Sonntag, 26. August 2012

Theosophie gestern und heute

Ursprünglich versteht man unter Theosophie eine mystische Lehre, die philosophische Begriffe in religiöse Anschauungen umsetzt und alles Wissen unmittelbar auf Gott bezieht. Christliche Theosophie geht davon aus, dass dem auf Gottes Wort Hörenden göttliche Weisheit geschenkt wird und leitet davon die Aufgabe ab, das Denken vom Glauben her fruchtbar zu machen. Theosophie steht im Gegensatz zu einer Theologie, die sich nur auf begriffliches Denken und Abstraktionen stützt. - Davon unterscheidet sich aber völlig die Ende des 19.Jahrhunderts entstandene "Theosophische Gesellschaft", die sich aus spiritistischen, buddhistischen, hinduistischen und sehr wenig christlichen Elementen entwickelte. Grundlage waren die schriftstellerischen Werke der Deutschrussin Helena Blavatsky (1831 - 1891), die zum Teil auf medialen Offenbarungen durch hohe jenseitige Meister basierten. Die Quintessenz aller Religionen, Philosophien und Wissenschaften bildete das Glaubensbekenntnis dieser neuen Theosophie. Allerdings verschwand der alttestamentliche Gottesbegriff mit der Zuwendung zum Buddhismus immer mehr zugunsten der Auffassung einer unpersönlichen Allseele, Allgegenwart, Allmacht und Alldurchdringung. Interessant ist dennoch das Schema der vielgestaltigen Zusammensetzung des Menschen aus sieben "Leibern", vor allem, wenn man es mit dem Bild der Naturwissenschaft vergleicht, die uns nur einen Tierleib zugesteht. In dieser Lehre steht im Mittelpunkt die Seele, der physische Körper ist nur eine Hülle, die im Tod wie ein Gewand abgelegt und in vielen kommenden Leben durch neue Hüllen ersetzt wird. - Die Gründer der "Theosophischen Gesellschaft", Helena Blavatsky und der Amerikaner Olcott hatten die Absicht, eine allumfassende Bruderschaft ohne Unterschied von Rasse, Glauben, Geschlecht und Bildungsstand ins Leben zu rufen. Das Ziel war der Einsatz in selbstloser Liebe für andere Menschen, Tiere und Pflanzen. Diese Einheit allen Seins sollte durch geschwisterliches Handeln zu einer individuellen Überzeugung aller Mitglieder ausreifen. Doch dieser Plan erwies sich als Utopie. Schon zu Lebzeiten der Blavatsky traten erhebliche Zweifel an der Glaubwürdigkeit ihrer medialen Offenbarungen auf. Die sich zuerst lawinenartig ausbreitende Theosophische Gesellschaft zerfiel nach dem Tod der Gründerin sehr rasch in eine Reihe kleiner Sektionen, die sich heftig anfeindeten. In der Folge gab es wieder zaghafte Rückkehrversuche zum persönlichen Gottesglauben, doch der Gott der Theosophen ist blass und emotionslos. Er ist Schöpfer, Baumeister, Gesetzgeber, Ordnungshüter, aber keineswegs Vatergott. Noch fremdartiger und bizarrer ist das Jesusbild von Rudolf Steiner. Die von ihm begründete Anthroposophie, die sich zumindest in Deutschland und in der Schweiz einen festen Platz in der Pädagogik, der biologischen Ernährungslehre und der Alternativmedizin erobert hat, ist eine Tochter der Theosophie. Sie konnte als straffe Organisation überleben. Trotzdem sind nicht die nur für eine intellektuelle Elite verständlichen Werke Rudolf Steiners, sondern vereinfachte Gedankengänge der ursprünglichen Blavatsky-Theosophie mit ihrer buddhistisch-hinduistischen Lehre von Karma und Reinkarnation die wichtigsten Ideengeber der modernen Esoterik.

Sonntag, 19. August 2012

Die Sichtweise der Magie

Magie bewirkt eine Beeinflussung und Veränderung von Ereignissen, Menschen und Gegenständen mit Hilfe übersinnlicher Kräfte. Auch Politik, Pädagogik und Medizin erstreben eine Veränderung bestehender Unzulänglichkeiten, doch bedienen sie sich dabei realer Mittel. Übersinnliche Kräfte sind unsichtbar, ungreifbar, indifferent. Sie können gut und böse sein, Aufbau und Zerstörung bewirken. Anhänger magischer Strömungen legen zwar Wert auf eine Unterscheidung zwischen weißer und schwarzer Magie, aber beide Formen arbeiten mit Beschwörungen, mit dem Herbeizwingen okkulter Kräfte. Man kann getrost weiß und schwarz in einen Topf werfen, denn gute Engelsmächte gehorchen dem Menschen nicht auf Kommando, ihre Hilfe lässt sich nur erbitten. Anders die dämonische Welt, sie läßt sich herbeizitieren und ist zu einem Kuhhandel bereit, stellt aber ihre Bedingungen. - Magie ist knallharter Teufelskult, Hexerei, Zauberei. Der Magier sucht Verbindung zu dämonischen Kräften, weil er leichterworbenen Reichtum, unangefochtene Macht, langdauernde Jugendkraft will. Der normale Weg zu Wohlstand und Ansehen ist ihm zu beschwerlich. Er spekuliert darauf, dass er von der Zaubermacht Luzifers etwas abbekommt, wenn er sich durch seine Gesinnung oder ein Ritual an ihn bindet. Bei ihm sind die Seiten der Himmel-Hölle-Betrachtung vertauscht. Sein Götze ist Satan. Er verehrt in Luzifer den kühnen Rebellen, der in einem mutigen Aufbegehren das Joch Gottes abgeschüttelt und dadurch die absolute Freiheit errungen hat. Völlig anders sieht es der Christ : Luzifer hat dem Herrn seinen Auftrag, die göttliche Lichtfülle bis in die äußersten Fernen des Kosmos zu tragen, vor die Füße geworfen und sich mit Hohn von ihm abgewandt. Vom Mitarbeiter Gottes hat er sich zum erbitterten Widersacher gewandelt, zum gehässigen Vernichter aller göttlichen Spuren. Ein Heer von Engeln schloss sich ihm an, um Gott zu entthronen und unter der Führung Luzifers den Kosmos zu regieren. Doch Gottes Engel besiegten den Rebellen und stießen ihn und seinen Anhang für alle Zeiten in die Tiefe. Luzifer verlor die Insignien seiner einstigen Herrlichkeit und das Licht des Heiligen Geistes, aber einen Teil seiner zu Zaubermacht pervertierten Kraft durfte er behalten. Damit versucht und prüft er die Menschen und zieht die Willfährigen in seinen Bann. Es ist ein Riesenirrtum, zu glauben, die Kumpanei des ersten Menschenpaares mit Satan hätte der Menschheit die Befreiung aus einer göttlichen Tyrannei und die Emanzipation zu selbständigen, selbstbestimmten, intellektgesteuerten Persönlichkeiten gebracht. Das hochmütige Übertreten eines sinnvollen göttlichen Verbotes hat im Gegenteil den Menschen für Jahrtausende der Gottesnähe beraubt. Durch den Verrat Adams ging eine unheilvoller Riss durch die ganze Schöpfung, der erst durch die Menschwerdung Christi geheilt wurde und die Pforten des Paradieses wieder aufstieß. Doch werden die Menschen auch in Zukunft das Ziel der teuflischen Versuchung und Abwerbung bleiben. Bis zum Jüngsten Tag wird Luzifer dem Wahn nachjagen, mit seiner Gefolgschaft und menschlicher Hilfe Gottes Macht brechen und die Weltherrschaft antreten zu können. - Magie ist die extremste, gefährlichste und folgenschwerste Form aller esoterischen Strömungen. Nirgends sonst gibt es eine größere Distanz zum Gottesglauben. Wie sehr heute bereits die Akzeptanz und das Hochjubeln des Bösen Einzug ins öffentliche Bewusstsein gefunden hat, sieht man in der Vorliebe der Unterhaltungsindustrie und Kunst zum Hässlich-Obszön-Fratzenhaften, der Verherrlichung von Gewalt und Zerstörung, dem Wohlwollen gegenüber der Anarchie, der Verhöhnung sinnvoller. traditioneller Ordnungen. Gott hat dem Menschen bei seiner Erschaffung außer der Vernunft und anderen wertvollen Gaben auch die Freiheit eingepflanzt. Sein Geschöpf soll in jeder Minute des Lebens die Möglichkeit besitzen, zwischen mehreren Wegen zu wählen. Gott zeigt ihm auch genau, wohin diese Wege führen, in die Höhe, in die Tiefe, in die Verheißung der Freude, in die Verlockung des Abgrunds. Trotz aller äußerlichen Zwänge kann der Mensch täglich freie Entscheidungen treffen. Er kann sich sehenden Auges in die stets offenen Arme Satans fallen lassen, aber dann muss er bereit sein, alle Konsequenzen dieser Entscheidung in Kauf zu nehmen, und sei es auch erst nach seinem leiblichen Tod.

Sonntag, 12. August 2012

"Entmythologisierung"

Mit dem Erscheinen des Buches "Jesus" von Rudolf Bultmann im Jahre 1926 begann mit der "Entmythologisierung" des Neuen Testamentes eine zunächst umstrittene, dann aber anerkannte Richtung in der protestantischen Theologie, die sich unaufhaltsam ausbreitete. Es ging darum, die Evangelien mit wissenschaftlichen Maßstäben einer strengen historisch-kritischen Prüfung zu unterziehen, in ihnen alles Wunderbare der Gottmenschlichkeit Jesu auszumerzen und nur wissenschaftlich Beweisbares und der natürlichen Biologie Entsprechendes gelten zu lassen. Logische, beweiskräftige Formulierungen und eine profunde Kenntnis der Theologie und Philosophie seiner Zeit verschafften dem anerkannten Exegeten einen überzeugten und missionarischen Schülerkreis. Es blieb nicht aus, dass dieser Funke einer anscheinend zeitgemäßen Betrachtungsweise auch auf die katholische Theologie übersprang und die Glaubensgrundlage mehrerer Generationen Studenten und künftiger Priester prägte. Dieser gravierende Unterschied zur Lehre der Kirchenväter, der Erkenntnisse aller Konzilien und der daraus resultierenden Dogmen musste die Seelsorger in einen tiefen Glaubenszweifel stürzen. Sie verkündeten nunmehr ein Evangelium, das für sie eine Ansammlung von Legenden war, sie beteten mit ihren Pfarrangehörigen ein Credo, von dem sie mindestens fünf Glaubenssätze für Falschaussagen halten mussten. - Das Christentum erlebte im Laufe seiner zweitausendjährigen Geschichte schon viele Abspaltungen, doch alle Schismen, Reformbewegungen und Sektenbildungen hielten an der Kernaussage des Christentums fest : Der Mensch ließ sich im Paradies von Satan dazu verführen, seinem Schöpfer Gehorsam und Dienst zu verweigern. Gott bestrafte diese völlige Abkehr und diesen Vertrauensbruch durch die Verbannung des Menschen auf die unwirtliche Erde. Adam und seine Nachkommen verstrickten sich hier immer mehr in Schuld, doch ebenso steigerte sich ihre Sehnsucht, ins Paradies heimkehren zu dürfen. Jesus, der Gottessohn, erbarmte sich des Menschen. Er nahm menschliches Fleisch an und opferte sich für die Abtrünnigen, indem er sich mit ihrer Schuld belud und sie durch einen schmählichen Kreuzestod sühnte. Dadurch öffnete er die verschlossene Pforte ins Paradies, durch die jeder durch Reue und Buße Gereinigte eintreten kann. Jesus Christus, der Messias und Gottmensch, ist weitgehend den biologischen Bindungen enthoben, er wirkt auf Erden nach irdischen Maßstäben unerklärliche Wunder, verwandelt Wasser in Wein, heilt Blinde, erweckt Tote, vermehrt Brot, treibt Dämonen aus, er predigt einen Weg der wahren Menschlichkeit. - Die "Entmythologisierung" bezweifelt nicht die Notwendigkeit eines Gottesbildes und der Kirche, auch nicht die Erlösungsbedürftigkeit der Sünder. Doch dieser weitgehend deformierte und demontierte Erlöser ist nicht mehr ein sich freiwillig opfernder Gottmensch, sondern ein gescheiterter Revolutionär, dessen Auferstehung vom Tod nur ein Hirngespinst oder sogar ein Täuschungsmanöver seiner Anhänger ist. - So gründlich missverstanden und fehlgedeutet wurde in der langen Kirchengeschichte noch von keiner Häresie die Gestalt des Messias. Diese angeblich nüchterne Wissenschaftlichkeit mit dem Anspruch der Historizität traf die Wurzel des Glaubens. Erst seit etwa zwei Jahrzehnten rudert vor allem die katholische Theologie kräftig dagegen, doch wird es einer langen und geduldigen Überzeugungsarbeit bedürfen, um die Spuren dieser Entstellungen zu tilgen und das wahre Antlitz des Erlösers wiederherzustellen.

Sonntag, 5. August 2012

Beunruhigende Tatsachen

Es gibt im deutschsprachigen Raum etwa zwanzig leistungsstarke Verlage, die sich auf esoterisch - spiritualistische Literatur spezialisiert haben. Deren jeweils etwa fünfzig Autoren stützen sich teilweise auf die gnostischen, theosophischen und magischen Klassiker, bringen daneben aber auch sehr viel Neues, das den Zeitgeschmack bedient. Jeder Großstadtfilialist der namhaften Buchhandelsketten bietet heute eine gutsortierte Esoterikabteilung an, die schon das populärreligiöse Angebot übertrifft. Diese Literatur verkauft sich meist als Lebenshilfe. Es läuft bei ihr darauf hinaus, Kontakte mit der "anderen Welt" herzustellen, Charakter und Schicksal durch Numerologie zu deuten, das Bewusstsein mittels Mantras oder Zen-Meditation bis zur spirituellen Erleuchtung zu erweitern, Psi-Fähigkeiten wie Hellfühlen, Hellsehen und geistiges Heilen zu lehren, in magische Praktiken einzusteigen. Alles wird üppig konsumiert, verinnerlicht und ins tägliche Leben umgesetzt. - Diese Entwicklung schockt nicht nur die Kirchen, sondern auch Pädagogen und Psychologen. In ihren Augen ist es ein leichtfertiges Spiel mit Feuer und Dynamit. Doch mit einer vernichtenden Pauschalverurteilung aller Strömungen des "Neuen Zeitalters" ist es nicht getan. Wichtiger wäre eine vorurteilsfreie Untersuchung, was der transzendenzhungrige moderne Mensch in diesem verschwommenen Halbdunkel eher findet als in der christlichen Spiritualität. - Die heutige Generation beherrscht ein übermächtiges Verlangen nach Befreiung von allen Einengungen durch moralische Normen. Sie betrachtet die christlichen Kirchen in erster Linie als Gesetzgeber und unnachgiebige Verfechter dieser Gesetze. Außerdem tendiert sie dazu, das Fremdartig-Mysteriöse höher einzuschätzen als das Einheimisch-Solide. Man kennt zwar nur sehr flüchtig die Evangelien, doch gesteht man unbesehen dem Konfuzius, der Bhagavad-Gita, dem Zarathustra und den Erleuchtungspfaden des Buddha eine tiefere Weisheit zu. Der moderne Mensch ist Individualist und Selbstdarsteller. Da hilft es auch nicht viel, dass ihm die Kirchen gefällige Gottesdienste und Events wie Weltkirchentage, Weltjugendtage und ökumenische Großveranstaltungen anbieten. Die Euphorie, die dadurch ausgelöst wird, hält nicht lange vor. Was sich die Kirchen als Langzeitwirkung versprechen, regelmäßiger Gottesdienstbesuch und verstärktes Engagement im Pfarrgemeindeleben, trifft nur in begrenztem Maß ein. Dabei sind die Kirchen beiderlei Konfessionen perfekt durchorganisiert in Vereine, Interessengruppen zur Betreuung der Armen, Alten, Kranken, in Bibel- und Gesprächskreise zur leichtverständlichen Auslegung der Evangelien und Schriften großer Theologen, zu Meditations-und Gebetsanleitungen. Doch alles läuft auf ein geduldiges Zuhören mit begrenzten Wortmeldungen und auf eine Zuweisung von ehrenamtlicher, caritativer Mitarbeit hinaus. Wer sich für die Esoterik entscheidet, will aber ganz im Gegenteil als ein absolut freies Ich einen Erleuchtungspfad mit allen nur möglichen abenteuerlichen Erfahrungen, besonders aber dem Hochgefühl der Sinnfindung, Selbstverwirklichung und Selbsterlösung einschlagen. Dazu können ihn aber die Kirchen aus naheliegenden Gründen nicht verführen.