Sonntag, 5. August 2012

Beunruhigende Tatsachen

Es gibt im deutschsprachigen Raum etwa zwanzig leistungsstarke Verlage, die sich auf esoterisch - spiritualistische Literatur spezialisiert haben. Deren jeweils etwa fünfzig Autoren stützen sich teilweise auf die gnostischen, theosophischen und magischen Klassiker, bringen daneben aber auch sehr viel Neues, das den Zeitgeschmack bedient. Jeder Großstadtfilialist der namhaften Buchhandelsketten bietet heute eine gutsortierte Esoterikabteilung an, die schon das populärreligiöse Angebot übertrifft. Diese Literatur verkauft sich meist als Lebenshilfe. Es läuft bei ihr darauf hinaus, Kontakte mit der "anderen Welt" herzustellen, Charakter und Schicksal durch Numerologie zu deuten, das Bewusstsein mittels Mantras oder Zen-Meditation bis zur spirituellen Erleuchtung zu erweitern, Psi-Fähigkeiten wie Hellfühlen, Hellsehen und geistiges Heilen zu lehren, in magische Praktiken einzusteigen. Alles wird üppig konsumiert, verinnerlicht und ins tägliche Leben umgesetzt. - Diese Entwicklung schockt nicht nur die Kirchen, sondern auch Pädagogen und Psychologen. In ihren Augen ist es ein leichtfertiges Spiel mit Feuer und Dynamit. Doch mit einer vernichtenden Pauschalverurteilung aller Strömungen des "Neuen Zeitalters" ist es nicht getan. Wichtiger wäre eine vorurteilsfreie Untersuchung, was der transzendenzhungrige moderne Mensch in diesem verschwommenen Halbdunkel eher findet als in der christlichen Spiritualität. - Die heutige Generation beherrscht ein übermächtiges Verlangen nach Befreiung von allen Einengungen durch moralische Normen. Sie betrachtet die christlichen Kirchen in erster Linie als Gesetzgeber und unnachgiebige Verfechter dieser Gesetze. Außerdem tendiert sie dazu, das Fremdartig-Mysteriöse höher einzuschätzen als das Einheimisch-Solide. Man kennt zwar nur sehr flüchtig die Evangelien, doch gesteht man unbesehen dem Konfuzius, der Bhagavad-Gita, dem Zarathustra und den Erleuchtungspfaden des Buddha eine tiefere Weisheit zu. Der moderne Mensch ist Individualist und Selbstdarsteller. Da hilft es auch nicht viel, dass ihm die Kirchen gefällige Gottesdienste und Events wie Weltkirchentage, Weltjugendtage und ökumenische Großveranstaltungen anbieten. Die Euphorie, die dadurch ausgelöst wird, hält nicht lange vor. Was sich die Kirchen als Langzeitwirkung versprechen, regelmäßiger Gottesdienstbesuch und verstärktes Engagement im Pfarrgemeindeleben, trifft nur in begrenztem Maß ein. Dabei sind die Kirchen beiderlei Konfessionen perfekt durchorganisiert in Vereine, Interessengruppen zur Betreuung der Armen, Alten, Kranken, in Bibel- und Gesprächskreise zur leichtverständlichen Auslegung der Evangelien und Schriften großer Theologen, zu Meditations-und Gebetsanleitungen. Doch alles läuft auf ein geduldiges Zuhören mit begrenzten Wortmeldungen und auf eine Zuweisung von ehrenamtlicher, caritativer Mitarbeit hinaus. Wer sich für die Esoterik entscheidet, will aber ganz im Gegenteil als ein absolut freies Ich einen Erleuchtungspfad mit allen nur möglichen abenteuerlichen Erfahrungen, besonders aber dem Hochgefühl der Sinnfindung, Selbstverwirklichung und Selbsterlösung einschlagen. Dazu können ihn aber die Kirchen aus naheliegenden Gründen nicht verführen.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen