Der einstige Wirtschaftsboss Zareda wurde im Schattenreich von schweren Selbstvorwürfen gequält, er hatte in seinem irdischen Leben kaum eine Schurkerei ausgelassen. Um Profit zu erzielen war ihm jedes Mittel recht, er presste aus seinen Arbeitern um einen Hungerlohn den letzten Schweißtropfen heraus, bestach die Richter, wenn es für ihn bei einem Prozess um Kopf und Kragen ging. Vor einflussreichen Politikern prunkte er mit üppigen Gastmählern, während die Armen, die er um Haus und Hof gebracht hatte, zu Gott um trockenes Brot schrien. Auch zahlreiche Liebschaften mit Untergebenen ließen sich nicht vermeiden. Wurden die Mädchen schwanger, jagte er sie davon. - Er war dreißig Jahre alt, als ihn das Schicksal mit einer vortrefflichen Frau bekanntmachte, die er ohne Zögern heiratete. Er bezauberte Laida mit seinen guten Umgangsformen, seiner Eleganz und der Fülle seiner Aufmerksamkeiten. Sie war ihm eine tüchtige Lebensgefährtin und hielt auch dann noch treu zu ihm, als er bald wieder sein ungezügeltes Junggesellenleben aufnahm. Wenn er nachts angetrunken heimkam, geriet er in Wut über ihre sanftmütige Geduld und verprügelte sie. Der vielfältige Kummer, unter dem sie jahrelang litt, untergrub Laidas Gesundheit. Sie erkrankte so schwer, dass mit der baldigen Erlösung aus ihrem Elend zu rechnen war. Zur Ehre Zaredas muss gesagt werden, dass er die letzte Lebensspanne seiner Frau häufig an ihrem Krankenbett verbrachte. Er schränkte seine bisherigen Abendunterhaltungen, Clubbesuche und Pokerrunden ein und widmete der Sterbenden seine ganze Aufmerksamkeit. Statt des ewig gleichen Geschwätzes mit seinen Sportfreunden sprach er mit seiner Frau über die Zukunft ihrer Kinder, gemeinsame Reiseerlebnisse und über Gott. Obwohl er zu religiösen Fragen keinen Bezug hatte, fand er doch immer ein paar Gemeinplätze, um wenigstens die Spur eines Interesses vorzutäuschen. Laidas Tod brachte für ihn die völlige Umkehr. Es war ihm, als würde sie weiterhin mit ihm reden und ihn ermahnen, mit seiner Vergangenheit reinen Tisch zu machen. Doch das war eine fast unlösbare Aufgabe. Ohne seinen eigenen Erben die Existenzgrundlage zu entziehen, verwandte er einen Teil seines Vermögens dazu, seine einstigen Arbeiter und außerehelichen Kinder finanziell zu unterstützen. Es blieb ihm keine lange Zeit mehr. Seine Lebenskraft war durch die Exzesse seiner Jugend schwer angeschlagen, er folgte seiner Frau nach zwei Jahren in den Tod. - Beim Sterben fühlte er sich auf den Grund eines tiefen Brunnens versetzt, über dem ein hoher Turm aufragte. Mit einem durchdringenden Glockenschlag endete sein Leben. Nur mühsam konnte er sich erheben und nach oben in ein gedämpftes rötliches Licht schweben. Er erwachte im Dämmerland und harrte der gerechten Strafe. Doch es nahte sich ihm der Engel Seraja und richtete den Verzweifelten auf. "Christus hat durch seinen Tod die Schuld der Welt getilgt und den Reuevollen das Tor zum Himmel geöffnet." Der Engel begleitete ihn vor den Richterstuhl des Erhabenen. Christus wies Zareda seinen jenseitigen Bereich zu. In der künftigen Zeit müsse er denjenigen dienen, an denen er sich während seines Lebens versündigt hatte. Er wird in jedem Fall genau erfahren, worin seine Aufgabe besteht. Seine Schuld ist gebüßt, sobald ihm alle Geschädigten, Gekränkten, Verletzten, Beleidigten und Enttäuschten aus ganzem Herzen verziehen haben. Erst dann wird ihn sein Engel in die göttliche Herrlichkeit emporführen.
Samstag, 27. April 2013
Samstag, 20. April 2013
Hasmon
Der Advokat Hasmon erwachte nach seinem Tod auf einem weiten Feld, das von einem düsteren Wald umgeben war. Zu seinem Erstaunen konnte er sich erheben und ohne Mühe fortbewegen. Er schwebte durch die Äste des Waldes und gelangte in einen dunklen, gewölbten Gang, der allmählich in die Tiefe führte. Um ihn her kroch ekelhaftes Gewürm, das sich immer größer und gefährlicher auswuchs, bis ihn an der letzten Wegbiegung ein grausiges Untier in Gestalt eines Drachens mit gierig stechenden Augen anstarrte. Bei diesem Anblick fiel er vor Schreck in Ohnmacht und erwachte erst wieder in einer dämmerigen Ebene. - Hasmon war als Fatalist der Überzeugung, dass schon bei seiner Geburt Charakter, Begabungen, Neigungen und Willensstärke unverrückbar feststanden. Sein Lebenslauf war demnach ein ihm aufgezwungenes Schicksal, dem er nicht entrinnen konnte. Zur Juristerei war er dank gutem Gedächtnis, Menschenkenntnis und analytischem Verstand eindeutig begabt, in seinen privaten Neigungen dominierten Unersättlichkeit im Essen und Trinken sowie eine starke Sinnlichkeit, die ihn zu zahlreichen Abenteuern vorwiegend mit Dirnen verführte. Da er seine Familie wirtschaftlich gut versorgte, bereiteten ihm diese Seitensprünge keine Gewissensbisse. Auch in seinem Beruf, der eigentlich der Wahrung der Gerechtigkeit dienen sollte, rutschte er schnell in ein gefährliches Fahrwasser. Seit er in einem Rechtsfall zweifelsfrei von der Schuld seines Klienten überzeugt war und dennoch für diesen Mörder einen Freispruch erzielen konnte, brach auch der letzte moralische Damm. Er wurde bald der prominente Anwalt der Unterwelt und gewöhnte sich schnell an den regelmäßigen Umgang mit Erpressern, Drogenhändlern und Zuhältern. - In dieser verlassenen Öde begegnete Hasmon einem Engel in Menschengestalt. Sie kamen miteinander ins Gespräch und Hasmon beklagte seine Enttäuschung über sein unerwartetes Weiterleben nach dem Tod und dieses ernüchternde Jenseits, das in nichts einem blühenden Paradiesesgarten mit unterhaltsamen Annehmlichkeiten glich. Auf die Frage des Engels, ob er sich im Erdenleben eine himmlische Belohnung verdient habe, antwortete Hasmon, dass er durch seine Veranlagung den allgegenwärtigen Versuchungen einer schlechten Welt niemals ausweichen konnte. Der Engel entwarf ihm als Gegensatz das Bild eines wohltätigen Menschen, der Liebe und Sanftmut übt, alle Laster flieht, jedes Vergnügen mäßig genießt und seine Leiden geduldig erträgt. Hasmon aber hatte stets die Wahrheit verdrängt, nach dem Tod alles ernten zu müssen, was er im Leben gesät hat und einer göttlichen Instanz für seine Taten Rechenschaft zu schulden. Er verzärtelte den eigenen Leib, doch im Verhältnis zu seinen Nächsten ging er in Gedanken, Worten und Werken rücksichtslos über Leichen. - Ein Posaunenstoß ertönte, der Engel enthüllte sich in seiner ganzen Pracht und entschwand den Augen Hasmons. Auch mit diesem ging eine erschütternde Verwandlung vor sich, er stand von allen guten Geistern verlassen in abstoßender Hässlichkeit, verkrüppelt und mit Aussatz übersät im Dämmer der Vorhölle. Ein gewaltiger Sog erfasste ihn und zog ihn unwiderstehlich in die nie erlöschende Glut.
Samstag, 13. April 2013
Delaja
Der Forstgehilfe Delaja führte mit seiner Familie ein bescheidenes Leben. Er war der einzige Sohn einer ärmlichen Witwe und litt in seiner Kindheit oft Hunger. Als die Mutter erkrankte und nach längerem Dahinsiechen starb, verdingte er sich bei den Bauern der Umgebung als Tagelöhner, wurde aber nach jeder Ernte wieder brotlos. Endlich fand er bei einem Gutsbesitzer eine feste Arbeitsstelle in dessen weitläufigem Waldbesitz und erwarb sich durch Fleiß und Gewissenhaftigkeit die Zufriedenheit seines Dienstherrn. Jetzt konnte er endlich heiraten und brachte es mit der Mitgift seiner Braut sogar zu einem kleinen Anwesen. - Die vorherrschende Eigenschaft Delajas war seine Frömmigkeit. Während einer schweren Erkrankung legte er vor Gott das Gelöbnis ab, jedem Bedürftigen, der ihn darum bat, nach besten Kräften zu helfen, jede Kränkung zu verzeihen und nicht nach überflüssigem Wohlstand zu streben. Sein Leben verlief nicht immer leicht, die harte Berufsarbeit wurde dürftig honoriert, doch schränkte das sein Pflichtbewusstsein nicht ein. Er hatte keine Gelegenheit, große Heldentaten zu vollbringen, er konnte keine Schiffbrüchigen vor dem Ertrinken retten, keine Eingeschlossenen aus einem brennenden Haus befreien. Wegen seiner Schüchternheit kam auch in seiner Heimatstadt keiner auf den Gedanken, ihm eine Ratsfunktion anzuvertrauen, obwohl er durch seine praktische Besonnenheit dazu gut in der Lage gewesen wäre. Eine einzige Tat hob ihn aus dem Durchschnitt heraus. Er kam rechtzeitig zu Hilfe, als sich eine verzweifelte junge Frau im Wald erhängen wollte. Er hörte sich ihre Leidensgeschichte an, brachte sie zu ihren Angehörigen und sorgte dafür, dass sie sich mit ihr aussöhnten. Verlief sein Leben sonst auch sehr unauffällig, forderte doch seine Familie viele kräftezehrende Alltagspflichten, die er ohne Murren erfüllte. Er ermöglichte seinen drei Kindern eine gute Schulbildung und hielt sie zu regelmäßiger Ordnung an, um sie vor der sonst unvermeidlichen planlosen Dummheit im Erwachsenenalter zu bewahren. Gemeinsam mit seiner Frau bemühte er sich, ihre Begabungen zu entdecken und zu fördern. Der Familie opferte er auch uneingeschränkt seine Freizeit, statt sie, wie bei Verheirateten oft üblich, mit eigenbrötlerischen Steckenpferden zu verbringen. - Während der Wochen seines Sterbens wechselten sich seine Frau und seine Kinder im Krankenzimmer ab. In der letzten Phase des Todeskampfes stand ihm sein Schutzengel Uriel zur Seite. Er war auch sein Geburtshelfer ins neue Leben und löste die Seele aus ihren letzten Verknüpfungen mit dem Leib. Mit ihr schwebte er in eine weitläufige Region von paradiesischer Schönheit. Delaja kam nicht ins Gericht, er hatte treu an Gott geglaubt und mit allen Kräften den Willen des Herrn erfüllt. Im Jenseits wurde er in einer unbeschreiblich schönen und weithin glänzenden Morgenröte verklärt, wie Uriel trug er nun auch ein Lichtkleid. Seine prachtvolle Wohnung lag in romantischen Gefilden mit Hügeln und Tälern, blühenden Lebensbäumen und unerschöpflichen Lebensquellen. Als künftige Aufgabe wurden ihm die Seelen von Heiden und Außerchristlichen anvertraut, die sich zwar nicht durch die Praxis des rechten Glaubens, aber durch ihre selbstlose, menschenfreundliche Lebensführung die Vorbereitung auf den Himmel verdient hatten.
Samstag, 6. April 2013
Ilai
Herr Ilai führte unter der Oberfläche ehrsamer Bürgerlichkeit ein schändliches Leben. Er war sehr für die Reize junger Mädchen aufgeschlossen und betrog seine Ehefrau nach Strich und Faden. Mit den jeweiligen Favoritinnen feierte er ausgelassene Feste und vergeudete damit Unsummen. Seine Geschäfte liefen gut, das Geld strömte ihm von allen Seiten zu. Für den Kommerz besaß er nicht nur eine glückliche Hand, sondern auch ein weites Gewissen und schreckte weder vor kleinen noch großen Mogeleien zurück. Seinen Angestellten war er ein unduldsam harter Vorgesetzter, den Schuldnern ein unerbittlicher Geldeintreiber, den Mächtigen gegenüber ein kriecherischer Speichellecker. Als er im Alter an einem langwierigen Krebsleiden erkrankte, erinnerte er sich vage seines christlichen Kinderglaubens. Damit war es aber schon getan. Er fasste nicht den Vorsatz, in der verbleibenden Lebenszeit soviel wie möglich wiedergutzumachen, sondern verließ sich auf Gottes Barmherzigkeit. Als er starb, vermisste er in der neuen Umgebung vor allem die Genüsse des einstigen Lebens und litt unter den vielfachen Entbehrungen. - Die Hölle besteht aus drei Abteilungen, dem Reich des Jammers, der Finsternis und des Feuers. Sie ist ein Ort qualvoller Bestrafungen, birgt aber die Möglichkeit, durch innere Umkehr ins Engelreich zu gelangen. Die Folterungen steigern sich von jammervoller Verzweiflung über einsame Finsternis bis zu unerträglicher Hitze. Vom Zeitpunkt an, in dem die geschundene Seele ihre einstigen Laster in ihrer Schwere erkennt, bereut und sich nach der Erlösung durch Christus sehnt, beginnt ihre Befreiung. Es ist aber auch das Gegenteil möglich, dass sie sich immer mehr in ihrem Hass verhärtet und keinen Wunsch verspürt, je dem Höllensumpf zu entrinnen. - Nach dem Tod drängten sich die Verstorbenen in einer weiten Ebene zu Füßen des Hochgebirges. Die Spuren ihres Lebenswandels trugen sie wie ein strahlendes Lichtkleid oder eine entstellende Verkrüppelung an sich, sie verbreiteten balsamischen Wohlgeruch oder aasartigen Gestank. Nicht lange verweilten sie in dieser Ebene. Aus dem Leuchten über den Bergen näherten sich Engel und Dämonen. Die Engel wählten die Lichtglänzenden aus und erhoben sich mit ihnen in die drei himmlischen Regionen. Die Fürsten der Unterwelt kamen in Glutwellen gehüllt riesengroß in schrecklich verzerrter Menschengestalt über das Gebirge herüber, sonderten die zur Bestrafung bestimmten Geister aus, jagten sie in gefühlloser Grobheit über das Gebirge und wiesen sie den entsprechenden Regionen zu. Ilai wurde ins Reich der Finsternis gestoßen. Hier lagerten ungeheure Felsenmassen übereinander und bildeten fürchterliche Höhlen und Schlünde. Alles zitterte wie vor einem vernichtenden Erdbeben. Die Seelen suchten sich in dieser Öde je nach Neigung das verlorene Irdische wieder zu beschaffen. Sie bauten sich wie Kinder am Strand kümmerliche Paläste, die nach Fertigstellung zusammenstürzten, sie legten Gärten mit betäubend duftenden Schlinggewächsen an, die schon im Blühen verfaulten. Sie sehnten sich nach Liebschaften, doch der attraktive Schönling verwandelte sich in Sekundenschnelle in einen hinfälligen Greis, das liebreizende Mädchen in eine runzlige alte Hexe. Wenn sie ihren Höhlen zu entfliehen suchten, wurden sie von ihren Wärtern wieder zurückgepeitscht. In diesem Reich der schwermütigen Düsternis war Herr Ildai den schmerzlichen Demütigungen durch die Dämonen ausgeliefert. In quälend endlosen Wiederholungen hielten sie ihm die Verfehlungen seines Erdenlebens vor. Duckte er sich endlich widerspruchslos unter Schlägen, Lästerungen, Spott und Hohn, ließen sie allmählich von ihm ab. Dann konnte er in jahrelangen Nachtwachen sein verpfuschtes Leben beweinen. Nun war er wieder in die Schuldlosigkeit eines durch Strafe und Reue Gesühnten zurückgeführt und reif für die Entlassung aus dem Purgatorium. Der Engel Adriel durfte ihn abholen und ihn der weiteren Unterrichtung durch Erzengel und fortgeschrittene Seelen überlassen.
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