Samstag, 23. März 2013

Pelon

Pelon war im diesseitigen Leben Arzt. Obgleich Jung-Stilling, der Verfasser der "Szenen", dem gleichen Beruf angehörte, ging er mit seinem Kollegen hart ins Gericht. Pelon genoss eine gute Erziehung und war in jungen Jahren vom christlichen Glauben überzeugt. Erst sein naturwissenschaftliches Studium und die Freundschaft mit Freidenkern entfremdeten ihn der Religion seiner Familie. Er wandelte sich zum Skeptiker. In seinem Herzen setzte sich ein zerstörerischer Zweifel fest, zuerst an der Wahrheit des Christentums, dann an der Existenz Gottes, an der Unsterblichkeit der Seele und an der Freiheit des menschlichen Geistes. Sein neues Glaubensbekenntnis basierte auf der Wissenschaft des menschlichen Körpers mit seinen animalischen Trieben und Bedürfnissen, seinem Funktionieren nach den Gesetzen der Vernunft, seiner Selbstherrlichkeit, die weder eine höhere Macht noch eine selbstlose Verpflichtung für die Mitmenschen anerkennt. An die Stelle der göttlichen Instanz rückte das eigene gottgleiche Ich. Der Arzt Pelon verbrachte sein ganzes Leben unter Menschen, sie vertrauten sich ihm an, sie erwarteten von ihm Hilfe. Er beriet sie nach bestem Wissen, er reparierte sie, wie man eine defekte Uhr repariert, doch blieben sie ihm in ihrer Eigenart und ihrem persönlichen Wert fremd. Meistens verachtete er sie sogar wegen ihrer geschwätzigen Wehleidigkeit und ihrer Willensschwäche. Wenn sie sein Sprechzimmer verließen, hatte er schon ihre Namen und ihre Probleme vergessen. - Es gelang ihm im Jenseits lange Zeit nicht, Kontakt mit anderen Seelen aufzunehmen. Er durcheilte immer wieder die endlosen Weiten, doch fand er nirgends durch ein Gespräch die Widerlegung seiner Befürchtungen, nun ewig in dieser Isolation zu verbleiben oder sogar diese klägliche körperlose Existenz für immer zu verlieren. Erst nach einer langen Zeitspanne begegneten ihm drei jenseitige Wesen. Der Kaufmann Hanon belehrte ihn als erste mitfühlende Menschenseele über seine eigenen Erfahrungen mit dieser unwirtlichen, symbolträchtigen Welt. Dann tauchte plötzlich aus dem Dunkel in grauenvoller Riesengröße der Dämon Avith auf, ein Abgesandter der Unterwelt. Pelon hatte zwar Satan nie bewusst verehrt, aber durch seinen Agnostizismus verbannte er Gott aus seinem Bewusstsein und öffnete sich damit zwangsläufig den Einflüsterungen der Dunkelwelt. Avith forderte vom Sympathisanten Pelon Unterordnung und ein Treuebekenntnis. Es fehlte nicht viel und er hätte Macht über den Wehrlosen erlangt, doch der Engel Azuriel kam dem Bedrängten zu Hilfe und schlug die grässliche Horrorgestalt in die Flucht. Der Engel wurde nun Pelons Begleiter und Offenbarer. Als gründlicher Kenner seiner Verirrungen zeigte er ihm alle Makel seiner unsterblichen Seele und die Heilmethoden zur Rettung. Er prophezeite ihm eine lange Zeit des Erlernens der Weisheit. Der zweifelnde Weltmensch, der im irdischen Leben keinerlei Interesse an der übersinnlichen Welt zeigte, wird im Jenseits wie ein unmündiges Kind behandelt, das sich erst die Grundbegriffe der transzendenten Wahrheit aneignen muss. Dann folgt ein weiter Weg bis zur Fähigkeit, in höhere Regionen des Lichtes aufzusteigen.
 

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