Freitag, 29. März 2013

Zalmon

Vergeblich suchte der Biologe Zalmon in seiner neuen Welt nach Pflanzen oder Bäumen seiner irdischen Heimat. Dennoch war um ihn ein farbenfrohes Blühen und Gedeihen. Was er aber sah, konnte er nicht mit seinen wissenschaftlichen Maßstäben bestimmen, Kräuter und Blumen veränderten ständig ihre Formen, verdunsteten in seiner Hand und narrten ihn mit ihrem irisierenden Farbenspiel. Ebenso wenig fand er Gesteine, wie sie auf der Erde vorkommen, auch begegnete ihm kein einziges bekanntes Tier. Luftige, schmetterlingsähnliche Wesen ließen sich auf den Blüten nieder, entflatterten und lösten sich im Äther auf. - Zalmon war zu Lebzeiten nicht nur ein ordnungsliebender Mensch, er war ein Ordnungsfanatiker. Wie alles in der Natur in Systeme, Familien, Gruppen, Untergruppen, Verwandtschaften nach Ursprung und Form gefasst werden kann, so übertrug er dieses Katalogisieren auf das gesamte Leben. In allen Äußerungen menschlichen Tuns fand er diese konsequente Gesetzmäßigkeit. Auch sein eigenes Leben bestimmte er nach starren Regeln und nahm Anstoß, wenn andere Menschen sie ablehnten. Er war davon überzeugt, dass der sperrigen Vielfalt des Lebens nur mit einer umfassenden Reglementierung beizukommen ist. Zalmons Forschungsansatz bestand darin, die Gesetze der Mineral-, Pflanzen- und Tierwelt auch für den Menschen als allgemeingültig anzunehmen. Das war aber ein verhängnisvoller Irrtum. Der Mensch ist zwar durch seine Körperlichkeit ein Bestandteil dieser drei Reiche, er ist Mineral, Pflanze und Tier, doch wächst er durch sein Menschsein weit darüber hinaus. Es war der Fehler Zalmons, in seinen Forschungen den untergeordneten, niederen Entwicklungsstufen mehr Beachtung zu schenken als der bedeutsamen seelisch-geistigen Höhe des Menschen. - Jung-Stilling stand trotz seines Medizinstudiums jeder Überbewertung der naturwissenschaftlichen Systematisierung und einer Beschränkung auf das Messbar-Physische ablehnend gegenüber. Er bezweifelte die ausschließliche Gültigkeit von Statistiken und Versuchsreihen. Seiner Ansicht nach wird dadurch der gesunde Menschenverstand ausgeschaltet zugunsten der Lehrmeinungen titelgeschmückter Autoritäten, die ihren Schülern ihre meist kuriosen Erkenntnisse mit fachidiotischem Brimborium aufdrängen. Jeder Mensch gehorcht in seiner individuellen Ausprägung eigenen Gesetzen. Er wird krank, wenn man ihn in ein Korsett pauschaler Normen zwängt. - Die Strafe Zalmons bestand darin, dass er vom Engel Zuriel in die Dunkelheit eines Schattenreiches verwiesen wurde.. Er konnte nur durch zeitweise Blindheit von seinem sklavischen Glauben an die allgemein gültigen Gesetze der sichtbaren irdischen Welt geheilt werden. Er musste vorübergehend auf die Annehmlichkeiten der Nachtodesregion, auf die Begegnungen mit anderen Jenseitsseelen und den Blick auf ein sicheres Licht über dem Gebirgskamm verzichten. Durch die Beschränkung auf das eigene Ich konnte er der Reihe nach alle Irrtümer und Fehleinschätzungen seines Lebenslaufes erkennen und ihre Früchte wie Unkraut aus seiner Seelenverfassung tilgen.
 
 

 

Samstag, 23. März 2013

Pelon

Pelon war im diesseitigen Leben Arzt. Obgleich Jung-Stilling, der Verfasser der "Szenen", dem gleichen Beruf angehörte, ging er mit seinem Kollegen hart ins Gericht. Pelon genoss eine gute Erziehung und war in jungen Jahren vom christlichen Glauben überzeugt. Erst sein naturwissenschaftliches Studium und die Freundschaft mit Freidenkern entfremdeten ihn der Religion seiner Familie. Er wandelte sich zum Skeptiker. In seinem Herzen setzte sich ein zerstörerischer Zweifel fest, zuerst an der Wahrheit des Christentums, dann an der Existenz Gottes, an der Unsterblichkeit der Seele und an der Freiheit des menschlichen Geistes. Sein neues Glaubensbekenntnis basierte auf der Wissenschaft des menschlichen Körpers mit seinen animalischen Trieben und Bedürfnissen, seinem Funktionieren nach den Gesetzen der Vernunft, seiner Selbstherrlichkeit, die weder eine höhere Macht noch eine selbstlose Verpflichtung für die Mitmenschen anerkennt. An die Stelle der göttlichen Instanz rückte das eigene gottgleiche Ich. Der Arzt Pelon verbrachte sein ganzes Leben unter Menschen, sie vertrauten sich ihm an, sie erwarteten von ihm Hilfe. Er beriet sie nach bestem Wissen, er reparierte sie, wie man eine defekte Uhr repariert, doch blieben sie ihm in ihrer Eigenart und ihrem persönlichen Wert fremd. Meistens verachtete er sie sogar wegen ihrer geschwätzigen Wehleidigkeit und ihrer Willensschwäche. Wenn sie sein Sprechzimmer verließen, hatte er schon ihre Namen und ihre Probleme vergessen. - Es gelang ihm im Jenseits lange Zeit nicht, Kontakt mit anderen Seelen aufzunehmen. Er durcheilte immer wieder die endlosen Weiten, doch fand er nirgends durch ein Gespräch die Widerlegung seiner Befürchtungen, nun ewig in dieser Isolation zu verbleiben oder sogar diese klägliche körperlose Existenz für immer zu verlieren. Erst nach einer langen Zeitspanne begegneten ihm drei jenseitige Wesen. Der Kaufmann Hanon belehrte ihn als erste mitfühlende Menschenseele über seine eigenen Erfahrungen mit dieser unwirtlichen, symbolträchtigen Welt. Dann tauchte plötzlich aus dem Dunkel in grauenvoller Riesengröße der Dämon Avith auf, ein Abgesandter der Unterwelt. Pelon hatte zwar Satan nie bewusst verehrt, aber durch seinen Agnostizismus verbannte er Gott aus seinem Bewusstsein und öffnete sich damit zwangsläufig den Einflüsterungen der Dunkelwelt. Avith forderte vom Sympathisanten Pelon Unterordnung und ein Treuebekenntnis. Es fehlte nicht viel und er hätte Macht über den Wehrlosen erlangt, doch der Engel Azuriel kam dem Bedrängten zu Hilfe und schlug die grässliche Horrorgestalt in die Flucht. Der Engel wurde nun Pelons Begleiter und Offenbarer. Als gründlicher Kenner seiner Verirrungen zeigte er ihm alle Makel seiner unsterblichen Seele und die Heilmethoden zur Rettung. Er prophezeite ihm eine lange Zeit des Erlernens der Weisheit. Der zweifelnde Weltmensch, der im irdischen Leben keinerlei Interesse an der übersinnlichen Welt zeigte, wird im Jenseits wie ein unmündiges Kind behandelt, das sich erst die Grundbegriffe der transzendenten Wahrheit aneignen muss. Dann folgt ein weiter Weg bis zur Fähigkeit, in höhere Regionen des Lichtes aufzusteigen.
 

Montag, 18. März 2013

Hanon

Jung-Stilling leitete seine "Szenen aus dem Geisterreich" mit den Erlebnissen des Kaufmanns Hanon ein. Dieser starb mit sechzig Jahren und fand sich nach dem Erwachen der Seele aus der Ohnmacht des Todes in einer fremden Umgebung wieder. Die erste Reaktion war Schreck, Furcht und die zaghafte Erkenntnis der Körperlosigkeit. Lautlose Dämmerung umgab Hanon in einer unendlichen Weite. Das allmähliche Erfassen der jenseitigen Daseinssphäre war mit dem schmerzlichen Gefühl der Einsamkeit und der Sehnsucht nach menschlicher Nähe verbunden. Er schwebte wie auf einem Wolkenboden, unter ihm keine Erde, über ihm kein Gestirn, kein Mondstrahl. Er erinnerte sich seines Todes und sah seine trauernden Angehörigen das Sterbebett umstehen, doch verspürte er kein Heimweh nach der verlorenen Welt, nur ein zärtliches Rückbesinnen auf seine Familie und ein Mitleid mit ihren täglichen Sorgen und ihrer Plackerei. Durch die Gewöhnung fühlte er allmählich die neue Umgebung wohltuend und erquickend wie Maienluft. Am Rande der ungeheuren dämmerigen Weiten erhob sich ein mächtiger Gebirgszug, über dem ein Licht erstrahlte. Zu Füßen des Gebirges drängte sich eine Unzahl von Seelen, denen sich von Zeit zu Zeit Engelsgestalten näherten, kleine Gruppen um sich versammelten und mit ihnen über den Berg ins Licht flogen. Um der Einsamkeit zu entkommen, bewegte sich Hanon in Richtung des Berges. Hier trat ihm der Engel Azuriel entgegen. Begegnungen mit Engeln bezwecken im Jenseits ein unverhülltes Spiegelbild des eigenen Charakters und die Erkenntnis der im Leben versäumten Gelegenheiten. Engel weisen aber auch den Weg zu den Möglichkeiten der Wiedergutmachung. Azuriel kannte alle Einzelheiten aus Hanons Leben, seine beruflichen Bemühungen, Erfolge und Enttäuschungen, seine Familienverhältnisse und den Kampf mit der plötzlich auftretenden schweren Erkrankung. Trotz widriger Umstände verlor der Kaufmann im Leben nie seinen Gottesglauben, doch Azuriel setzte ihm in klaren Worten auseinander, dass dieser Glauben nur eine Fassade war, ein Aushängeschild für seine Umgebung. Er erschöpfte sich in leeren Äußerlichkeiten und mündete nicht in eine fromme Gesinnung und in ein von Nächstenliebe geprägtes Tatchristentum. Er führte seinen Schützling auf die Bergeshöhe und zeigte ihm seinen künftigen Aufenthaltsort, das Reich der Belehrung und Unterrichtung. Diese Region dient mit ihren vielgestaltigen Einrichtungen der langwährenden Aufarbeitung aller Versäumnisse des irdischen Lebens, der Umwandlung von Heuchelei in Geradlinigkeit, von Lüge in Wahrheit, von Selbsttäuschung in Selbsterkenntnis, von Hochmut in reuevolle Demut. - Der Dichter Jung-Stilling setzte sich sehr deutlich von einer weitverbreiteten Meinung der protestantischen Theologie ab, wonach das Leben im Jenseits erst an einem weitentfernten Jüngsten Tag beginnt und die Seele währenddessen im Schlafzustand in der Leiche oder ihrer Asche verborgen bleibt. Der Sterbetag dieses irdischen Lebens ist zugleich der Geburtstag in ein jenseitiges Dasein.
 
 
 
 
 
 

Dienstag, 12. März 2013

Jung-Stillings Geisterreich

Von Heinrich Jung-Stilling (1740 - 1817) existiert ein aufschlussreiches Werk "Szenen aus dem Geisterreich". Jung-Stilling war ein äußerst vielseitiges Genie, Romancier, erfolgreicher Augenarzt, Wirtschaftswissenschaftler, Hochschullehrer in Heidelberg und Marburg, befreundet mit Goethe und Herder, vor allem aber pietistischer Erweckungsschriftsteller mit großer Breitenwirkung. In seinen "Szenen" steckt das glaubende Wissen an eine jenseitige Welt. Jung-Stilling hat die Erfahrungen hellsichtiger Menschen gebündelt und in eine anschauliche Form gebracht. Seine Schilderungen führen vom Diesseits ins Jenseits und zeigen, wie alle irdischen Taten in der Seele auskristallisieren und das künftige Schicksal in der Transzendenz bestimmen. Das Leben im Diesseits ist die Zeit des Säens, die Ewigkeit im Jenseits die Zeit der Ernte. In bunter Reihenfolge kommen die Seelen Verstorbener nach ihrem irdischen Tod in die Geisterwelt und erleben sie ganz persönlich und unterschiedlich. Jede Seele bringt ihre Vergangenheit und ihren Charakter mit. Die "Szenen" schildern die Konfrontation der irdischen Mitgift mit den Ansprüchen, denen jede Menschenseele genügen muss, um das Heimatrecht in der himmlischen Ewigkeit zu verdienen. - Wie sieht ein strenger Lutheraner wie Jung-Stilling Himmel und Hölle? Auf keinen Fall steht der Dienst der Lebenden an den Verstorbenen im Vordergrund. Wahrscheinlich war Stilling schon die Benennung "arme Seelen" ein Ärgernis, auch vermeidet er peinlich den Begriff "Fegefeuer". Eine große Rolle spielen bei ihm die Engel, wobei sich die Grenze zwischen den von Gott geschaffenen Engeln und den zu Engeln emporentwickelten Menschenseelen verwischt. Engel stehen den Frommen in der Todesstunde bei, sie holen die Seelen vom Totenbett ab und geleiten sie ins Schattenreich. Sie gesellen sich in allen Stufen des Jenseits den Büßenden bei und helfen ihnen, die Schuld des Erdenlebens zu erkennen, zu bereuen und wiedergutzumachen. Sie geleiten die sich allmählich Verklärenden in immer lichtere Sphären bis zum höchsten Ziel, der Nähe und Anschauung Gottes. In Stillings Himmel gibt es im Sinne der katholischen Kirche keine Heiligen, Menschen, die sich in ihrem Erdenleben so in Liebe verwandelt haben, dass sie vom Jenseits aus für die Welt zu Katalysatoren des Eingreifen Gottes werden. Stillings jenseitiger Kosmos ist ein Ort der Entwicklung, des Lernens und der Läuterung. Je mehr es der Mensch im irdischen Leben versäumt hat, sich zur Reife emporzuschwingen, desto mühsamer ist sein Weg durch die Bereiche der Düsternis. Daneben wird aber auch die Existenz einer Hölle nicht verschwiegen. Für den reuelosen Frevler ist das Jenseits ein Ort der Begegnung mit Dämonen, die er sich im Leben durch sein Denken und Handeln herangezüchtet hat. Sie versperren ihm für immer den Weg in die Höhe. Stillings Himmel ist auf Christus fokussiert, dem es zu verdanken ist, dass dieses Jenseits nach der konsequenten Scheidung der Geister zum Ort des Verzeihens, der Heilung und der Heiligung wird.
 
 

Donnerstag, 7. März 2013

Sylvan Muldoon

Bei Muldoon findet man eine andere Zielsetzung wie bei Monroe. Der Hauptunterschied zwischen beiden Forschern besteht darin, dass Muldoon das plötzliche Auseinanderreißen von Leib und Seele in sehr jungen Jahren, Monroe erst im reifen Alter erlebte. Beide werteten dieses Schlüsselerlebnis unterschiedlich. Bei Monroe lag der religiös-weltanschauliche Aspekt im Vordergrund, den jugendlichen Muldoon faszinierte die Mechanik des Seelenaustritts und die Möglichkeit, unter einer Tarnkappe die irdische Welt zu erkunden. Erst in den nächsten Jahrzehnten wandte er sein Augenmerk jenseitigen Überlegungen zu : Spaltet sich im Schlaf die Seele immer und völlig vom Körper ab? Was bedeutet Träumen? Wieweit ist der normale Traum bereits das Erleben einer Astralwelt? Monroe, der Theosoph, differenzierte exakt die unterschiedlichen Jenseitsebenen. Muldoon, der dem Spiritismus nahestand, beschränkte sich in seinen Erkundungen auf die "Astralwelt", die unterste Region des weitgestaffelten überirdischen Raumes, und ging davon aus, dass jeder Mensch sie in seinen Träumen erlebt. Träume spielen sich in einer irrealen Umwelt ab. Orte und Gegenden, die dem Träumer bekannt erscheinen, weisen starke Verfremdungen auf. Auch die Personen, die ihm begegnen, sind ihm entweder unbekannt oder ähneln Freunden mit absurden Verzerrungen. Wer außerhalb seines physischen Leibes bewusst eine bizarre Jenseitswelt erkunden will, muss die Kunst beherrschen, das normale Tagesbewusstsein an der Grenze zwischen Wachen und Schlafen in seinen Seelenleib (Astralleib) zu leiten und sich aus seinem physischen Leib herauszubewegen. Dazu bedarf es nach Muldoon neben angeborener Begabung und eines harten Trainings auch großen Mutes, für möglicherweise unheimliche Erfahrungen den sicheren Hafen der Körperlichkeit zu verlassen. - Muldoon gelang ein Experiment, das nur wenigen Astralwanderern glückt, das Sichtbarwerden des Astralleibes, die Bilokation. Er erschien einigen informierten Bekannten zu einer vereinbarten Nachtstunde in deren Wohnräumen, wobei er meist den Weg durch die Wand nahm. Muldoon betonte immer wieder, dass er die Durchführung sämtlicher Astralreisen nur seiner Willenskraft verdankte. Er erteilte seinem Unterbewusstsein präzise Befehle, erreichte aber bei sehr schwierigen Experimenten oft erst nach einer Reihe missglückter Versuche die angepeilten Ziele. - Muldoon wagt einen kühnen Vergleich, der bei seiner sonstigen spirituellen Nonchalance überrascht. Er setzt die Astralwelt mit dem Fegefeuer des Katholizismus gleich. Sie ist nach seiner Erfahrung der Aufenthaltsort der Verstorbenen, die zu Lebzeiten völlig in der materiellen Welt aufgegangen sind und sich nie mit der Möglichkeit eines Weiterlebens auseinandersetzten. Mit allen Fasern ihres Seins hängen sie noch an der Welt, ihrer einstigen Familie, Wohnung, dem Arbeitsplatz und ihren Leidenschaften. Sie sind sich ihrer Entleiblichung nicht bewusst und leiden darunter, von ihren Angehörigen nicht mehr wahrgenommen zu werden, auf alle Tätigkeiten und Genüsse der Welt verzichten zu müssen, unerwünscht und überflüssig zu sein.