst noch unbeschriebenen Blättern gleichen. Sie werden in die Welt hineingeboren, bekleiden sich mit einem menschlichen Leib, sammeln Erfahrungen, erwerben Verdienste und begehen Verbrechen. Beim Sterben legen sie den Leib ab und steigen mit ihren Verdiensten und Verunstaltungen in eine jenseitige Welt auf. Hier durchlaufen sie mehrere Sphären, werden von Engelwesen belehrt und kehren nach geraumer Zeit wieder auf die Erde zurück. Dies wiederholt sich so oft, bis die vollkommene Reinheit erreicht ist. Dann erst hat sich die Seele aus dem Rad der Wiederverkörperungen befreit und geht in der göttlichen Allseele auf. - Was die modernen Sinnsucher an der Reinkarnation fasziniert, ist die Möglichkeit einer zweiten Chance. Im nächsten oder übernächsten Leben kann fertiggestellt werden, was im gegenwärtigen nicht gelungen ist. Der Tod verliert den Schrecken der Endgültigkeit, er ist nur mehr das Ablegen eines alten Gewandes, das in der Neugeburt durch ein neues ersetzt wird. Auch der Gedanke einer ausgleichenden Gerechtigkeit leuchtet ein. Verdienste des gegenwärtigen Daseins werden durch Talente, Schandtaten durch Makel der morgigen Seelenhülle Leib vergolten. Die Hauptverfehlungen eines schlimmen Daseins Gier, Hass, Verblendung und Unwissenheit können durch nachfolgende Lebensformen gebüßt werden und enden nach dem schrittweisen Ablegen aller Schuldverstrickungen in einem ewigen Wohlgefühl oder einem Nichtmehrsein. - Dazu steht in schroffem Widerspruch die christliche Auffassung. Nach ihr hat Gott den Adam aus Ackererde geformt, ihn mit Lebenskraft durchseelt und ihm seinen Geist eingehaucht. Jeder Mensch ist eine einmalige Einheit aus Leib, Vitalität und Geist. Im Tod stirbt sein von Vitalkraft durchseelter Leib. Sein gotteingehauchter Geist, beladen mit den Schätzen, die ihm sein Körper während des Lebens verdient und gezeichnet von den Verbrechen, mit denen er ihn verunstaltet hat, geht in das Jenseits ein. Hier gibt es für den Menschengeist, der außer dem physischen Leib noch alle Charakteristika seiner einstigen Persönlichkeit besitzt, ein einziges und endgültiges Ziel, die ewige Gottesnähe. Nach christlichem Verständnis ist dies ein Ort der Erquickung, der Seligkeit des Friedens und der Klarheit des göttlichen Lichtes. Wie rasch dieses Ziel erreicht wird, hängt vom Zustand des Geistleibes ab. - Die Chance, Schuld abzubüßen und sich höherzuentwickeln, besteht nicht in einem immer wieder neuen Abstieg in die Erdatmosphäre, sondern in mehreren Jenseitsstufen, in denen der Geistleib von den Schlacken des Lebens gereinigt und zur Erkenntnis der göttlichen Wahrheit geführt wird. Der äußerst seltene geheiligte und heilspendende Mensch bedarf dieser Reinigung nicht, er geht ohne Verweilen in die himmlische Herrlichkeit ein. Der lebenslange Teufelsanbeter und fanatische Gottesfeind kommt wunschgemäß in das Hoheitsgebiet seines anverlobten und hochverehrten Fürsten, das landläufig als Hölle bezeichnet wird. - Wir sind die Kinder und Enkel einer endlos langen Kette von Vorfahren. Wir sind ihre Erben, wir genießen ihre Verdienste und büßen ihre Schuld. Nicht wir selbst haben in einer Kette von Wiederverkörperungen unser heutiges Schicksal verursacht. Die vielen Spielarten des Menschseins mit Aufstieg und Fall, mit Tugend und Laster, mit Fleiß und Trägheit haben unseren Leibern Begabungen und Mängel, Schönheit und Entstellungen verdient. Ob wir es wollen oder nicht, wir sühnen die Schuld unserer Vorfahren, die Schuld der ganzen abtrünnigen Menschheit. Von dieser Schuld können wir uns nicht selbst erlösen, nur Gott kann uns in seinem Verzeihen aus ihr herausführen.

Sonntag, 26. August 2012

Theosophie gestern und heute

Ursprünglich versteht man unter Theosophie eine mystische Lehre, die philosophische Begriffe in religiöse Anschauungen umsetzt und alles Wissen unmittelbar auf Gott bezieht. Christliche Theosophie geht davon aus, dass dem auf Gottes Wort Hörenden göttliche Weisheit geschenkt wird und leitet davon die Aufgabe ab, das Denken vom Glauben her fruchtbar zu machen. Theosophie steht im Gegensatz zu einer Theologie, die sich nur auf begriffliches Denken und Abstraktionen stützt. - Davon unterscheidet sich aber völlig die Ende des 19.Jahrhunderts entstandene "Theosophische Gesellschaft", die sich aus spiritistischen, buddhistischen, hinduistischen und sehr wenig christlichen Elementen entwickelte. Grundlage waren die schriftstellerischen Werke der Deutschrussin Helena Blavatsky (1831 - 1891), die zum Teil auf medialen Offenbarungen durch hohe jenseitige Meister basierten. Die Quintessenz aller Religionen, Philosophien und Wissenschaften bildete das Glaubensbekenntnis dieser neuen Theosophie. Allerdings verschwand der alttestamentliche Gottesbegriff mit der Zuwendung zum Buddhismus immer mehr zugunsten der Auffassung einer unpersönlichen Allseele, Allgegenwart, Allmacht und Alldurchdringung. Interessant ist dennoch das Schema der vielgestaltigen Zusammensetzung des Menschen aus sieben "Leibern", vor allem, wenn man es mit dem Bild der Naturwissenschaft vergleicht, die uns nur einen Tierleib zugesteht. In dieser Lehre steht im Mittelpunkt die Seele, der physische Körper ist nur eine Hülle, die im Tod wie ein Gewand abgelegt und in vielen kommenden Leben durch neue Hüllen ersetzt wird. - Die Gründer der "Theosophischen Gesellschaft", Helena Blavatsky und der Amerikaner Olcott hatten die Absicht, eine allumfassende Bruderschaft ohne Unterschied von Rasse, Glauben, Geschlecht und Bildungsstand ins Leben zu rufen. Das Ziel war der Einsatz in selbstloser Liebe für andere Menschen, Tiere und Pflanzen. Diese Einheit allen Seins sollte durch geschwisterliches Handeln zu einer individuellen Überzeugung aller Mitglieder ausreifen. Doch dieser Plan erwies sich als Utopie. Schon zu Lebzeiten der Blavatsky traten erhebliche Zweifel an der Glaubwürdigkeit ihrer medialen Offenbarungen auf. Die sich zuerst lawinenartig ausbreitende Theosophische Gesellschaft zerfiel nach dem Tod der Gründerin sehr rasch in eine Reihe kleiner Sektionen, die sich heftig anfeindeten. In der Folge gab es wieder zaghafte Rückkehrversuche zum persönlichen Gottesglauben, doch der Gott der Theosophen ist blass und emotionslos. Er ist Schöpfer, Baumeister, Gesetzgeber, Ordnungshüter, aber keineswegs Vatergott. Noch fremdartiger und bizarrer ist das Jesusbild von Rudolf Steiner. Die von ihm begründete Anthroposophie, die sich zumindest in Deutschland und in der Schweiz einen festen Platz in der Pädagogik, der biologischen Ernährungslehre und der Alternativmedizin erobert hat, ist eine Tochter der Theosophie. Sie konnte als straffe Organisation überleben. Trotzdem sind nicht die nur für eine intellektuelle Elite verständlichen Werke Rudolf Steiners, sondern vereinfachte Gedankengänge der ursprünglichen Blavatsky-Theosophie mit ihrer buddhistisch-hinduistischen Lehre von Karma und Reinkarnation die wichtigsten Ideengeber der modernen Esoterik.

Sonntag, 19. August 2012

Die Sichtweise der Magie

Magie bewirkt eine Beeinflussung und Veränderung von Ereignissen, Menschen und Gegenständen mit Hilfe übersinnlicher Kräfte. Auch Politik, Pädagogik und Medizin erstreben eine Veränderung bestehender Unzulänglichkeiten, doch bedienen sie sich dabei realer Mittel. Übersinnliche Kräfte sind unsichtbar, ungreifbar, indifferent. Sie können gut und böse sein, Aufbau und Zerstörung bewirken. Anhänger magischer Strömungen legen zwar Wert auf eine Unterscheidung zwischen weißer und schwarzer Magie, aber beide Formen arbeiten mit Beschwörungen, mit dem Herbeizwingen okkulter Kräfte. Man kann getrost weiß und schwarz in einen Topf werfen, denn gute Engelsmächte gehorchen dem Menschen nicht auf Kommando, ihre Hilfe lässt sich nur erbitten. Anders die dämonische Welt, sie läßt sich herbeizitieren und ist zu einem Kuhhandel bereit, stellt aber ihre Bedingungen. - Magie ist knallharter Teufelskult, Hexerei, Zauberei. Der Magier sucht Verbindung zu dämonischen Kräften, weil er leichterworbenen Reichtum, unangefochtene Macht, langdauernde Jugendkraft will. Der normale Weg zu Wohlstand und Ansehen ist ihm zu beschwerlich. Er spekuliert darauf, dass er von der Zaubermacht Luzifers etwas abbekommt, wenn er sich durch seine Gesinnung oder ein Ritual an ihn bindet. Bei ihm sind die Seiten der Himmel-Hölle-Betrachtung vertauscht. Sein Götze ist Satan. Er verehrt in Luzifer den kühnen Rebellen, der in einem mutigen Aufbegehren das Joch Gottes abgeschüttelt und dadurch die absolute Freiheit errungen hat. Völlig anders sieht es der Christ : Luzifer hat dem Herrn seinen Auftrag, die göttliche Lichtfülle bis in die äußersten Fernen des Kosmos zu tragen, vor die Füße geworfen und sich mit Hohn von ihm abgewandt. Vom Mitarbeiter Gottes hat er sich zum erbitterten Widersacher gewandelt, zum gehässigen Vernichter aller göttlichen Spuren. Ein Heer von Engeln schloss sich ihm an, um Gott zu entthronen und unter der Führung Luzifers den Kosmos zu regieren. Doch Gottes Engel besiegten den Rebellen und stießen ihn und seinen Anhang für alle Zeiten in die Tiefe. Luzifer verlor die Insignien seiner einstigen Herrlichkeit und das Licht des Heiligen Geistes, aber einen Teil seiner zu Zaubermacht pervertierten Kraft durfte er behalten. Damit versucht und prüft er die Menschen und zieht die Willfährigen in seinen Bann. Es ist ein Riesenirrtum, zu glauben, die Kumpanei des ersten Menschenpaares mit Satan hätte der Menschheit die Befreiung aus einer göttlichen Tyrannei und die Emanzipation zu selbständigen, selbstbestimmten, intellektgesteuerten Persönlichkeiten gebracht. Das hochmütige Übertreten eines sinnvollen göttlichen Verbotes hat im Gegenteil den Menschen für Jahrtausende der Gottesnähe beraubt. Durch den Verrat Adams ging eine unheilvoller Riss durch die ganze Schöpfung, der erst durch die Menschwerdung Christi geheilt wurde und die Pforten des Paradieses wieder aufstieß. Doch werden die Menschen auch in Zukunft das Ziel der teuflischen Versuchung und Abwerbung bleiben. Bis zum Jüngsten Tag wird Luzifer dem Wahn nachjagen, mit seiner Gefolgschaft und menschlicher Hilfe Gottes Macht brechen und die Weltherrschaft antreten zu können. - Magie ist die extremste, gefährlichste und folgenschwerste Form aller esoterischen Strömungen. Nirgends sonst gibt es eine größere Distanz zum Gottesglauben. Wie sehr heute bereits die Akzeptanz und das Hochjubeln des Bösen Einzug ins öffentliche Bewusstsein gefunden hat, sieht man in der Vorliebe der Unterhaltungsindustrie und Kunst zum Hässlich-Obszön-Fratzenhaften, der Verherrlichung von Gewalt und Zerstörung, dem Wohlwollen gegenüber der Anarchie, der Verhöhnung sinnvoller. traditioneller Ordnungen. Gott hat dem Menschen bei seiner Erschaffung außer der Vernunft und anderen wertvollen Gaben auch die Freiheit eingepflanzt. Sein Geschöpf soll in jeder Minute des Lebens die Möglichkeit besitzen, zwischen mehreren Wegen zu wählen. Gott zeigt ihm auch genau, wohin diese Wege führen, in die Höhe, in die Tiefe, in die Verheißung der Freude, in die Verlockung des Abgrunds. Trotz aller äußerlichen Zwänge kann der Mensch täglich freie Entscheidungen treffen. Er kann sich sehenden Auges in die stets offenen Arme Satans fallen lassen, aber dann muss er bereit sein, alle Konsequenzen dieser Entscheidung in Kauf zu nehmen, und sei es auch erst nach seinem leiblichen Tod.

Sonntag, 12. August 2012

"Entmythologisierung"

Mit dem Erscheinen des Buches "Jesus" von Rudolf Bultmann im Jahre 1926 begann mit der "Entmythologisierung" des Neuen Testamentes eine zunächst umstrittene, dann aber anerkannte Richtung in der protestantischen Theologie, die sich unaufhaltsam ausbreitete. Es ging darum, die Evangelien mit wissenschaftlichen Maßstäben einer strengen historisch-kritischen Prüfung zu unterziehen, in ihnen alles Wunderbare der Gottmenschlichkeit Jesu auszumerzen und nur wissenschaftlich Beweisbares und der natürlichen Biologie Entsprechendes gelten zu lassen. Logische, beweiskräftige Formulierungen und eine profunde Kenntnis der Theologie und Philosophie seiner Zeit verschafften dem anerkannten Exegeten einen überzeugten und missionarischen Schülerkreis. Es blieb nicht aus, dass dieser Funke einer anscheinend zeitgemäßen Betrachtungsweise auch auf die katholische Theologie übersprang und die Glaubensgrundlage mehrerer Generationen Studenten und künftiger Priester prägte. Dieser gravierende Unterschied zur Lehre der Kirchenväter, der Erkenntnisse aller Konzilien und der daraus resultierenden Dogmen musste die Seelsorger in einen tiefen Glaubenszweifel stürzen. Sie verkündeten nunmehr ein Evangelium, das für sie eine Ansammlung von Legenden war, sie beteten mit ihren Pfarrangehörigen ein Credo, von dem sie mindestens fünf Glaubenssätze für Falschaussagen halten mussten. - Das Christentum erlebte im Laufe seiner zweitausendjährigen Geschichte schon viele Abspaltungen, doch alle Schismen, Reformbewegungen und Sektenbildungen hielten an der Kernaussage des Christentums fest : Der Mensch ließ sich im Paradies von Satan dazu verführen, seinem Schöpfer Gehorsam und Dienst zu verweigern. Gott bestrafte diese völlige Abkehr und diesen Vertrauensbruch durch die Verbannung des Menschen auf die unwirtliche Erde. Adam und seine Nachkommen verstrickten sich hier immer mehr in Schuld, doch ebenso steigerte sich ihre Sehnsucht, ins Paradies heimkehren zu dürfen. Jesus, der Gottessohn, erbarmte sich des Menschen. Er nahm menschliches Fleisch an und opferte sich für die Abtrünnigen, indem er sich mit ihrer Schuld belud und sie durch einen schmählichen Kreuzestod sühnte. Dadurch öffnete er die verschlossene Pforte ins Paradies, durch die jeder durch Reue und Buße Gereinigte eintreten kann. Jesus Christus, der Messias und Gottmensch, ist weitgehend den biologischen Bindungen enthoben, er wirkt auf Erden nach irdischen Maßstäben unerklärliche Wunder, verwandelt Wasser in Wein, heilt Blinde, erweckt Tote, vermehrt Brot, treibt Dämonen aus, er predigt einen Weg der wahren Menschlichkeit. - Die "Entmythologisierung" bezweifelt nicht die Notwendigkeit eines Gottesbildes und der Kirche, auch nicht die Erlösungsbedürftigkeit der Sünder. Doch dieser weitgehend deformierte und demontierte Erlöser ist nicht mehr ein sich freiwillig opfernder Gottmensch, sondern ein gescheiterter Revolutionär, dessen Auferstehung vom Tod nur ein Hirngespinst oder sogar ein Täuschungsmanöver seiner Anhänger ist. - So gründlich missverstanden und fehlgedeutet wurde in der langen Kirchengeschichte noch von keiner Häresie die Gestalt des Messias. Diese angeblich nüchterne Wissenschaftlichkeit mit dem Anspruch der Historizität traf die Wurzel des Glaubens. Erst seit etwa zwei Jahrzehnten rudert vor allem die katholische Theologie kräftig dagegen, doch wird es einer langen und geduldigen Überzeugungsarbeit bedürfen, um die Spuren dieser Entstellungen zu tilgen und das wahre Antlitz des Erlösers wiederherzustellen.

Sonntag, 5. August 2012

Beunruhigende Tatsachen

Es gibt im deutschsprachigen Raum etwa zwanzig leistungsstarke Verlage, die sich auf esoterisch - spiritualistische Literatur spezialisiert haben. Deren jeweils etwa fünfzig Autoren stützen sich teilweise auf die gnostischen, theosophischen und magischen Klassiker, bringen daneben aber auch sehr viel Neues, das den Zeitgeschmack bedient. Jeder Großstadtfilialist der namhaften Buchhandelsketten bietet heute eine gutsortierte Esoterikabteilung an, die schon das populärreligiöse Angebot übertrifft. Diese Literatur verkauft sich meist als Lebenshilfe. Es läuft bei ihr darauf hinaus, Kontakte mit der "anderen Welt" herzustellen, Charakter und Schicksal durch Numerologie zu deuten, das Bewusstsein mittels Mantras oder Zen-Meditation bis zur spirituellen Erleuchtung zu erweitern, Psi-Fähigkeiten wie Hellfühlen, Hellsehen und geistiges Heilen zu lehren, in magische Praktiken einzusteigen. Alles wird üppig konsumiert, verinnerlicht und ins tägliche Leben umgesetzt. - Diese Entwicklung schockt nicht nur die Kirchen, sondern auch Pädagogen und Psychologen. In ihren Augen ist es ein leichtfertiges Spiel mit Feuer und Dynamit. Doch mit einer vernichtenden Pauschalverurteilung aller Strömungen des "Neuen Zeitalters" ist es nicht getan. Wichtiger wäre eine vorurteilsfreie Untersuchung, was der transzendenzhungrige moderne Mensch in diesem verschwommenen Halbdunkel eher findet als in der christlichen Spiritualität. - Die heutige Generation beherrscht ein übermächtiges Verlangen nach Befreiung von allen Einengungen durch moralische Normen. Sie betrachtet die christlichen Kirchen in erster Linie als Gesetzgeber und unnachgiebige Verfechter dieser Gesetze. Außerdem tendiert sie dazu, das Fremdartig-Mysteriöse höher einzuschätzen als das Einheimisch-Solide. Man kennt zwar nur sehr flüchtig die Evangelien, doch gesteht man unbesehen dem Konfuzius, der Bhagavad-Gita, dem Zarathustra und den Erleuchtungspfaden des Buddha eine tiefere Weisheit zu. Der moderne Mensch ist Individualist und Selbstdarsteller. Da hilft es auch nicht viel, dass ihm die Kirchen gefällige Gottesdienste und Events wie Weltkirchentage, Weltjugendtage und ökumenische Großveranstaltungen anbieten. Die Euphorie, die dadurch ausgelöst wird, hält nicht lange vor. Was sich die Kirchen als Langzeitwirkung versprechen, regelmäßiger Gottesdienstbesuch und verstärktes Engagement im Pfarrgemeindeleben, trifft nur in begrenztem Maß ein. Dabei sind die Kirchen beiderlei Konfessionen perfekt durchorganisiert in Vereine, Interessengruppen zur Betreuung der Armen, Alten, Kranken, in Bibel- und Gesprächskreise zur leichtverständlichen Auslegung der Evangelien und Schriften großer Theologen, zu Meditations-und Gebetsanleitungen. Doch alles läuft auf ein geduldiges Zuhören mit begrenzten Wortmeldungen und auf eine Zuweisung von ehrenamtlicher, caritativer Mitarbeit hinaus. Wer sich für die Esoterik entscheidet, will aber ganz im Gegenteil als ein absolut freies Ich einen Erleuchtungspfad mit allen nur möglichen abenteuerlichen Erfahrungen, besonders aber dem Hochgefühl der Sinnfindung, Selbstverwirklichung und Selbsterlösung einschlagen. Dazu können ihn aber die Kirchen aus naheliegenden Gründen nicht verführen.

Sonntag, 29. Juli 2012

Standortbestimmung

Will man das Interesse für die Erkenntnis des Jenseits beurteilen, kann man die Menschheit in drei Blöcke aufteilen: Der Materialist glaubt an das wissenschaftliche Weltbild, an Sichtbares, Messbares und Wägbares. Er betrachtet sich als Abkömmling der Tierwelt, der es zu einem aufrechtem Gang, zu hoher Intelligenz und Sprechfähigkeit gebracht hat, aber dennoch den triebhaften Instinkten und dem endgültigen Tod der Tierwelt ausgeliefert ist. Die zweite Gruppe besteht aus den konventionell Gläubigen. Sie legen zwar ein Lippenbekenntnis zu einem ewigen Leben ab, zerbrechen sich aber nicht den Kopf darüber, wie der künftige Aufenthaltsort ihrer Seelen in der Ewigkeit beschaffen sein könnte. Die dritte Gruppe setzt sich aus den uneingeschränkt Gottgläubigen zusammen, die sich aber im Gegensatz zur zweiten Gruppe für Einzelheiten interessieren und konkrete Fragen stellen : Welche Eigenschaften hat Gott, wie sieht die menschliche Seele, wie das jenseitige Land aus? - Materialisten, Atheisten und Agnostiker nötigen Respekt vor ihrer meist naturwissenschaftlich und philosophisch begründeten Überzeugung ab, ebenso der erkenntnisdurstige, praktizierende Gläubige. Völlig unverständlich aber ist bei denkfähigen, religiös erzogenen Menschen eine Halbbildung, ein Halbwissen bis zur völligen Ignoranz in esoterisch - transzendenten Fragen. Zu ihrer Entschuldigung ist allerdings anzuführen, dass die traditionellen christlichen Kirchen auf diesem Gebiet sehr zugeknöpft sind. Wird die Hochschultheologie beider großen christlichen Konfessionen ausdrücklich auf diese Probleme "die Beschaffenheit der Seele und das Leben nach dem Tod" angesprochen, reagiert sie ausgesprochen gereizt und flüchtet sich in blutleere Abstraktionen. Katholische und protestantische Theologieprofessoren drehen und winden sich verlegen um jede plausible Aussage herum, verrennen sich in mehrdeutige Bibelzitate, türmen Hypothese auf Hypothese, von denen eine wackeliger und nichtssagender klingt als die andere. Die lächerlichste Begründung ist, dass die christliche Religion stolz darauf ist, keine Geographie des Jenseits nötig zu haben. Andere Religionen denken da anders. Wenn sie schon für die Mühen und Ausschweifungen des Erdenlebens eine jenseitige Belohnung oder Bestrafung in Aussicht stellen, sollen ihre Gläubigen auch nach bestem Wissen darüber informiert werden, wie diese Lohn- oder Straforte beschaffen sind. Wer sich daher mit einer Horizontbegrenzung durch den eigenen Tellerrand nicht zufrieden gibt, muss sich auf Spurensuche begeben. Er wird entdecken, dass eine riesige Fülle von glaubwürdigen Zeugnissen einer jenseitigen Welt existiert.