Sonntag, 19. Mai 2013

Ausblick

Die beiden letzten Jahrhunderte haben sich ernsthaft mit der Jenseitsforschung befasst. Im Gegensatz dazu zeigt die Gegenwart einen eher spielerischen, spaßigen Umgang mit dem Leben nach dem Tod und dem Kontakt der Lebenden mit den Verstorbenen. Zwar besteht ein großes Interesse an diesem Thema, das zeigt ein Blick auf die Titel von Sachbüchern, Romanen, Kino- und Fernsehfilmen. Doch der Durchschnittsbürger nimmt okkulte Probleme nicht so ernst wie sie es verdienen, eher benützt er sie wegen ihrer meist gruseligen Verbrämung als Nervenkitzel. Wie sich die reale Welt immer mehr in eine virtuelle verwandelt, rückt auch die Option für eine Nachtod-Existenz in immer unwirklichere Fernen, so dass wir uns das Jenseits nur mehr als ein Wolkenkuckucksheim vorstellen können. Auch die Definition von "Wissen und Weisheit" hat sich grundlegend verändert. Das heutige Bildungsideal gleicht eher einer Collage aus einer Vielzahl von Oberflächlichkeiten als einem sinnvoll konstruierten Gebäude auf solider Basis. Wir schleppen ständig einen riesigen Ballast an Informationen mit uns herum, den uns Kommentatoren, Volksredner, Sektenprediger und Vulgärpsychologen aufdrängen. Diesen zähen Brei halten wir für unser universelles Wissensgut und gestalten danach unser Glaubensbekenntnis. Wir vergessen, dass wir freie, vernunftbegabte Menschen sind, die in der Lage sein sollten, aus einer bunt zusammengewürfelten Fülle sinnvoll auszuwählen, anzunehmen oder abzulehnen. - Es gibt drei große Hindernisse eines geistigen Fortschritts : Vorurteile, bornierten Konservatismus und Ignoranz. Ewig-Gestrige, Menschen mit Scheuklappen und die Nachplapperer fragwürdiger Gurus schrecken davor zurück, die Fenster in einen neuen Morgen zu öffnen und die wahren Zeichen der Zeit zu deuten. Ignoranten geben sich mit dem allgegenwärtigen Schwachsinn zufrieden und tragen kein Verlangen danach, durch spirituelle Erkenntnisse in die ethische Pflicht genommen zu werden. Solange nur wenige bereit sind, ausgetretene Pfade zu verlassen und gutgerüstet in das geheimnisvolle Land hinter dem Horizont aufzubrechen, wird die Mehrheit sich weiterhin in einem Hamsterrad abstrampeln und davon träumen, bald ans Ziel zu kommen. - Vielleicht ist es falsch, das menschliche Leben als eine Kurve zu sehen, die mit Null beginnt, im Alter von vierzig Jahren ihren Scheitelpunkt erreicht und dann bis zum Tod wieder nach Null abfällt. Wir sollten eher realisieren, dass diese Kurve erst im Tod ihren Höhepunkt findet und nie mehr auf Null abfällt. Im ersten Fall rechnen wir gar nicht mit der Möglichkeit, Verdienste für das Jenseits zu erwerben, im zweiten Fall können wir selbst in der letzten Phase des Daseins noch eine Ernte für unsere nach dem Tod weiterexistierende Seele einbringen. - Der Sinn des Lebens lässt sich in vier Fragen ausdrücken : "Wohin gehen wir?", "Woher kommen wir?", "Wer ist über uns?" und "Wer ist unter uns?" Am wichtigsten ist vorerst : "Wohin gehen wir?" Eine befriedigende Antwort darauf ist der ausschlaggebende Ansatzpunkt für die Lösung der drei anderen Fragen.

 
 
 

Samstag, 11. Mai 2013

Merah

Der Journalist Merah beging mit knapp fünfzig Jahren Selbstmord. Seine Umgebung war darüber schockiert, denn nichts deutete auf Depression oder Lebensüberdruss hin. Auch eine Fehlspekulation mit finanziellen Einbußen war bei seinem Einkommen nicht existenzgefährdend. - Merah wuchs in einer intakten, protestantisch frommen Bürgerfamilie auf, seine Begabungen wurden von den Eltern großzügig gefördert. Er durchlief ohne Schwierigkeit das Gymnasium, nach Ableisten der Wehrpflicht entschied er sich für ein Theologiestudium. Auch seine Jugendliebe bestärkte ihn in diesem Entschluss, sie konnte sich eine Zukunft als Pastorengattin gut vorstellen. Schon nach wenigen Semestern entdeckte aber Merah, dass er die falsche Wahl getroffen hatte. Er war bei den Germanisten häufiger anzutreffen als bei den Theologen. Auch schloss er sich einer freigeistigen Verbindung an, unter derem Einfluss die Grundsätze seines christlichen Elternhauses schnell zu bröckeln begannen. In vollen Zügen genoss er nun das lockere Studentenleben, so dass ein akademischer Abschluss in weite Ferne rückte. Er wollte neuerdings Schriftsteller werden, da er schon von Jugend an mit Leidenschaft Gedichte, Novellen und Theaterstücke in allerdings sehr ungelenker Form verfasste. Den Weg zum Ruhm hoffte er über den Journalismus zu finden, so wechselte er die Fakultät und arbeitete während der Neuorientierung als Volontär bei verschiedenen Blättern. Als ihm die Redaktion eines Boulevardmagazins eine feste Stelle anbot, griff er beherzt zu. Er krempelte sein bisheriges Leben um, hängte das Studium an den Nagel, beendete brieflich das Verhältnis zur Jugendliebe und zog aus seiner primitiven Bude in ein nettes Appartement um. Das Blatt, das ihn beschäftigte, hatte ein hochgestochenes Programm. Außer dem üblichen Klatsch schmückte es sich mit den Ansprüchen der ungeschminkten Offenlegung empörender Mißstände der reichen Oberschicht. Nichts kommt bei den Lesern besser an als eine entrüstete Bloßstellung bekannter Personen aus Politik, Religion, Kunst, Wirtschaft und Wissenschaft. Prominente haben eine Vorbildfunktion, die weitgehend unmoralische Öffentlichkeit erwartet von ihnen makellose Perfektion. Kann man ihnen Rechtsbruch oder eine schäbige Gesinnung unterstellen, beschäftigen sie monatelang die Medien. Merah war in seiner Redaktion der Mann fürs Grobe und in seiner heimtückischen Biederkeit wie geschaffen für journalistische Treibjagden. Das Spiel lief immer gleich ab. Hatten die Schnüffler die Schwächen einer bekannten Persönlichkeit ausspioniert, fütterte Merah die Leser mit immer neuen enthüllenden Details, um die Auflage seines Blattes zu steigern. Dabei war einkalkuliert, den Gejagten der Verachtung, Lächerlichkeit und gesellschaftlichen Ausgrenzung auszuliefern. - Bei dieser aufreibenden Tätigkeit, aufgeputscht durch ein Übermaß von Kaffee und Zigaretten, blieb für das Privatleben wenig Zeit. Es waren dann erst anhaltende Kopfschmerzen, die Merah zwangen, eine Pause einzulegen und einen Arzt aufzusuchen. Die Tomographie ergab einen Gehirntumor im Anfangsstadium, günstig gelegen und operabel. Merah lebte mit dieser Diagnose einige Tage wie in einem bösen Traum, dann schrieb er noch ein paar Zeilen an seine derzeitige Freundin und jagte sich eine Kugel in den Kopf. - Als die Seele Merahs aus dem Schlaf erwachte, erschrak sie, als sie am Schreibtisch ihren toten Leib mit dem blutüberströmten Gesicht erblickte. Dann wechselte plötzlich die Szene. Merah stand am Friedhof vor einem offenen Grab. Viele Trauergäste hatten sich hier eingefunden, einige festlich gekleidete Herren legten Kränze nieder und hielten Lobreden auf den im hohen Alter Verblichenen, einen allseits geachteten Schriftsteller, der für Notleidende viele Hilfsprojekte initiiert und durch flammende Artikelserien tatkräftig unterstützt hatte. Ein schwarzgewandeter Engel nahte sich Merah und bedeutete ihm, dass dies sein von Gott bestimmtes Schicksal und Ende hätte sein sollen. Dann wechselte das Bild. Fünf riesige zerlumpte Leibwächter mit Totenköpfen statt menschlicher Antlitze umringten schweigend den schreckgelähmten Merah. Auf ihren Stirnen standen die Namen „Verleumdung", „Verachtung", „Anmaßung", „Rufmord" und „Verrat". Im einstigen Leben waren sie Merahs unsichtbare Helfer, täglich beschworen als Ratgeber und Einflüsterer. Sie werden im Jenseits seine Kumpane bleiben, solange er noch im Dunstkreis der Erde ausharren muss. Erst wenn er durch seine Läuterung die innige Anhänglichkeit an diese Schmarotzer überwindet, kann ihn sein schwarzgewandeter Engel ins Schattenreich emporführen.
 
 

Samstag, 4. Mai 2013

Huel

Herr Regierungsdirektor Huel litt in den ersten Jahren im Schattenreich unter größten Anpassungsschwierigkeiten. Alle übrigen Bewohner mieden seine Nähe und gaben ihm keine Möglichkeit, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Er erlebte immer wieder, dass andere Seelen von Engeln abgeholt und ins Lichtland überführt wurden. Näherte er selbst sich dieser Startrampe, wehte ihm ein eisiger Wind ins Gesicht und trieb ihn zurück. - Huel stand in seinem irdischen Leben als wichtige öffentliche Person immer im Mittelpunkt. Er war es gewohnt, von devoten Untergebenen umschmeichelt zu werden, denn sein Wohlwollen konnte karriereförderlich und sein Missfallen vernichtend sein. Er fühlte sich lebenslang am rechten Platz in dieser Atmosphäre von Hofschranzen, Willfährigen, Kniefälligen und Angstgepeinigten. Auch im Kreis seiner Familie führte er in allen Angelegenheiten das Kommando. Seine ältere Tochter verheiratete er mit einem Brauereibesitzer, für die jüngere fand er einen erfolgreichen Facharzt, der Sohn studierte Rechtswissenschaft, um sich für die höhere Beamtenlaufbahn zu qualifizieren. Huel lebte in einer Zeit, in der es opportun war, bei jeder Gelegenheit religiöse Gleichgültigkeit zu betonen und mit zynischen Seitenhieben auf Kirche und Priester nicht zu sparen. Bei Gesprächen mit seinem Minister fielen immer wieder dümmliche Witze über diejenigen Kabinettsmitglieder, die sich in ihren Entscheidungen von christlichen Wertvorstellungen leiten ließen. Huel genoss in seinem Ruhestand noch zehn Jahre eine ansehnliche Pension und starb dann an einem heftigen aber kurzen Leiden. - In der jenseitigen Welt gibt es keine dauernde Isolation. Es ist Aufgabe der Engel, den schuldbeladenen Seelen dann beizustehen, wenn sie die schweigende Einsamkeit ihrer Selbsterkenntnis nicht mehr ertragen. Der Engel Hillel näherte sich Huel und erklärte ihm als Ursache seiner Absonderung seine einstige stolze Selbstgefälligkeit. Er stellte ihm den großen Unterschied zwischen der irdischen und himmlischen Hierarchie vor Augen. In der weltlichen Ordnung gibt es Vorgesetzte und Untergebene, Herren und Knechte. Der Ranghöhere nützt ohne Scham seine Macht auf den Rangniederen aus, er beherrscht und unterdrückt ihn. Durch diese eigensüchtige Einstellung setzt sich auf Erden die ganze Gesellschaft aus zwei Blöcken zusammen, einer reichen, privilegierten Oberschicht und einer ärmlichen Unterschicht, die wehrlos der Oberschicht und ihren willkürlichen Gesetzen ausgeliefert ist. Im Gegensatz dazu lautet das Schlüsselwort für die himmlische Hierarchie "Demut". Alle Werte kehren sich um. Es herrscht nicht mehr die Tyrannei über die Ohnmacht. Der Fürst dient in liebevoller Zuwendung seinen Untergebenen, der Kluge belehrt ohne Anmaßung die Unwissenden und der Reiche teilt seinen Überfluss freigiebig mit dem Hungernden. Diese gottgewollte Ordnung sollte aber schon im irdischen Alltag als Einübung in die ewige Herrlichkeit praktiziert werden und nicht nur eine christliche Utopie bleiben. - Die Schuld Huels war grenzenlose Selbstsucht, verächtliches Hinwegsetzen über den freien Willen seiner Mitmenschen und unersättliche Gier nach ruhmvoller Anerkennung. Erst nach einer tiefgreifenden innerlichen Umwandlung zu Demut, Bescheidenheit, Mitgefühl und Mitleid wird sich ihm das Lichtreich öffnen. Nun können ihm die Seelen zur Belehrung anvertraut werden, die wie er auf Erden ausschließlich dem Götzen Hochmut verfallen waren.
 
 
 
 

Samstag, 27. April 2013

Zareda

Der einstige Wirtschaftsboss Zareda wurde im Schattenreich von schweren Selbstvorwürfen gequält, er hatte in seinem irdischen Leben kaum eine Schurkerei ausgelassen. Um Profit zu erzielen war ihm jedes Mittel recht, er presste aus seinen Arbeitern um einen Hungerlohn den letzten Schweißtropfen heraus, bestach die Richter, wenn es für ihn bei einem Prozess um Kopf und Kragen ging. Vor einflussreichen Politikern prunkte er mit üppigen Gastmählern, während die Armen, die er um Haus und Hof gebracht hatte, zu Gott um trockenes Brot schrien. Auch zahlreiche Liebschaften mit Untergebenen ließen sich nicht vermeiden. Wurden die Mädchen schwanger, jagte er sie davon. - Er war dreißig Jahre alt, als ihn das Schicksal mit einer vortrefflichen Frau bekanntmachte, die er ohne Zögern heiratete. Er bezauberte Laida mit seinen guten Umgangsformen, seiner Eleganz und der Fülle seiner Aufmerksamkeiten. Sie war ihm eine tüchtige Lebensgefährtin und hielt auch dann noch treu zu ihm, als er bald wieder sein ungezügeltes Junggesellenleben aufnahm. Wenn er nachts angetrunken heimkam, geriet er in Wut über ihre sanftmütige Geduld und verprügelte sie. Der vielfältige Kummer, unter dem sie jahrelang litt, untergrub Laidas Gesundheit. Sie erkrankte so schwer, dass mit der baldigen Erlösung aus ihrem Elend zu rechnen war. Zur Ehre Zaredas muss gesagt werden, dass er die letzte Lebensspanne seiner Frau häufig an ihrem Krankenbett verbrachte. Er schränkte seine bisherigen Abendunterhaltungen, Clubbesuche und Pokerrunden ein und widmete der Sterbenden seine ganze Aufmerksamkeit. Statt des ewig gleichen Geschwätzes mit seinen Sportfreunden sprach er mit seiner Frau über die Zukunft ihrer Kinder, gemeinsame Reiseerlebnisse und über Gott. Obwohl er zu religiösen Fragen keinen Bezug hatte, fand er doch immer ein paar Gemeinplätze, um wenigstens die Spur eines Interesses vorzutäuschen. Laidas Tod brachte für ihn die völlige Umkehr. Es war ihm, als würde sie weiterhin mit ihm reden und ihn ermahnen, mit seiner Vergangenheit reinen Tisch zu machen. Doch das war eine fast unlösbare Aufgabe. Ohne seinen eigenen Erben die Existenzgrundlage zu entziehen, verwandte er einen Teil seines Vermögens dazu, seine einstigen Arbeiter und außerehelichen Kinder finanziell zu unterstützen. Es blieb ihm keine lange Zeit mehr. Seine Lebenskraft war durch die Exzesse seiner Jugend schwer angeschlagen, er folgte seiner Frau nach zwei Jahren in den Tod. - Beim Sterben fühlte er sich auf den Grund eines tiefen Brunnens versetzt, über dem ein hoher Turm aufragte. Mit einem durchdringenden Glockenschlag endete sein Leben. Nur mühsam konnte er sich erheben und nach oben in ein gedämpftes rötliches Licht schweben. Er erwachte im Dämmerland und harrte der gerechten Strafe. Doch es nahte sich ihm der Engel Seraja und richtete den Verzweifelten auf. "Christus hat durch seinen Tod die Schuld der Welt getilgt und den Reuevollen das Tor zum Himmel geöffnet." Der Engel begleitete ihn vor den Richterstuhl des Erhabenen. Christus wies Zareda seinen jenseitigen Bereich zu. In der künftigen Zeit müsse er denjenigen dienen, an denen er sich während seines Lebens versündigt hatte. Er wird in jedem Fall genau erfahren, worin seine Aufgabe besteht. Seine Schuld ist gebüßt, sobald ihm alle Geschädigten, Gekränkten, Verletzten, Beleidigten und Enttäuschten aus ganzem Herzen verziehen haben. Erst dann wird ihn sein Engel in die göttliche Herrlichkeit emporführen.
 
 
 
 

Samstag, 20. April 2013

Hasmon

Der Advokat Hasmon erwachte nach seinem Tod auf einem weiten Feld, das von einem düsteren Wald umgeben war. Zu seinem Erstaunen konnte er sich erheben und ohne Mühe fortbewegen. Er schwebte durch die Äste des Waldes und gelangte in einen dunklen, gewölbten Gang, der allmählich in die Tiefe führte. Um ihn her kroch ekelhaftes Gewürm, das sich immer größer und gefährlicher auswuchs, bis ihn an der letzten Wegbiegung ein grausiges Untier in Gestalt eines Drachens mit gierig stechenden Augen anstarrte. Bei diesem Anblick fiel er vor Schreck in Ohnmacht und erwachte erst wieder in einer dämmerigen Ebene. - Hasmon war als Fatalist der Überzeugung, dass schon bei seiner Geburt Charakter, Begabungen, Neigungen und Willensstärke unverrückbar feststanden. Sein Lebenslauf war demnach ein ihm aufgezwungenes Schicksal, dem er nicht entrinnen konnte. Zur Juristerei war er dank gutem Gedächtnis, Menschenkenntnis und analytischem Verstand eindeutig begabt, in seinen privaten Neigungen dominierten Unersättlichkeit im Essen und Trinken sowie eine starke Sinnlichkeit, die ihn zu zahlreichen Abenteuern vorwiegend mit Dirnen verführte. Da er seine Familie wirtschaftlich gut versorgte, bereiteten ihm diese Seitensprünge keine Gewissensbisse. Auch in seinem Beruf, der eigentlich der Wahrung der Gerechtigkeit dienen sollte, rutschte er schnell in ein gefährliches Fahrwasser. Seit er in einem Rechtsfall zweifelsfrei von der Schuld seines Klienten überzeugt war und dennoch für diesen Mörder einen Freispruch erzielen konnte, brach auch der letzte moralische Damm. Er wurde bald der prominente Anwalt der Unterwelt und gewöhnte sich schnell an den regelmäßigen Umgang mit Erpressern, Drogenhändlern und Zuhältern. - In dieser verlassenen Öde begegnete Hasmon einem Engel in Menschengestalt. Sie kamen miteinander ins Gespräch und Hasmon beklagte seine Enttäuschung über sein unerwartetes Weiterleben nach dem Tod und dieses ernüchternde Jenseits, das in nichts einem blühenden Paradiesesgarten mit unterhaltsamen Annehmlichkeiten glich. Auf die Frage des Engels, ob er sich im Erdenleben eine himmlische Belohnung verdient habe, antwortete Hasmon, dass er durch seine Veranlagung den allgegenwärtigen Versuchungen einer schlechten Welt niemals ausweichen konnte. Der Engel entwarf ihm als Gegensatz das Bild eines wohltätigen Menschen, der Liebe und Sanftmut übt, alle Laster flieht, jedes Vergnügen mäßig genießt und seine Leiden geduldig erträgt. Hasmon aber hatte stets die Wahrheit verdrängt, nach dem Tod alles ernten zu müssen, was er im Leben gesät hat und einer göttlichen Instanz für seine Taten Rechenschaft zu schulden. Er verzärtelte den eigenen Leib, doch im Verhältnis zu seinen Nächsten ging er in Gedanken, Worten und Werken rücksichtslos über Leichen. - Ein Posaunenstoß ertönte, der Engel enthüllte sich in seiner ganzen Pracht und entschwand den Augen Hasmons. Auch mit diesem ging eine erschütternde Verwandlung vor sich, er stand von allen guten Geistern verlassen in abstoßender Hässlichkeit, verkrüppelt und mit Aussatz übersät im Dämmer der Vorhölle. Ein gewaltiger Sog erfasste ihn und zog ihn unwiderstehlich in die nie erlöschende Glut.
 
 

Samstag, 13. April 2013

Delaja

Der Forstgehilfe Delaja führte mit seiner Familie ein bescheidenes Leben. Er war der einzige Sohn einer ärmlichen Witwe und litt in seiner Kindheit oft Hunger. Als die Mutter erkrankte und nach längerem Dahinsiechen starb, verdingte er sich bei den Bauern der Umgebung als Tagelöhner, wurde aber nach jeder Ernte wieder brotlos. Endlich fand er bei einem Gutsbesitzer eine feste Arbeitsstelle in dessen weitläufigem Waldbesitz und erwarb sich durch Fleiß und Gewissenhaftigkeit die Zufriedenheit seines Dienstherrn. Jetzt konnte er endlich heiraten und brachte es mit der Mitgift seiner Braut sogar zu einem kleinen Anwesen. - Die vorherrschende Eigenschaft Delajas war seine Frömmigkeit. Während einer schweren Erkrankung legte er vor Gott das Gelöbnis ab, jedem Bedürftigen, der ihn darum bat, nach besten Kräften zu helfen, jede Kränkung zu verzeihen und nicht nach überflüssigem Wohlstand zu streben. Sein Leben verlief nicht immer leicht, die harte Berufsarbeit wurde dürftig honoriert, doch schränkte das sein Pflichtbewusstsein nicht ein. Er hatte keine Gelegenheit, große Heldentaten zu vollbringen, er konnte keine Schiffbrüchigen vor dem Ertrinken retten, keine Eingeschlossenen aus einem brennenden Haus befreien. Wegen seiner Schüchternheit kam auch in seiner Heimatstadt keiner auf den Gedanken, ihm eine Ratsfunktion anzuvertrauen, obwohl er durch seine praktische Besonnenheit dazu gut in der Lage gewesen wäre. Eine einzige Tat hob ihn aus dem Durchschnitt heraus. Er kam rechtzeitig zu Hilfe, als sich eine verzweifelte junge Frau im Wald erhängen wollte. Er hörte sich ihre Leidensgeschichte an, brachte sie zu ihren Angehörigen und sorgte dafür, dass sie sich mit ihr aussöhnten. Verlief sein Leben sonst auch sehr unauffällig, forderte doch seine Familie viele kräftezehrende Alltagspflichten, die er ohne Murren erfüllte. Er ermöglichte seinen drei Kindern eine gute Schulbildung und hielt sie zu regelmäßiger Ordnung an, um sie vor der sonst unvermeidlichen planlosen Dummheit im Erwachsenenalter zu bewahren. Gemeinsam mit seiner Frau bemühte er sich, ihre Begabungen zu entdecken und zu fördern. Der Familie opferte er auch uneingeschränkt seine Freizeit, statt sie, wie bei Verheirateten oft üblich, mit eigenbrötlerischen Steckenpferden zu verbringen. - Während der Wochen seines Sterbens wechselten sich seine Frau und seine Kinder im Krankenzimmer ab. In der letzten Phase des Todeskampfes stand ihm sein Schutzengel Uriel zur Seite. Er war auch sein Geburtshelfer ins neue Leben und löste die Seele aus ihren letzten Verknüpfungen mit dem Leib. Mit ihr schwebte er in eine weitläufige Region von paradiesischer Schönheit. Delaja kam nicht ins Gericht, er hatte treu an Gott geglaubt und mit allen Kräften den Willen des Herrn erfüllt. Im Jenseits wurde er in einer unbeschreiblich schönen und weithin glänzenden Morgenröte verklärt, wie Uriel trug er nun auch ein Lichtkleid. Seine prachtvolle Wohnung lag in romantischen Gefilden mit Hügeln und Tälern, blühenden Lebensbäumen und unerschöpflichen Lebensquellen. Als künftige Aufgabe wurden ihm die Seelen von Heiden und Außerchristlichen anvertraut, die sich zwar nicht durch die Praxis des rechten Glaubens, aber durch ihre selbstlose, menschenfreundliche Lebensführung die Vorbereitung auf den Himmel verdient hatten.

Samstag, 6. April 2013

Ilai

Herr Ilai führte unter der Oberfläche ehrsamer Bürgerlichkeit ein schändliches Leben. Er war sehr für die Reize junger Mädchen aufgeschlossen und betrog seine Ehefrau nach Strich und Faden. Mit den jeweiligen Favoritinnen feierte er ausgelassene Feste und vergeudete damit Unsummen. Seine Geschäfte liefen gut, das Geld strömte ihm von allen Seiten zu. Für den Kommerz besaß er nicht nur eine glückliche Hand, sondern auch ein weites Gewissen und schreckte weder vor kleinen noch großen Mogeleien zurück. Seinen Angestellten war er ein unduldsam harter Vorgesetzter, den Schuldnern ein unerbittlicher Geldeintreiber, den Mächtigen gegenüber ein kriecherischer Speichellecker. Als er im Alter an einem langwierigen Krebsleiden erkrankte, erinnerte er sich vage seines christlichen Kinderglaubens. Damit war es aber schon getan. Er fasste nicht den Vorsatz, in der verbleibenden Lebenszeit soviel wie möglich wiedergutzumachen, sondern verließ sich auf Gottes Barmherzigkeit. Als er starb, vermisste er in der neuen Umgebung vor allem die Genüsse des einstigen Lebens und litt unter den vielfachen Entbehrungen. - Die Hölle besteht aus drei Abteilungen, dem Reich des Jammers, der Finsternis und des Feuers. Sie ist ein Ort qualvoller Bestrafungen, birgt aber die Möglichkeit, durch innere Umkehr ins Engelreich zu gelangen. Die Folterungen steigern sich von jammervoller Verzweiflung über einsame Finsternis bis zu unerträglicher Hitze. Vom Zeitpunkt an, in dem die geschundene Seele ihre einstigen Laster in ihrer Schwere erkennt, bereut und sich nach der Erlösung durch Christus sehnt, beginnt ihre Befreiung. Es ist aber auch das Gegenteil möglich, dass sie sich immer mehr in ihrem Hass verhärtet und keinen Wunsch verspürt, je dem Höllensumpf zu entrinnen. - Nach dem Tod drängten sich die Verstorbenen in einer weiten Ebene zu Füßen des Hochgebirges. Die Spuren ihres Lebenswandels trugen sie wie ein strahlendes Lichtkleid oder eine entstellende Verkrüppelung an sich, sie verbreiteten balsamischen Wohlgeruch oder aasartigen Gestank. Nicht lange verweilten sie in dieser Ebene. Aus dem Leuchten über den Bergen näherten sich Engel und Dämonen. Die Engel wählten die Lichtglänzenden aus und erhoben sich mit ihnen in die drei himmlischen Regionen. Die Fürsten der Unterwelt kamen in Glutwellen gehüllt riesengroß in schrecklich verzerrter Menschengestalt über das Gebirge herüber, sonderten die zur Bestrafung bestimmten Geister aus, jagten sie in gefühlloser Grobheit über das Gebirge und wiesen sie den entsprechenden Regionen zu. Ilai wurde ins Reich der Finsternis gestoßen. Hier lagerten ungeheure Felsenmassen übereinander und bildeten fürchterliche Höhlen und Schlünde. Alles zitterte wie vor einem vernichtenden Erdbeben. Die Seelen suchten sich in dieser Öde je nach Neigung das verlorene Irdische wieder zu beschaffen. Sie bauten sich wie Kinder am Strand kümmerliche Paläste, die nach Fertigstellung zusammenstürzten, sie legten Gärten mit betäubend duftenden Schlinggewächsen an, die schon im Blühen verfaulten. Sie sehnten sich nach Liebschaften, doch der attraktive Schönling verwandelte sich in Sekundenschnelle in einen hinfälligen Greis, das liebreizende Mädchen in eine runzlige alte Hexe. Wenn sie ihren Höhlen zu entfliehen suchten, wurden sie von ihren Wärtern wieder zurückgepeitscht. In diesem Reich der schwermütigen Düsternis war Herr Ildai den schmerzlichen Demütigungen durch die Dämonen ausgeliefert. In quälend endlosen Wiederholungen hielten sie ihm die Verfehlungen seines Erdenlebens vor. Duckte er sich endlich widerspruchslos unter Schlägen, Lästerungen, Spott und Hohn, ließen sie allmählich von ihm ab. Dann konnte er in jahrelangen Nachtwachen sein verpfuschtes Leben beweinen. Nun war er wieder in die Schuldlosigkeit eines durch Strafe und Reue Gesühnten zurückgeführt und reif für die Entlassung aus dem Purgatorium. Der Engel Adriel durfte ihn abholen und ihn der weiteren Unterrichtung durch Erzengel und fortgeschrittene Seelen überlassen.


Freitag, 29. März 2013

Zalmon

Vergeblich suchte der Biologe Zalmon in seiner neuen Welt nach Pflanzen oder Bäumen seiner irdischen Heimat. Dennoch war um ihn ein farbenfrohes Blühen und Gedeihen. Was er aber sah, konnte er nicht mit seinen wissenschaftlichen Maßstäben bestimmen, Kräuter und Blumen veränderten ständig ihre Formen, verdunsteten in seiner Hand und narrten ihn mit ihrem irisierenden Farbenspiel. Ebenso wenig fand er Gesteine, wie sie auf der Erde vorkommen, auch begegnete ihm kein einziges bekanntes Tier. Luftige, schmetterlingsähnliche Wesen ließen sich auf den Blüten nieder, entflatterten und lösten sich im Äther auf. - Zalmon war zu Lebzeiten nicht nur ein ordnungsliebender Mensch, er war ein Ordnungsfanatiker. Wie alles in der Natur in Systeme, Familien, Gruppen, Untergruppen, Verwandtschaften nach Ursprung und Form gefasst werden kann, so übertrug er dieses Katalogisieren auf das gesamte Leben. In allen Äußerungen menschlichen Tuns fand er diese konsequente Gesetzmäßigkeit. Auch sein eigenes Leben bestimmte er nach starren Regeln und nahm Anstoß, wenn andere Menschen sie ablehnten. Er war davon überzeugt, dass der sperrigen Vielfalt des Lebens nur mit einer umfassenden Reglementierung beizukommen ist. Zalmons Forschungsansatz bestand darin, die Gesetze der Mineral-, Pflanzen- und Tierwelt auch für den Menschen als allgemeingültig anzunehmen. Das war aber ein verhängnisvoller Irrtum. Der Mensch ist zwar durch seine Körperlichkeit ein Bestandteil dieser drei Reiche, er ist Mineral, Pflanze und Tier, doch wächst er durch sein Menschsein weit darüber hinaus. Es war der Fehler Zalmons, in seinen Forschungen den untergeordneten, niederen Entwicklungsstufen mehr Beachtung zu schenken als der bedeutsamen seelisch-geistigen Höhe des Menschen. - Jung-Stilling stand trotz seines Medizinstudiums jeder Überbewertung der naturwissenschaftlichen Systematisierung und einer Beschränkung auf das Messbar-Physische ablehnend gegenüber. Er bezweifelte die ausschließliche Gültigkeit von Statistiken und Versuchsreihen. Seiner Ansicht nach wird dadurch der gesunde Menschenverstand ausgeschaltet zugunsten der Lehrmeinungen titelgeschmückter Autoritäten, die ihren Schülern ihre meist kuriosen Erkenntnisse mit fachidiotischem Brimborium aufdrängen. Jeder Mensch gehorcht in seiner individuellen Ausprägung eigenen Gesetzen. Er wird krank, wenn man ihn in ein Korsett pauschaler Normen zwängt. - Die Strafe Zalmons bestand darin, dass er vom Engel Zuriel in die Dunkelheit eines Schattenreiches verwiesen wurde.. Er konnte nur durch zeitweise Blindheit von seinem sklavischen Glauben an die allgemein gültigen Gesetze der sichtbaren irdischen Welt geheilt werden. Er musste vorübergehend auf die Annehmlichkeiten der Nachtodesregion, auf die Begegnungen mit anderen Jenseitsseelen und den Blick auf ein sicheres Licht über dem Gebirgskamm verzichten. Durch die Beschränkung auf das eigene Ich konnte er der Reihe nach alle Irrtümer und Fehleinschätzungen seines Lebenslaufes erkennen und ihre Früchte wie Unkraut aus seiner Seelenverfassung tilgen.
 
 

 

Samstag, 23. März 2013

Pelon

Pelon war im diesseitigen Leben Arzt. Obgleich Jung-Stilling, der Verfasser der "Szenen", dem gleichen Beruf angehörte, ging er mit seinem Kollegen hart ins Gericht. Pelon genoss eine gute Erziehung und war in jungen Jahren vom christlichen Glauben überzeugt. Erst sein naturwissenschaftliches Studium und die Freundschaft mit Freidenkern entfremdeten ihn der Religion seiner Familie. Er wandelte sich zum Skeptiker. In seinem Herzen setzte sich ein zerstörerischer Zweifel fest, zuerst an der Wahrheit des Christentums, dann an der Existenz Gottes, an der Unsterblichkeit der Seele und an der Freiheit des menschlichen Geistes. Sein neues Glaubensbekenntnis basierte auf der Wissenschaft des menschlichen Körpers mit seinen animalischen Trieben und Bedürfnissen, seinem Funktionieren nach den Gesetzen der Vernunft, seiner Selbstherrlichkeit, die weder eine höhere Macht noch eine selbstlose Verpflichtung für die Mitmenschen anerkennt. An die Stelle der göttlichen Instanz rückte das eigene gottgleiche Ich. Der Arzt Pelon verbrachte sein ganzes Leben unter Menschen, sie vertrauten sich ihm an, sie erwarteten von ihm Hilfe. Er beriet sie nach bestem Wissen, er reparierte sie, wie man eine defekte Uhr repariert, doch blieben sie ihm in ihrer Eigenart und ihrem persönlichen Wert fremd. Meistens verachtete er sie sogar wegen ihrer geschwätzigen Wehleidigkeit und ihrer Willensschwäche. Wenn sie sein Sprechzimmer verließen, hatte er schon ihre Namen und ihre Probleme vergessen. - Es gelang ihm im Jenseits lange Zeit nicht, Kontakt mit anderen Seelen aufzunehmen. Er durcheilte immer wieder die endlosen Weiten, doch fand er nirgends durch ein Gespräch die Widerlegung seiner Befürchtungen, nun ewig in dieser Isolation zu verbleiben oder sogar diese klägliche körperlose Existenz für immer zu verlieren. Erst nach einer langen Zeitspanne begegneten ihm drei jenseitige Wesen. Der Kaufmann Hanon belehrte ihn als erste mitfühlende Menschenseele über seine eigenen Erfahrungen mit dieser unwirtlichen, symbolträchtigen Welt. Dann tauchte plötzlich aus dem Dunkel in grauenvoller Riesengröße der Dämon Avith auf, ein Abgesandter der Unterwelt. Pelon hatte zwar Satan nie bewusst verehrt, aber durch seinen Agnostizismus verbannte er Gott aus seinem Bewusstsein und öffnete sich damit zwangsläufig den Einflüsterungen der Dunkelwelt. Avith forderte vom Sympathisanten Pelon Unterordnung und ein Treuebekenntnis. Es fehlte nicht viel und er hätte Macht über den Wehrlosen erlangt, doch der Engel Azuriel kam dem Bedrängten zu Hilfe und schlug die grässliche Horrorgestalt in die Flucht. Der Engel wurde nun Pelons Begleiter und Offenbarer. Als gründlicher Kenner seiner Verirrungen zeigte er ihm alle Makel seiner unsterblichen Seele und die Heilmethoden zur Rettung. Er prophezeite ihm eine lange Zeit des Erlernens der Weisheit. Der zweifelnde Weltmensch, der im irdischen Leben keinerlei Interesse an der übersinnlichen Welt zeigte, wird im Jenseits wie ein unmündiges Kind behandelt, das sich erst die Grundbegriffe der transzendenten Wahrheit aneignen muss. Dann folgt ein weiter Weg bis zur Fähigkeit, in höhere Regionen des Lichtes aufzusteigen.
 

Montag, 18. März 2013

Hanon

Jung-Stilling leitete seine "Szenen aus dem Geisterreich" mit den Erlebnissen des Kaufmanns Hanon ein. Dieser starb mit sechzig Jahren und fand sich nach dem Erwachen der Seele aus der Ohnmacht des Todes in einer fremden Umgebung wieder. Die erste Reaktion war Schreck, Furcht und die zaghafte Erkenntnis der Körperlosigkeit. Lautlose Dämmerung umgab Hanon in einer unendlichen Weite. Das allmähliche Erfassen der jenseitigen Daseinssphäre war mit dem schmerzlichen Gefühl der Einsamkeit und der Sehnsucht nach menschlicher Nähe verbunden. Er schwebte wie auf einem Wolkenboden, unter ihm keine Erde, über ihm kein Gestirn, kein Mondstrahl. Er erinnerte sich seines Todes und sah seine trauernden Angehörigen das Sterbebett umstehen, doch verspürte er kein Heimweh nach der verlorenen Welt, nur ein zärtliches Rückbesinnen auf seine Familie und ein Mitleid mit ihren täglichen Sorgen und ihrer Plackerei. Durch die Gewöhnung fühlte er allmählich die neue Umgebung wohltuend und erquickend wie Maienluft. Am Rande der ungeheuren dämmerigen Weiten erhob sich ein mächtiger Gebirgszug, über dem ein Licht erstrahlte. Zu Füßen des Gebirges drängte sich eine Unzahl von Seelen, denen sich von Zeit zu Zeit Engelsgestalten näherten, kleine Gruppen um sich versammelten und mit ihnen über den Berg ins Licht flogen. Um der Einsamkeit zu entkommen, bewegte sich Hanon in Richtung des Berges. Hier trat ihm der Engel Azuriel entgegen. Begegnungen mit Engeln bezwecken im Jenseits ein unverhülltes Spiegelbild des eigenen Charakters und die Erkenntnis der im Leben versäumten Gelegenheiten. Engel weisen aber auch den Weg zu den Möglichkeiten der Wiedergutmachung. Azuriel kannte alle Einzelheiten aus Hanons Leben, seine beruflichen Bemühungen, Erfolge und Enttäuschungen, seine Familienverhältnisse und den Kampf mit der plötzlich auftretenden schweren Erkrankung. Trotz widriger Umstände verlor der Kaufmann im Leben nie seinen Gottesglauben, doch Azuriel setzte ihm in klaren Worten auseinander, dass dieser Glauben nur eine Fassade war, ein Aushängeschild für seine Umgebung. Er erschöpfte sich in leeren Äußerlichkeiten und mündete nicht in eine fromme Gesinnung und in ein von Nächstenliebe geprägtes Tatchristentum. Er führte seinen Schützling auf die Bergeshöhe und zeigte ihm seinen künftigen Aufenthaltsort, das Reich der Belehrung und Unterrichtung. Diese Region dient mit ihren vielgestaltigen Einrichtungen der langwährenden Aufarbeitung aller Versäumnisse des irdischen Lebens, der Umwandlung von Heuchelei in Geradlinigkeit, von Lüge in Wahrheit, von Selbsttäuschung in Selbsterkenntnis, von Hochmut in reuevolle Demut. - Der Dichter Jung-Stilling setzte sich sehr deutlich von einer weitverbreiteten Meinung der protestantischen Theologie ab, wonach das Leben im Jenseits erst an einem weitentfernten Jüngsten Tag beginnt und die Seele währenddessen im Schlafzustand in der Leiche oder ihrer Asche verborgen bleibt. Der Sterbetag dieses irdischen Lebens ist zugleich der Geburtstag in ein jenseitiges Dasein.
 
 
 
 
 
 

Dienstag, 12. März 2013

Jung-Stillings Geisterreich

Von Heinrich Jung-Stilling (1740 - 1817) existiert ein aufschlussreiches Werk "Szenen aus dem Geisterreich". Jung-Stilling war ein äußerst vielseitiges Genie, Romancier, erfolgreicher Augenarzt, Wirtschaftswissenschaftler, Hochschullehrer in Heidelberg und Marburg, befreundet mit Goethe und Herder, vor allem aber pietistischer Erweckungsschriftsteller mit großer Breitenwirkung. In seinen "Szenen" steckt das glaubende Wissen an eine jenseitige Welt. Jung-Stilling hat die Erfahrungen hellsichtiger Menschen gebündelt und in eine anschauliche Form gebracht. Seine Schilderungen führen vom Diesseits ins Jenseits und zeigen, wie alle irdischen Taten in der Seele auskristallisieren und das künftige Schicksal in der Transzendenz bestimmen. Das Leben im Diesseits ist die Zeit des Säens, die Ewigkeit im Jenseits die Zeit der Ernte. In bunter Reihenfolge kommen die Seelen Verstorbener nach ihrem irdischen Tod in die Geisterwelt und erleben sie ganz persönlich und unterschiedlich. Jede Seele bringt ihre Vergangenheit und ihren Charakter mit. Die "Szenen" schildern die Konfrontation der irdischen Mitgift mit den Ansprüchen, denen jede Menschenseele genügen muss, um das Heimatrecht in der himmlischen Ewigkeit zu verdienen. - Wie sieht ein strenger Lutheraner wie Jung-Stilling Himmel und Hölle? Auf keinen Fall steht der Dienst der Lebenden an den Verstorbenen im Vordergrund. Wahrscheinlich war Stilling schon die Benennung "arme Seelen" ein Ärgernis, auch vermeidet er peinlich den Begriff "Fegefeuer". Eine große Rolle spielen bei ihm die Engel, wobei sich die Grenze zwischen den von Gott geschaffenen Engeln und den zu Engeln emporentwickelten Menschenseelen verwischt. Engel stehen den Frommen in der Todesstunde bei, sie holen die Seelen vom Totenbett ab und geleiten sie ins Schattenreich. Sie gesellen sich in allen Stufen des Jenseits den Büßenden bei und helfen ihnen, die Schuld des Erdenlebens zu erkennen, zu bereuen und wiedergutzumachen. Sie geleiten die sich allmählich Verklärenden in immer lichtere Sphären bis zum höchsten Ziel, der Nähe und Anschauung Gottes. In Stillings Himmel gibt es im Sinne der katholischen Kirche keine Heiligen, Menschen, die sich in ihrem Erdenleben so in Liebe verwandelt haben, dass sie vom Jenseits aus für die Welt zu Katalysatoren des Eingreifen Gottes werden. Stillings jenseitiger Kosmos ist ein Ort der Entwicklung, des Lernens und der Läuterung. Je mehr es der Mensch im irdischen Leben versäumt hat, sich zur Reife emporzuschwingen, desto mühsamer ist sein Weg durch die Bereiche der Düsternis. Daneben wird aber auch die Existenz einer Hölle nicht verschwiegen. Für den reuelosen Frevler ist das Jenseits ein Ort der Begegnung mit Dämonen, die er sich im Leben durch sein Denken und Handeln herangezüchtet hat. Sie versperren ihm für immer den Weg in die Höhe. Stillings Himmel ist auf Christus fokussiert, dem es zu verdanken ist, dass dieses Jenseits nach der konsequenten Scheidung der Geister zum Ort des Verzeihens, der Heilung und der Heiligung wird.
 
 

Donnerstag, 7. März 2013

Sylvan Muldoon

Bei Muldoon findet man eine andere Zielsetzung wie bei Monroe. Der Hauptunterschied zwischen beiden Forschern besteht darin, dass Muldoon das plötzliche Auseinanderreißen von Leib und Seele in sehr jungen Jahren, Monroe erst im reifen Alter erlebte. Beide werteten dieses Schlüsselerlebnis unterschiedlich. Bei Monroe lag der religiös-weltanschauliche Aspekt im Vordergrund, den jugendlichen Muldoon faszinierte die Mechanik des Seelenaustritts und die Möglichkeit, unter einer Tarnkappe die irdische Welt zu erkunden. Erst in den nächsten Jahrzehnten wandte er sein Augenmerk jenseitigen Überlegungen zu : Spaltet sich im Schlaf die Seele immer und völlig vom Körper ab? Was bedeutet Träumen? Wieweit ist der normale Traum bereits das Erleben einer Astralwelt? Monroe, der Theosoph, differenzierte exakt die unterschiedlichen Jenseitsebenen. Muldoon, der dem Spiritismus nahestand, beschränkte sich in seinen Erkundungen auf die "Astralwelt", die unterste Region des weitgestaffelten überirdischen Raumes, und ging davon aus, dass jeder Mensch sie in seinen Träumen erlebt. Träume spielen sich in einer irrealen Umwelt ab. Orte und Gegenden, die dem Träumer bekannt erscheinen, weisen starke Verfremdungen auf. Auch die Personen, die ihm begegnen, sind ihm entweder unbekannt oder ähneln Freunden mit absurden Verzerrungen. Wer außerhalb seines physischen Leibes bewusst eine bizarre Jenseitswelt erkunden will, muss die Kunst beherrschen, das normale Tagesbewusstsein an der Grenze zwischen Wachen und Schlafen in seinen Seelenleib (Astralleib) zu leiten und sich aus seinem physischen Leib herauszubewegen. Dazu bedarf es nach Muldoon neben angeborener Begabung und eines harten Trainings auch großen Mutes, für möglicherweise unheimliche Erfahrungen den sicheren Hafen der Körperlichkeit zu verlassen. - Muldoon gelang ein Experiment, das nur wenigen Astralwanderern glückt, das Sichtbarwerden des Astralleibes, die Bilokation. Er erschien einigen informierten Bekannten zu einer vereinbarten Nachtstunde in deren Wohnräumen, wobei er meist den Weg durch die Wand nahm. Muldoon betonte immer wieder, dass er die Durchführung sämtlicher Astralreisen nur seiner Willenskraft verdankte. Er erteilte seinem Unterbewusstsein präzise Befehle, erreichte aber bei sehr schwierigen Experimenten oft erst nach einer Reihe missglückter Versuche die angepeilten Ziele. - Muldoon wagt einen kühnen Vergleich, der bei seiner sonstigen spirituellen Nonchalance überrascht. Er setzt die Astralwelt mit dem Fegefeuer des Katholizismus gleich. Sie ist nach seiner Erfahrung der Aufenthaltsort der Verstorbenen, die zu Lebzeiten völlig in der materiellen Welt aufgegangen sind und sich nie mit der Möglichkeit eines Weiterlebens auseinandersetzten. Mit allen Fasern ihres Seins hängen sie noch an der Welt, ihrer einstigen Familie, Wohnung, dem Arbeitsplatz und ihren Leidenschaften. Sie sind sich ihrer Entleiblichung nicht bewusst und leiden darunter, von ihren Angehörigen nicht mehr wahrgenommen zu werden, auf alle Tätigkeiten und Genüsse der Welt verzichten zu müssen, unerwünscht und überflüssig zu sein.

 
 
 
 

Donnerstag, 28. Februar 2013

Astralreisen

Dem amerikanischen Industriellen Robert.A.Monroe (1915 -1995) gebührt das Verdienst, als erster eigene außerkörperliche Erfahrungen wissenschaftlich definiert und in ein System eingeordnet zu haben, das von Anfang an von der okkulten Fachwelt ernstgenommen wurde. Er entwickelte eine förmliche Philosophie der Seelenerfahrungen außerhalb des physischen Körpers und arbeitete mit vielen Gleichgesinnten aus Physik, Medizin und Psychologie zusammen. Mit ihnen gemeinsam hat er dieses Gebiet auch durch Laborversuche nach allen Höhen und Tiefen ausgelotet. Anscheinend ist es in den USA leichter als in Europa, auf suspekten Grenzgebieten akzeptiert zu werden. Monroe überprüfte seit seinem 53.Lebensjahr gewissenhaft eigene Erfahrungen mit Seelenreisen und entwickelte mehrere Techniken, um seine Seele vom physischen Leib zu lösen. - Im Laufe der Jahre wurden seine Erfahrungen mit außersinnlichen Wahrnehmungen immer komplexer. Er hatte überirdische Visionen, hörte Stimmen und verspürte das Eingreifen wohlgesonnener transzendenter Personen. Das überzeugte ihn davon, ständig von einer Jenseitswelt geleitet zu werden. Er stellte die revolutionäre These auf, dass sich die menschlichen Seelen während des REM-Schlafes immer von ihren Körpern trennen und auf höheren Bewusstseinsebenen Erfahrungen sammeln. Auf örtlich und zeitlich unbegrenzten Reisen lernt ihr Unterbewusstsein, nimmt geistige Nahrung auf und sammelt Erkenntnisse der jenseitigen Welt. Allerdings verhindert ein Schutzmechanismus nach dem Erwachen die Erinnerung an diese Erlebnisse, trotzdem bleiben sie in der Seelentiefe verankert. Doch ist diese Schranke kein Naturgesetz, sie wird häufig spontan durchbrochen, auch durch eine gezielte okkulte Schulung lässt sich die Trennung von Körper und Seele bei vollem Bewusstsein herbeiführen und die Erinnerungsfähigkeit schärfen. Monroe schildert zahlreiche Begegnungen mit Geistwesen, die ihm die Begriffe der Astralwelt erklärten. Seine Fragestellungen lassen erkennen, dass er sich für fernöstliche Religionen interessierte, für Buddhismus, Hinduismus, den damit verbundenen Erleuchtungswegen und den Gesetzen der Reinkarnation. Monroe sah nach diesen Belehrungen allgemein den Hauptsinn des irdischen Lebens im Sammeln von körperlich-seelischen Erfahrungen und Emotionen. Auch seine Astralwanderungen betrachtete er als Einübungen für die letzte und bedeutendste Trennung von Leib und Seele. Der Tod ist dann nicht mehr die vernichtende Katastrophe, die den Menschen aus heiterem Himmel trifft, sondern ein Weiterschreiten der Seele auf einem Weg, der ihr durch eigene außersinnliche Wahrnehmungen oder durch glaubwürdige Berichte von Astral-Globetrottern schon vertraut ist.
 
 

Samstag, 23. Februar 2013

Außerkörperliche Erfahrungen

Die Frage, ob außer dem physischen Leib des Menschen noch ein eigenständiger Seelenleib existiert, wird nur durch den Beweis erbracht, dass dieser Seelenleib (Astralkörper) schon während des Lebens zeitweise den physischen Leib verlassen kann. Der Amerikaner Sylvan Muldoon (1903 - 1969) erlebte als Zwölfjähriger einen spontanen Austritt seines Astralkörpers. Diese Erfahrung war für ihn beängstigend, doch gelang es ihm, sie in den nächsten Jahren bewusst herbeizuführen. Er entwickelte Methoden, um die Reichweite seiner Wanderungen zu vergrößern und um Gefahren auszuschließen. Dennoch stand er ziemlich ratlos diesem Unbekannten gegenüber, bis er die Werke des esoterischen Schriftstellers Hereward Carrington kennenlernte, die sich auch mit außerkörperlichen Erfahrungen befassten. Muldoon entdeckte darin eine Menge Ungereimtheiten und teilte dies Carrington mit. Der berühmte Schriftsteller ließ sich überzeugen und veranlasste Muldoon, mit ihm gemeinsam ein Buch zu verfassen. Die Zusammenarbeit zwischen Praktiker und literaturerfahrenem Theoretiker führte zu einem hochqualifizierten Fachbuch. Muldoon beschreibt den Astralkörper als Gegenstück des physischen Leibes. Er besteht aus feinem, ätherischem Stoff und ist gewöhnlich im physischen Leib eingeschlossen. - Muldoon hatte seine erste Astralabspaltung im Schlaf. Er erwachte plötzlich in einem Zustand körperlicher Starre und konnte weder sehen noch hören. Dann befiel ihn das Gefühl, dass sein Körper in waagerechter Haltung nach oben schwebe. Immer noch blind und taub richtete sich sein Körper in die Senkrechte auf und bekam Bodenkontakt. Die Starre löste sich, er konnte sehen und hören, im Genick verspürte er einen unangenehmen Druck. Er drehte sich um und bemerkte zu seinem Schrecken seinen eigenen schlafenden Körper. Ein dehnbares, durchsichtiges Kabel verband sein astrales Genick (Medulla oblongata), mit einer Stelle zwischen den Augenbrauen seines physischen Leibes. Er konnte durch die verschlossene Türe in die benachbarten Räume wandern und seine schlafenden Angehörigen beobachten. Er versuchte, sie zu wecken, doch gingen seine Hände durch sie hindurch wie durch Luft. Nach einiger Zeit bremste das Kabel im Genick seinen weiteren Ausflug. In umgekehrter Reihenfolge wiederholte sich nun die Rückkehr. Er schwebte über seinem physischen Leib und wurde mit einem plötzlichen schneidenden Schmerz in ihn hineingezogen. - Muldoon unternahm in den nächsten Jahrzehnten einige hundert bewusste Astralreisen. Es gelang ihm sehr bald, die Trennung von physischem und astralem Leib herbeizuführen und dabei seine Verstandesfähigkeit zu erhalten. Er war ein guter Beobachter und beschrieb seine Erfahrungen exakt und ausführlich. Interessant ist die Geschwindigkeit, mit der diese Reisen vonstatten gingen. Kurze Entfernungen waren "zu Fuß" zu bewältigen, bei weiten Strecken erhöhte sich das Tempo und die durcheilten Gegenden zogen wie im Flug an Muldoon vorüber. Sehr weite Distanzen überwand er im unbewussten Zustand, nachdem er vorher energisch den Wunsch nach einem bestimmten Ziel geäußert hatte. Muldoon beschränkte seine Reisen auf irdische Gegenden, seine Nachfolger gingen oft viel weiter und besuchten sogar Jenseitsregionen. - Es ist typisch für alle okkulten Spezialisten, dass sie sich von ihren Interessen leiten lassen und Prioritäten setzen. Für Muldoon war es wichtig, falsche Vorstellungen auf diesem Gebiet durch die Schilderung eigener Erfahrungen auszumerzen. Seine Erlebnisse ließen ihn zeitlebens nicht los. Er hatte einen Aspekt seiner menschlichen Natur entdeckt, von dem die Wissenschaft nichts weiß, der aber für das Verständnis der menschlichen Person in ihrer Gesamtheit äußerst wichtig ist.
 

Freitag, 15. Februar 2013

Animismus

Animismus ist ursprünglich ein volkskundlicher Begriff. Er bezeichnet eine vorreligiöse Weltanschauung, nach der alle irdischen Dinge, Steine, Pflanzen, Bäume, Tiere und Menschen mit einer Seele begabt sind. Der Mensch nimmt dabei eine herausragende Stellung ein. Seine Seele kann unabhängig vom Körper existieren und trennt sich während des Lebens zeitweise und im Tod endgültig vom Leib. Dieser Animismus kennt noch keinen Gottesbegriff und es bleibt offen, wer Körper und Seele erschaffen hat, ob sich der Mensch vor einer transzendenten Instanz verantworten muss und was die Seele im Jenseits erwartet. - In der materialistischen Ära erfährt der Begriff Animismus einen Bedeutungswandel. Hier denkt man eindimensional und gesteht dem Menschen nur einen physischen Leib zu. Die Seele lässt sich zwar nicht leugnen, doch wird sie als Funktion des physischen Leibes erklärt. Ebenso wenig lassen sich übernormale Fähigkeiten der Seele ignorieren, die mit der Psychologie allein nicht zu begründen sind : Telepathie (Gedankenübertragung), Telekinese (Bewegen von Gegenständen ohne Berührung), Radiästhesie (Strahlenfühligkeit), Präkognition (Kenntnis künftiger Ereignisse), Medialität (Kontakt mit Geistern Verstorbener). Es sind keine allgemein menschlichen Talente, doch gibt es viele Personen. die damit begabt sind. Diese"Talente" sind verschieden stark ausgeprägt, systematisches Üben verstärkt sie, ihre Intensität hängt von gesundheitlichen Faktoren und der Tageskondition ab. Die Parapsychologie, ein Seitenzweig der Psychologie, erforscht unter animistischen und garantiert transzendenzfreien Gesichtspunkten diese abnormen Phänomene. Eine Reihe amerikanischer und englischer Universitäten sowie auch die deutsche Universität Freiburg unterhielten Jahrzehnte lang Lehrstühle für Parapsychologie. Diese gelangten in Großversuchen zu beachtlichen Ergebnissen, vor allem in der Spukforschung und Telepathiedokumentation, konnten sich aber im akademischen Lehrbetrieb wie auch bei Laienforschern keine bleibende Anerkennung verschaffen. - Die spiritistische These, nach der die Geister Verstorbener und die frei agierenden Seelenleiber Lebender okkulte Phänomene bewirken, ist leichter verständlich. Allerdings bleibt Spiritismus im Bereich des Glaubens, während die Wissenschaft Phänomene nur dann akzeptiert, wenn sie jederzeit wiederholbar und physikalisch messbar sind. Das ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht möglich. Bis es so weit ist, sind zur parapsychologischen Begründung oft sehr gewagte Konstruktionen nötig. So ist bei Spukfällen ein großes Arsenal von Hypothesen aus Quantenphysik und Tiefenpsychologie nötig, um dann zu Ergebnissen zu gelangen, die mit einem akademisch ungeschulten Verstand schwer nachvollziehbar sind. Streng genommen versucht hier die Wissenschaft Erkenntnisse zu produzieren, die man von ihr gar nicht erwartet. Zu einer Stellungnahme wäre hier ausschließlich die Theologie gefragt, denn es geht um deren ureigenes Gebiet, um die menschliche Seele, ihre verborgenen Eigenschaften, ihre Erschaffung, ihr Zusammenwirken mit dem physischen Leib im irdischen Leben und ihr Weiterleben nach dem Tod.

Mittwoch, 6. Februar 2013

Spuk

Der renommierte Parapsychologe Walter von Lucadou bringt in seinem neuesten Buch eine bunte Mischung von teilweise spektakulären Spukfällen, die Ratsuchende an ihn herangetragen haben. Manches ist auch von Laien leicht als Selbsttäuschung zu erkennen. Vieles ist aber handfester Spuk, Geistererscheinungen, die plötzlich aus dem Nichts auftauchen, eine Zeitlang verweilen und sich dann in Luft auflösen oder durch die Wand verschwinden, regelmäßig auftretender Lärm, Messer und Steine, die von Geisterhand gesteuert durch die Luft fliegen, elektrische Geräte, die sich ohne sichtbaren Verursacher ein- und ausschalten. Dr. Lucadou beruhigt, wenn die Betroffenen in verständliche Panik geraten und gibt ausführliche Erklärungen. Er ist ein hochgebildeter Wissenschaftler und Spukforscher, der sich auf einen namhaften Kreis von Vordenkern stützen kann. Er glaubt nicht an Geister, aber er glaubt an die menschliche Vernunft, an Quantenmechanik und Tiefenpsychologie. - Am Spuk zu zweifeln wäre Ignoranz. Es gab ihn zu allen Zeiten, es gibt ihn in allen Ländern, seine Phänomene sind bei der heutigen Entwicklung der Technik gut dokumentiert, fotografiert, gefilmt und auf Magnetband festgehalten. Spuk ist immer unheimlich, er widerspricht jeder menschlichen Erfahrung. Er ist ein Chamäleon, passt sich an, widerspricht jeder Logik. Er kann ortsgebunden sein, es gibt unheimliche Schlösser, Häuser, verhexte Wälder, aber auch gespenstische Wohnungen in modernen Betonklötzen. Oft ist er an Personen gebunden, an pubertierende Mädchen, Neurotiker, aber auch an rundum normale Menschen. - In den Augen der Wissenschaft gibt es auf diesem Planeten kein Phänomen, das nicht mit den Mitteln der Physik und Psychologie fassbar wäre. Das ist auch die Ansicht von Herrn Dr. Lucadou. Er bietet ein gewaltiges natur- und geisteswissenschaftliches Instrumentarium auf, analysiert jeden einzelnen Fall und jede betroffene Person oder Familie. Er findet immer eine Begründung, die jedoch nur dann einleuchtet, wenn man seine animistische Ansicht teilt. Animismus ist das Gegenteil von Spiritismus. Der Animist zweifelt an einer unsterblichen, eigenständigen Seele Er ist davon überzeugt, dass die menschliche Psyche eine Körperfunktion ist, die jedoch unter besonderen Bedingungen ungewöhnliche Eigenschaften zeigen kann. - Möglicherweise stimmt aber auch die Meinung der Spiritisten, dass Spukphänomene Signale aus einer Welt sind. die unseren irdischen Augen unsichtbar ist, uns aber hautnah umgibt. Spiritisten unterscheiden sehr genau zwischen dämonischen, zerstörerischen Kräften, den Seelen Verstorbener, die sich von der Erdsphäre nicht trennen können und fortgeschrittenen Geistern, die sich ihren lebenden Angehörigen mitteilen möchten. Spuk will immer Aufmerksamkeit erregen, besonders wenn es durch massive Belästigungen geschieht. Etwas anders stellt sich das Christentum zu diesen Phänomenen. In vielen Heiligenbiografien finden sich sowohl schwere dämonische Angriffe wie auch das Erscheinen Verstorbener, die sich einer Schuld bewusst sind und Fürbitte erflehen. Die christliche Folgerung ist demnach, dass Spukerscheinungen neben satanischen Manifestationen auch Hilferufe aus dem Jenseits sein können.
 
 
 
 

Mittwoch, 30. Januar 2013

Das spiritistische Jenseits

Emil Mattiesen gibt im dritten Band seines Buches "Das persönliche Überleben des Todes" aufschlussreiche Jenseitsschilderungen, die er aus den Durchsagen Verstorbener an Medien zusammengestellt hat. - Das "Lichtland" besteht aus verschiedenen Sphären. Den Höherentwickelten werden die Seelen aus niederen Stufen zur Unterrichtung anvertraut. Fördern und Helfen gehören zu den wichtigsten Pflichten der Jenseitigen, vor allem gegenüber den durch die Fremdheit der ungewohnten Umgebung verwirrten Neulingen. In den unteren Sphären besteht noch längere Zeit eine schmerzlich getönte Rückschau auf die irdische Vergangenheit, ein trauriges Hängen an Beziehungen und Besitz. Erinnerungen an Krankheiten des einstigen Lebens erzeugen Schmerzen, vor allem, wenn sich die Seelen in spiritistischen Sitzungen wieder der Körperlichkeit annähern. Erst allmählich weicht dieses Heimweh dem Anfreunden mit der neuen Umgebung. Die Geister schildern ihre Heimat als lieblich, baum- und wiesenreich, sanft hügelig, stromdurchschlängelt, zuweilen von heroischem Gebirgscharakter. Alle Einzelheiten dieser Landschaft sind von allen Seiten gleichzeitig sichtbar, entfernte Gegenstände zeigen keine perspektivische Verkürzung. Die Sprache der anderen Seite ist eine telepathische Verständigung. Die Jenseitigen können uns Lebende sehen, doch anders, als wir uns erblicken. Das jenseitige Licht ist ein durchdringendes Element, das unsere innersten Gedanken erkennen lässt. Die Seelen wohnen in Häusern von mannigfaltiger Größe, Stilrichtung und Ausstattung. Diese türlosen Häuser besitzen mehr als vier Wände, die asymmetrisch zueinander stehen und den Resonanzboden der Seelenkräfte ihrer Bewohner bilden. In dieser Funktion verstärken sie deren Schwingungen, die dadurch bis zur Erde reichen. Viele Gebäude dienen der geistigen Weiterentwicklung, der religiösen, philosophischen und naturwissenschaftlichen Belehrung. Der Kontakt mit dem Diesseits ermöglicht es, das Tun der Irdischen zu erfühlen, sie zu belehren und ihnen zu helfen. Die Siedlungen sind von wechselnder Größe und bestehen aus Einöden, Dörfern bis hin zu turmbewehrten Städten. Landkreise verbinden sich zu weiträumigen Regionen, in denen sich Angehörige verschiedener Völker treffen, Seelenverwandtschaft führt sie zusammen. Der Lebensinhalt weicht von dem der Irdischen ab. Anstelle des Kampfes um Reichtum, Genuss und Macht tritt das Streben nach religiös-sittlicher Entwicklung. - Bei aller Deutlichkeit bleiben viele Fragen offen. Dieses Jenseits ist eine Fortsetzung des Diesseits unter erleichterten Bedingungen. Trotz der Hinweise auf Belehrung hilfsbedürftiger Seelen und der eigenen Vervollkommnung fehlt diesem Lichtland der tiefere Sinn. Es ist ein perfekt durchorganisierter Riesenstaat, jedoch unter anonymer Führung. Die verborgene Obrigkeit kann ein Konsortium hochrangiger Engel, eine nebulöse göttliche Herrschaft oder eine unpersönliche Allseele sein. Diese Unbestimmtheit macht es schwierig, Offenbarungen aus dieser Welt als verbindliche Lebensweisheiten anzunehmen.
 
 
 

Mittwoch, 23. Januar 2013

Emil Mattiesen

Emil Mattiesen (1875-1939) gehörte schon zur zweiten Generation namhafter deutscher Spiritisten, er konnte auf ein reiches Schrifttum und umfangreiche internationale Dokumentationen zurückgreifen. Dennoch ging er eigene Wege. Er führte ein abenteuerliches Leben und war lange Zeit auf der Suche nach einem Beruf, der seine vielfältigen Begabungen bündelte und fand ihn schließlich in der Musik und der Schriftstellerei. Der Bürgermeistersohn aus Dorpat im Baltikum studierte Philosophie, Naturwissenschaften und Musik und promovierte in Leipzig zum Dr.phil. Das elterliche Vermögen und jede Art von Gelegenheitsarbeiten erlaubten ihm ausgedehnte Reisen sowie weitere Studien an den Universitäten von Cambridge und London. Er bereiste zuerst Asien (Sumatra, Java, Borneo, Kaschmir, Tibet und Japan), dann die USA. Seinen Sprachkenntnissen verdankte er es, dass er sich im jeweiligen Land tiefschürfend über dessen Religionen und Rituale informieren konnte. Nach seiner Heimkehr heiratete er 1918 in Berlin und wandte sich nun hauptberuflich der Musik zu. Sein unruhiger Geist hielt es nicht lange in Berlin aus, er zog in die Nähe von München, um in der bayrischen Metropole für seine Kompositionen zu werben und nach Spuren der einstigen Hochblüte der Parapsychologie zu suchen. Sichtlich enttäuscht von der dortigen Interesselosigkeit und Verödung kehrte er mit seiner Frau in den Norden zurück und ließ sich im idyllischen Gehlsdorf bei Rostock nieder. Hier berief ihn 1929 die theologische Fakultät der Universität Rostock zum Dozenten für Kirchenmusik. Seine Freizeit widmete er der Parapsychologie, er verfasste zahlreiche Fachartikel für spiritistische Blätter und vor allem die beiden umfangreichen Fundamentalwerke "Der jenseitige Mensch" und "Das persönliche Überleben des Todes". Kurz nach Vollendung seines zweiten Werkes verstarb er 1939 an Leukämie. - Sein Hauptthema war die Frage, wie der Mensch durch mystische Erfahrung zu einer Erkenntnis Gottes und zu einem Verständnis des göttlichen Willens kommen könne. Christentum, Buddhismus, Hinduismus, Islam und die zahlreichen Naturreligionen bieten sehr unterschiedliche Annäherungen an die religiöse Wahrheit. Zu dieser Vielfalt von Stimmen kommt noch der moderne Skeptizismus hinzu, den Glauben durch Psychologie und Naturwissenschaft seiner Transzendenz zu berauben. Mattiesen sah deshalb im Spiritismus einen wichtigen Weg, mit Hilfe der Medien die göttliche Wahrheit zu entschlüsseln. Er kannte genau die christliche Mystik, die alttestamentlichen Propheten, die Thora und den Koran, bezweifelte aber, dass nur die Glaubensartikel der mächtigen Religionsgemeinschaften verbindlich seien. Er war auch von der Aussagekraft medialer Offenbarungen überzeugt. Hier wagte er sich allerdings auf sehr dünnes Eis. Schon ein oberflächlicher Vergleich der Texte christlicher Mystiker mit den regelmäßigen Kundgaben hoher Geistwesen an spiritistische Logen zeigt stilistisch und substanziell gravierende Unterschiede.
 

 

Freitag, 18. Januar 2013

Carl du Prel

Freiherr Carl du Prel (1839 - 1899) widmete sich nach einer Karriere bei der bayrischen Armee als freier Schriftsteller breitgefächerten naturwissenschaftlichen, astronomischen und psychologischen Themen. Die Ehe mit einer vermögenden Witwe und seine Offizierspension sicherten ihm finanzielle Unabhängigkeit. Sein geistiger Ziehvater war Eduard von Hartmann, dessen "Philosophie des Unbewussten" seine eigene Weltanschauung prägte. Durch Hartmann wurde er mit zwei namhaften Spiritisten bekannt, dem Astronomen Zöllner und dem Philosophen Hellenbach. Carl du Prels Heimatstadt München war damals eine Hochburg des Spiritismus. Das verwundert bei einer derart katholisch geprägten Stadt, in der es allerdings starke antiklerikale Strömungen mit einem aufklärerischen Freidenkertum gab. Das waren auch die Voraussetzungen der Münchner spiritistischen Gesellschaft unter dem Deckmantel "psychologische Forschung". Dieser elitäre Kreis setzte sich aus Ärzten, Biologen und Physikern zusammen, auch namhafte Maler, Schriftsteller und Dichter waren gerngesehene Zaungäste der Seancen. Man leistete sich hervorragende, international berühmte Medien, die man mit deutscher Gründlichkeit außergewöhnlich strengen Kontrollen unterwarf. Prel glaubte als einer der Wenigen an ein Weiterleben im Jenseits und an einen persönlichen Gott. Er galt als Außenseiter, der auch die Bezeichnung "Spiritismus" ablehnte und sie durch die verwaschenen Begriffe "Okkultismus", "Magie" oder "Transzendenz" ersetzte. Prel kam von den Naturwissenschaften her, verstand aber seine Studien als antimechanistische Beiträge. Sein anthropologischer Ansatz war die Hypothese einer doppelten humanen Existenz, wonach der Mensch außer seinem irdischen Leib noch einen zweiten inneren Körper besitzt, den "Astralleib". Dieser entspricht in seiner Form völlig dem physischen Körper, ist jedoch von feinstofflicher Beschaffenheit. Durch diesen Astralleib (Seele) ist jeder Mensch Bürger zweier Welten, der sinnfällig diesseitigen und einer jenseitigen Welt, die außerhalb normaler menschlicher Wahrnehmungsfähigkeit liegt. Im Diesseits ist der Mensch ganz irdischer Mensch, zugleich aber auch schon zu Lebzeiten ein jenseitiges Subjekt. Die spiritistischen Phänomene bewiesen ihm, dass die Seele außerhalb des physischen Leibes existieren kann, dass sie ein Eigenleben besitzt und über spezielle Sinne verfügt. Prels wissenschaftliches Ziel war, das Geheimnis Mensch zu enträtseln, die Naturwissenschaft aus den Irrlehren des Materialismus zu befreien und lückenlos alle okkulten Eigenschaften der Seele, Telepathie, Telekinese, Levitation, Bilokation und Materialisation nachzuweisen. Dass er eine Präexistenz der Seele schon vor der Geburt annahm, war ein Relikt seiner theosophischen Vergangenheit. Mit seiner grundlegenden Ansicht, dass der Tod weniger eine Entseelung des Körpers, sondern eine Entleiblichung der Seele darstellt, lag er sicher richtig, denn er räumt der Seele einen Vorrang gegenüber dem physischen Leib ein. Seiner Ansicht nach ist der Leib nur der Diener der Seele, er ist vergänglich, die Seele aber ist unsterblich.
 
 
 

Montag, 14. Januar 2013

Allan Kardec

Obwohl der Spiritismus heute in Großbritannien, den USA und in Brasilien am verbreitetsten ist, liegen seine wissenschaftlichen und philosophischen Wurzeln in Frankreich und Deutschland. Der wichtigste Mann auf diesem Gebiet ist der Franzose Allan Kardec. Er hat ein spiritistisches Weltbild erstellt, das keine Nuance vernachlässigt. Der Deutsche Carl du Prel war Vertreter einer okkult-physikalischen Forschung. Die gründlichste Dokumentation spiritistischer Phänomene und die scharfsinnigste Auseinandersetzung mit dem "Animismus" lieferte der Deutsch-Balte Emil Mattiesen in seinem Werk "Das persönliche Überleben des Todes". - Allan Kardec (1804-1869) führte zwei Leben. Bis zu seinem fünfzigsten Lebensjahr war er Professor H.L.D. Rivail, ein Meisterschüler und Mitarbeiter des berühmten Pestalozzi, universell gebildet, ein erfolgreicher Pädagoge, der gemeinsam mit seiner Frau mehrere Lehrinstitute führte und didaktische Fachbücher verfasste. Er ließ sich dabei von den Grundsätzen Pestalozzis leiten, intellektuelle und moralische Bildung allen Volksschichten zu vermitteln, immer der eigenen Beobachtungsfähigkeit zu vertrauen und nicht vorgefertigte Lehrmeinungen kritiklos nachzuplappern. Rivail beherrschte mehrere Fremdsprachen und übersetzte englische und deutsche Fachliteratur ins Französische. In den letzten fünfzehn Jahren seines Lebens mutierte er zu Allan Kardec. Eine flüchtige Erfahrung mit Tischrück-Phänomenen hatte sein Interesse für den damals noch jungen europäischen Spiritismus geweckt. Er schloss sich in Paris einem spiritistischen Zirkel an, sichtete dessen umfangreiche nordamerikanische Sammlung von Protokollen und begann mit einem Medium selber einschlägige Experimente. Seinen neuen Namen verdankte er einer medialen Botschaft, wonach er die Reinkarnation eines Druiden namens Allan Kardec sei. Für Rivail veränderte sich mit dem Jenseitskontakt sein ganzes Leben, es eröffnete sich ihm ein gewaltiger Kosmos, die Welt des Geistes und der Geister. Alles, was berühmte Wissenschaftler, Philosophen, Religionsstifter, Könige, Revolutionäre, Dichter und das große Heer der namenlosen Weltbeweger je gedacht hatten, stand ihm durch den Kontakt mit "höheren Geistern" auf Abruf zur Verfügung. Er musste nur aus der unerschöpflichen Fülle von Botschaften Markantes herausfiltern und mit Hilfe der Medien Auskünfte über alle nur möglichen Lebensfragen von der Genesis über die Bedeutung Christi, das Funktionieren der Wiederverkörperung bis zum Leben auf anderen Planeten einholen. Die Frucht seiner Bemühungen legte er in fünf Werken nieder, von denen das "Buch der Geister" als spiritistische Bibel gilt. Der "Kardecianismus" ist die konsequenteste Umsetzung jenseitiger Offenbarungen in eine Weltanschauung. Kardec starb mit fünfundsechzig Jahren. Der Ausbau seiner Lehre zu einer Lebensphilosophie und Religionsgemeinschaft erfolgte erst durch seine Anhänger.  

Mittwoch, 9. Januar 2013

Der Spiritismus

Bei aller gebotenen Vorsicht ist der Spiritismus eine wichtige Quelle der Jenseitskunde. Skepsis ist dennoch nötig, denn wie bei allen Sparten des Okkultismus gibt es auch bei ihm viele schwarze Schafe und Scharlatane. Seine Phänomene setzen Medien voraus, Frauen und Männer mit paranormalen Fähigkeiten. Ein Medium kann sich in Trance versetzen und öffnet sich in diesem entrückten Bewusstseinszustand den Seelen Verstorbener, die dann aus ihm sprechen. Als der europäische Spiritismus ab Mitte des neunzehnten bis zum ersten Drittel des zwanzigsten Jahrhunderts seine Hochblüte erlebte, gab es eine große Anzahl berühmter Medien, die sich für teilweise beträchtliche Honorare spiritistischen Zirkeln zu wissenschaftlichen Versuchen zur Verfügung stellten. Pausenlose und kräftezehrende Experimente führten häufig zu einer Erschöpfung der medialen Fähigkeiten. Um aber weiterhin für ihre Auftraggeber interessant zu bleiben, flüchteten sich auch hochbegabte Medien in Mogeleien, die dann unvermeidlich aufflogen.- Worin sich alle Schulen des Spiritismus einig sind, ist die Ablehnung der konventionellen christlichen Kirchen. Ein Grund liegt sicher darin, dass sie von Anfang an von den Kirchen heftig bekämpft wurden. Hauptsächlich aber geht es darum, dass sich die spiritistischen Strömungen entsprechend den Kundgaben der Geister selbst Parallelkirchen mit eigenwilligen Schöpfungsgeschichten und einer sehr freien Auslegung der Botschaft Christi geschaffen haben. - Für den Spiritismus besteht ein fließender Übergang vom Diesseits zum Jenseits. Die Seelen Verstorbener können noch lange Zeit in der Erdsphäre verweilen. Auch dann, wenn sie sich in höhere Sphären emporgehoben haben, ist es ihnen möglich, wieder zeitweise in die diesseitige Welt zurückzukehren. Der Spiritismus ist sogar davon überzeugt, dass vom Jenseits aus ein dringendes Bedürfnis besteht, sich durch Medien den Lebenden mitzuteilen, sie über jenseitige Zustände zu informieren und trauernde Hinterbliebene zu trösten. Die Gründe der Diesseitigen, die Seelen Verstorbener zu beschwören und zu befragen, haben vielfältige Ursachen : Neugierde, wissenschaftliches Interesse an der Identifikation der Geistwesen, an ihren physikalischen Kräften und telekinetischen Fähigkeiten, die Möglichkeit der Materialisation nahestehender Verstorbener und das Verlangen nach Beratung in allen möglichen irdischen Angelegenheiten. Die Antworten auf diese Fragen erfolgen durch den Mund des Mediums oder durch "automatische Schrift" = ein Geist bedient sich der Hand des Mediums und schreibt ohne dessen bewusste Mithilfe über angefragte Sachgebiete, gegebenenfalls auch in einer Fremdsprache, die dem Medium unbekannt ist. Der Spiritismus geht von der Annahme aus, dass die Seele nach der Trennung vom Leib Kräfte und Wissen erlangt, die sie u.a. zu prophetischen Voraussagen, zur Heilung Kranker und zu spirituellen Offenbarungen einsetzen kann. In diesem oft blinden Vertrauen auf eine sich anbiedernde jenseitige Führung und Hilfsbereitschaft liegen Gefahr und Fragwürdigkeit des Spiritismus.

Mittwoch, 2. Januar 2013

Das Erwachen der Seele

Das Ablösen des feinstofflichen Energiekörpers vom physischen Leib beim Sterben vergleicht Beat Imhof mit einem Geburtsvorgang, der sich von einigen Minuten bis zu einigen Stunden hinziehen kann. Auch bei dieser Geburt gibt es eine Abnabelung. Während des ganzen Lebens verbindet eine unsichtbare "Silberschnur" den materiellen Leib mit dem astralen Energiekörper (Seele). Verlässt die Seele während des Schlafes, bei Astralreisen oder bei Nahtodzuständen zeitweise den Körper, ist sie durch diese stabile Schnur weiterhin mit ihm verbunden. Der Tod zerreißt sie, damit trennt sich die Seele endgültig von ihrer Leibhülle. Für das Sichtbarwerden dieser normalerweise unsichtbaren feinstofflichen Vorgänge sind wir auf das Zeugnis sensitiver Menschen angewiesen, denen diese seltene visionäre Gabe in die Wiege gelegt wurde. Sie schildern, dass sich aus dem Sonnengeflecht des sterbenden Körpers ein nebliges Gebilde löst, das allmählich die Gestalt einer leuchtenden menschlichen Gestalt annimmt. Der Sterbende selbst erlebt diese letzte Phase des Lebensausklangs in Entrücktheit, seinem Bewusstsein sind die Schmerzen der Krankheit und die Trauer einer endgültigen Trennung entglitten. Er wird in ein neues Leben hineingeboren, das sich in einem Geistleib mit Jenseitsorganen und Jenseitssinnen vollzieht, an deren Andersartigkeit er sich erst gewöhnen muss. - Während der Zeit des Loslösens und der Bewusstlosigkeit der irdischen Sinne zieht vor seinen Seelenaugen sein ganzes Leben wie ein Panorama an ihm vorüber, das mit der Gegenwart beginnt und mit der Kindheit endet. Alles, was sich im Leben ereignete, tritt noch einmal im Eildurchlauf ins Bewusstsein. Der Sterbende erkennt, wo er verhängnisvolle Fehlentscheidungen getroffen hat, wo er sich vom äußeren Glanz blenden ließ und dadurch eine Berufung versäumte, wie er seine wahren Talente missachtete und unsinnigem Zeitvertreib nachjagte. Es rücken ihm Situationen in die Erinnerung, die er wegen ihrer Peinlichkeit schon längst ins Unterbewusstsein verdrängte, die aber nun in ungeschminkter Deutlichkeit emporsteigen. - Nach der letzten Phase des Todes schwebt der Geistleib eine Zeitlang über der Leiche, erwacht aus einer schlafähnlichen Benommenheit, richtet sich auf und wird sich seiner neuen Körperlichkeit bewusst. Es hängt vom spirituellen Entwicklungszustand ab, wie der Verstorbene die Ankunft im Jenseits erlebt. War er zeitlebens nur irdisch orientiert, wird sich seine Seele schwer aus der Erdsphäre lösen können. Er nimmt seine Umgebung und seine Angehörigen wahr, aber alles ist wie in einer Albtraumwelt verändert. Er hat höhere Sinne und Fähigkeiten erlangt, kann durch Wände gehen, sich an andere Orte versetzen. Trotzdem hat er seine Leiblichkeit verloren und kann sich den Lebenden nicht verständlich machen. Sie sehen ihn nicht und nehmen keine Notiz von ihm. Er bleibt vorerst noch im gewohnten Milieu, doch er sieht es mit anderen Augen. Er kann die Gedanken der anwesenden Verwandten und Bekannten lesen und intuitiv ihre unverhüllten Charakterzüge erkennen. Er wird sich aber auch mit Schrecken seiner eigenen Unzulänglichkeit bewusst. - Es ist nicht so, dass der Tod dem Törichten Weisheit, dem Engstirnigen prophetische Schau und dem Gottlosen vertrauensvollen Glauben schenkt. Das Diesseits wäre der Ort für die Erringung der Jenseitsmitgift gewesen, der Flügel für den Flug aus der irdischen Sphäre, der Beherrschung der Engelssprache und eines ordentlichen Gewandes, um der künftigen vornehmen Gemeinschaft würdig zu sein. Hat er im Leben seine Lektion nicht gelernt, muss er den mühsamen Prozess des Studiums und der Einübung in der Ewigkeit nachholen. Er wird dazu geduldige Lehrer und liebevolle Begleiter brauchen. Für diesen Weg muss ihn aber vor allem der Wunsch beseelen, ein herrliches Ziel im Jenseits zu erreichen, das er im Leben nie angestrebt hat, den Ort der Erquickung, die Seligkeit der Ruhe und die Klarheit des ewigen Lichtes.