Der Schweizer Professor Mohlberg OSB kommt in seinen schriftstellerischen Werken zu einem schlüssigen Aufbau der menschlichen Person. Er beruft sich bei seiner Dreigliederung Soma = Körper, Psyche = Seele und Pneuma = Geist auf den Apostel Paulus. Der Körper ist im Mutterschoß gebildet, Gegenstand der Chemie und Physik, der Anatomie, Physiologie und Pathologie. Er ist der Gegenpol des Geistes und sein Haus. Der Geist ist unsterblich, dem Menschen eingehaucht, von Gott herkommend, zu Gott hinbestimmt, der edelste Ausdruck menschlichen Seins.
Doch was ist unter "Seele" zu verstehen? Für Mohlberg ist sie das für Körper und Geist äußerst wichtige Bindeglied. Er beschreibt sie genau und ist der Ansicht, dass viele Phänomene der Metaphysik im Dunkeln bleiben, wenn man ihre Bedeutung unterschätzt und nicht die Erfahrungen zahlreicher Forscher ausschöpft, die sich mit der geheimnisvollen Seele befassen. Sie haben dafür verschiedene Namen gefunden : Astralleib, vitales Fluid, Od, Aura und Helioda. - Der Begriff Astralleib = siderischer Leib findet sich schon bei Paracelsus, "Od" wurde vom Chemiker und Industriellen Reichenbach (1788 - 1869) geprägt, "Helioda" vom Begründer der Naturell-Lehre Huter(1861 - 1912). Aura wird in der okkulten Literatur als Ausstrahlung eines Energiekörpers beschrieben. "Aureole" als Begriff eines den ganzen Körper umfassenden Lichtscheins ist eine klarere Aussage. - Allerdings sollte man nicht Ursache und Wirkung verwechseln. Der Astralleib ist der Energiekörper, Od, Aura oder Helioda sind seine Emanationen, seine Ausströmungen. Sinnvoll wäre es, auf den heute missverständlichen Begriff "Astralleib" zu verzichten und ihn "Seelenleib" zu nennen, "Pneuma" entspricht dann dem "Geistleib". - Der Seelenleib ist ein unsichtbarer Leib im sichtbaren physischen Leib. Paracelsus umschreibt das Verhältnis beider Körper etwa folgendermaßen : "Der physische Leib ist Fleisch vom Fleisch Adams, er ist den Gesetzen der Materie unterworfen. Der Seelenleib jedoch ist dem physischen eingegliedert, ähnelt ihm im Aussehen, ist aber von anderer Art. Er ist ein subtiles "Fleisch", das nicht zu binden oder zu fassen ist. Wenn er den physischen Leib vorübergehend oder für immer verlässt, bedarf er keiner Türe, keines Schlupfloches, er geht durch Mauern und Wände und zerbricht nichts." Es waren in der Geschichte der Menschheit nicht nur philosophische Spekulationen, die zu diesen Auffassungen von den verschiedenen Schichten der menschlichen Person führten, sondern außergewöhnliche, oft beängstigende Phänomene. Es gibt vermutlich schon immer Spukerscheinungen, Erfahrungen mit Telepathie, Telekinese, Prophetie und Wunderheilungen. Diese Tatsachen lassen auf Kräfte schließen, die von menschlichen Körpern zu Lebzeiten oder nach dem Tod ausgehen, deren Urheberschaft aber nach den bekannten physikalischen Gesetzen unerklärlich ist. Es bestehen mehrere Möglichkeiten der Stellungnahme zur Welt des Paranormalen, Metaphysischen, Transzendenten und Parapsychologischen. Man kann sie ignorieren, bespötteln oder als Halluzination, Selbsttäuschung oder Betrug abtun. Wer aber an der Wahrheit interessiert ist, sollte sie vorurteilsfrei prüfen. Eine einzige eindeutig dokumentierte Geistererscheinung, eine von einem einzigen glaubwürdigen Zeugen beobachtete Levitation oder Bilokation oder eine einzige wissenschaftlich unerklärliche Spontanheilung könnte schon ausreichen, das anscheinend festbetonierte physikalische Menschenbild in Frage zu stellen. Es gibt jedoch von all diesen Dingen nicht nur ein paar wenige Dokumentationen, sondern tausendfache Fallsammlungen.
Sonntag, 30. September 2012
Sonntag, 23. September 2012
Luzifer und Ahriman
Das Böse, seine Herkunft und Macht, hat die Menschen schon immer interessiert. Es übt eine große Faszination aus, erregt die Neugierde und jagt dennoch Angst ein. Seine Allgegenwart legt den Gedanken nahe, es sei eine dem Guten gleichwertige Kraft, die ständig mit dem Guten im Kampf liegt und beste Chancen hat, zu gewinnen. Bei Rudolf Steiner tritt das Dämonische in zwei gegensätzlichen Gestalten auf, in Luzifer und Ahriman. Es sind zwei schillernde Persönlichkeiten, die der Menschheit nicht feindlich, sondern neutral gegenüberstehen und sie mit gefährlichen wie nützlichen Gaben beschenken. Die Gestalt des Ahriman entnimmt Steiner der zoroastrischen Theologie, als Goetheverehrer gleicht er sie aber auch dem Mephisto aus Goethes Faust an. - Der Sündenfall Luzifers beraubte den Menschen zwar der Unsterblichkeit des physischen Leibes, doch Luzifers ausgleichende Gabe für diesen Verlust ist die Fantasie, die Kraft der Imagination, die Begeisterungsfähigkeit für Firlefanz und vor allem die Befreiung aus der göttlichen Oberhoheit. Er verführt den Menschen dazu, sich von seinem Ego bis zur völligen Selbstvergötzung leiten zu lassen. Luzifer-Besessene sind die Selbstherrlichen, die von ihrem einmaligen Sendungsbewusstsein und ihrer Ausstrahlung überzeugt sind und alle Mitmenschen als ihre Knechte und Marionetten betrachten. - Das Geschenk Ahrimans an die Menschen ist der eiskalte Intellekt und das materielle Denken. Ahriman verwandelt die Menschen in Automaten und den Kosmos in eine überdimensionale Maschine. Während Luzifer versucht, den Menschen seinen irdischen Pflichten zu entfremden und in ein virtuelles Reich zu locken. führt ihn Ahriman in die völlige Verweltlichung, in das Bestreben, sein Heil ausschließlich im Wohlstand zu suchen. Seine schlimmsten Geschenke sind der Strukturierungs- und Regulierungswahn, die seelische Verhärtung und geistige Vergreisung. Luzifer und Ahriman haben die Menschen Gott abspenstig gemacht und sich an seine Stelle als Ratgeber und Weltenlenker gesetzt. Luzifer ist der Herr der Nacht, Ahriman der Herr des Tages. Luzifer benützt die Nacht zu seinen Eingebungen, Ahriman bedient sich des wachen Bewusstseins. - Der erweckte Mensch soll sich nach Steiners Ansicht den beiden Kräften öffnen. Gelingt es ihm durch einen spirituellen Schulungsweg, sowohl die imaginative Fantasie wie auch das emotionslose Kalkül kontrolliert in sich einzulassen, hilft es ihm zu seiner Lebensgestaltung.- Bei einer weiterführenden Betrachtung bringt Steiner nur mehr Luzifer ins Spiel. Er unterscheidet bei der Struktur des Menschen zwischen einem niederen und einem höheren Ich. Das niedere Ich ist die Egozentrizität Luzifers. Im höheren Ich lebt Christus als das universelle Ich, mit dessen Hilfe Luzifer erlöst und das "Neue Jerusalem" geschaffen werden kann. - Das Christentum sieht die Verhältnisse grundsätzlich anders. Gott ist Gott und Satan ist Satan. Luzifer ist der durch Hochmut und Ungehorsam gefallene Erzengel. Seine Abkehr von Gott und von allen geistgesegneten Geschöpfen Gottes, den Engeln und Menschen, ist endgültig, ebenso seine Verdammung. Er hat weder die Möglichkeit noch den Wunsch, den Menschen irgendwelche geistigen und materiellen Gaben zu schenken. Dazu ist nur Gott in der Lage. Verspricht sich der suchende Mensch von Luzifer weltbewegende künstlerische Inspirationen und von Ahriman eine Erweiterung seiner Intelligenz bis zur lückenlosen Erkenntnis des Kosmos, so triftet er in die Irre ab. Ebenso, wenn er sich von Dämonen Befreiung aus Hunger, Krieg, Not und die Einladung in ein jenseitiges Paradies erwartet. Dies alles kann sich der Mensch nur selbst mit Gottes Hilfe erarbeiten.
Sonntag, 16. September 2012
Das Christusbild der Anthroposophen
Rudolf Steiner stellt Christus in den Mittelpunkt der Welt, sogar des ganzen Kosmos. Er ist für ihn das höchste Geistwesen, das zur Erlösung der aus der Sonnenwelt in die Materie gefallenen Menschheit auf die Erde kam. Doch sein Christusbild hat mit der Christologie der traditionellen christlichen Kirchen nichts mehr zu tun. Wenn er auch immer betonte, hauptsächlich durch mystische Schau zu seinen Erkenntnissen gelangt zu sein, lassen sich doch einige Quellen erkennen, aus denen er schöpfte. Er verbindet gnostische Überlieferungen mit der Geheimlehre der jüdischen Kaballah und Anschauungen des Okkultismus. - Als sich Orient und Okzident von der Vielgötterei verabschiedet und zum Monotheismus gefunden hatten, blieben noch viele Fragen offen : Die zu allen Zeiten auf die Menschheit hereinbrechenden Naturkatastrophen, Kriege, Epidemien und die Kluft zwischen unverdient reich und unverschuldet arm ließen eher auf einen ungerecht-strengen Herrschergott als auf einen gerecht-liebevollen Vater schließen. - Die "Gnosis", eine Religionsrichtung des zweiten Jahrhunderts nach Christus, löste das Problem durch die Annahme zweier Gottheiten, eines vollkommenen Gottes der Liebe und eines grausamen Demiurgen. Sie sahen in Jahwe des Alten Testamentes diesen hartherzigen Schöpfergott, der nicht dem Gott der Liebe Jesu Christi gleichen konnte. Christus musste daher das geistige Kind des guten Gottes sein. - Eine weitere wichtige Quelle war die Kaballah, eine jüdische Geheimlehre. Aus ihr hat Steiner die Gestalt des Adam Kadmon entnommen, die erste Menschenschöpfung Gottes, die in Gehorsam zu ihm verblieb, während sich der Stammvater Adam von Luzifer zur Abkehr von Gott verführen ließ. - Das Mysterium von Golgatha war für Rudolf Steiner das zentrale Ereignis der Menschheitsgeschichte. Doch auch Jesus ist der Reinkarnation unterworfen. Er ist die Wiedergeburt des Adam Kadmon, des Urmodells, des reinen, sündelosen Archetypen des Menschen. Auf den zwölfjährigen Jesus ging im Tempel, als er auf einer Pilgerreise mit seinen Eltern in Jerusalem zurückblieb, der Geist Zarathustras über und erfüllte ihn mit Weisheit. Während der Taufe im Jordan durch Johannes inkarnierte sich dann in diesen Menschen Jesus ein hohes geistiges Wesen, der göttliche Logos. Beim Kreuzestod auf Golgatha verband sich der Christusgeist mit der gesamten Erde und ist nun nach einem Übungsweg zur Erlangung der mystisch-intuitiven Schau von allen Menschen erfahrbar. - Was einen grundsätzlichen Unterschied zur traditionellen Christologie darstellt, ist das Herausbrechen Christi aus der Dreifaltigkeit Gott Vater, Gott Sohn und Gott Heiliger Geist. Auch die Eingießung einer himmlischen Wesenheit während der Taufe erhebt ihn nicht zum Sohn Gottes, er bleibt ein Geschöpf, die Verkörperung des engelgleichen Menschen Adam Kadmon. - Mit dem scheinbaren Kontrast zwischen dem Gottesbild des Alten und Neuen Testamentes haben sich Kirchenväter und Kirchenlehrer jahrhundertelang auseinandergesetzt und sind zu der Überzeugung gelangt, dass auch der streng-gerechte Gott Jahwe ein Gott der Liebe ist, der seinem auserwählten Volk trotz dessen häufiger Abkehr immer wieder die Hand zur Versöhnung reichte. Die Erlösung geschah in traditionell christlicher Sicht nicht durch einen mit dem Logos erfüllten reinen Menschen, sondern durch die Menschwerdung Gottes, durch ein Herabsteigen Gottes zur größtmöglichen menschlichen Nähe.
Sonntag, 9. September 2012
Die Weisheit vom Menschen
Rudolf Steiner war ein kluger Kopf. Der promovierte Philosoph hatte schon vor seinem Kontakt mit der "Theosophischen Gesellschaft" (TG) eine stattliche akademische und literarische Karriere aufzuweisen. Er gab in Weimar die naturwissenschaftlichen Schriften Goethes heraus, galt als Experte für Kant, Schopenhauer und Nietzsche und hatte deren Werke einem interessierten Publikum schon durch eine Menge Fachartikel und Vorträge nahegebracht. Obwohl er sich zu diesem Zeitpunkt noch als Sozialist und Anarchist betrachtete, luden ihn die Theosophen häufig zu Vorträgen ein. - Trotz seiner großen Verehrung für Nietzsche stieß ihn dessen respektlose Gottesfeindlichkeit ab, auch in der gesamten Philosophie dieser Epoche fand er keine Antworten auf seine spirituellen Fragen. Deshalb interessierte er sich für die Geheimlehren seiner neuen Gönner und schloss sich bald der TG an. Was ihn hier fesselte, war das Suchen nach den Spuren göttlichen Anrufs in allen religiösen Strömungen. Vor allem in der asiatischen Lehre vom Karma und der Reinkarnation fand er viele Rätsel gelöst, die sich ein Wissensdurstiger angesichts der nicht immer offensichtlichen Liebe Gottes zu seinen Geschöpfen stellt. - In der TG wurde Steiner bald das beste Pferd im Stall. Er war ein suggestiver Redner, der sich mit intuitiver Sicherheit dem geistigen Niveau seiner Zuhörer anpassen konnte, bestand es nun aus Fabrikarbeitern, gebildeten Bürgern oder Gelehrten. Die deutsche Sektion der TG boomte durch ihn und konnte sich vor Mitgliederandrang kaum retten. - Doch allmählich kam es zu einer Entfremdung zwischen Steiner und der TG. Ihn störte die ausschließliche Hinwendung zum hinduistischen Pantheismus. Er suchte nach dem wahren Gottesbild und war davon überzeugt, dass nur die richtige Menschenerkennnis dafür die Voraussetzung schafft. Konsequent trennte er sich von der TG, gründete die "Anthroposophische Gesellschaft" und gab schon durch deren Namen zu erkennen, welche Prioritäten er setzte. Aufbauend auf Aristoteles, Goethe und Paracelsus unterteilte er den Menschen in leibliche, seelische und geistige Wesensglieder. Davon interessierten ihn vorerst drei leibliche Komponenten; die seelischen und geistigen fasste er in dem Oberbegriff "Ich" zusammen. Dieses Schema entspricht der seinerzeit gültigen Klassifizierung der drei Naturreiche in Mineralien, Pflanzen und Tiere, zu denen als viertes der Mensch hinzukommt. Dieser ist mit seinen drei Wesensgliedern am Naturreich beteiligt, ragt aber mit seinem Ich heraus. Diese Ordnung teilt den Menschen in vier Komponenten ein : 1, physischer Leib. 2, Ätherleib (Lebensleib, Bildekräfteleib), 3, Astralleib (Seelenleib, Empfindungsleib), 4, Ich-Organisation. - Nur der physische Leib aller Lebewesen ist den menschlichen Augen sichtbar, einen unsichtbaren Ätherleib besitzen Pflanzen, Tiere und Menschen, einen ebenfalls unsichtbaren Astralleib Tiere und Menschen. Das "Ich" ist der Wesenskern des Menschen, der die drei anderen Glieder durchdringt und verändert. Es überlebt als einziges Teil den Tod für alle Ewigkeit, der physische Leib geht sofort im Tod zugrunde, die zwei anderen "Leiber" sterben nach kürzerer oder längerer Zeit. - Für Steiner war vor allem wichtig, in welchem Verhältnis zur Welt diese Wesensglieder stehen. Hier fand er bei Goethe ein brauchbares, dreigliedriges Modell : "Leib" entspricht den Menschen und ihrer gesamten Umwelt, "Seele" bezeichnet die Art, wie die Welt zu einer menschlichen Angelegenheit geformt wird, "Geist" ist das Ziel, zu dem die Menschheit unaufhörlich hinstreben soll.
Sonntag, 2. September 2012
Seelenwanderung?
Die heute in jeder kirchenfernen Spiritualität grassierende Lehre von der Reinkarnation ist ein asiatischer Import. Zwar haben schon die alten Griechen, der Dichter Pindar, der Mathematiker Pythagoras und der Philosoph Empedokles mit der Seelenwanderung geliebäugelt, doch spätestens Aristoteles hat sich von diesen Spekulationen verabschiedet. - Ende des 19.Jahrhunderts begründete der Spiritist Allan Cardec eine westliche Wiederverkörperungslehre, die sich von den asiatischen Formen wesentlich unterscheidet. Im Hinduismus ist das innerste Wesen des Menschen eine unsterbliche Seele, die sich nach dem Tod des Körpers je nach Verdienst und Schuld nach geraumer Zeit in einem Menschen, einem Tier oder einem Gott wiederverkörpert. Der Buddhismus stellt die Unsterblichkeit der Seele in Frage, stimmt aber sonst mit der hinduistischen Ansicht überein. Die westliche Reinkarnationslehre ist von Wiederverkörperungen ausschließlich in Menschen, jedoch in männlich-weiblichem Wechsel, überzeugt. - Von einer All-Seele in einem überirdischen Raum spalten sich Seelen ab, die vorerst noch unbeschriebenen Blättern gleichen. Sie werden in die Welt hineingeboren, bekleiden sich mit einem menschlichen Leib, sammeln Erfahrungen, erwerben Verdienste und begehen Verbrechen. Beim Sterben legen sie den Leib ab und steigen mit ihren Verdiensten und Verunstaltungen in eine jenseitige Welt auf. Hier durchlaufen sie mehrere Sphären, werden von Engelwesen belehrt und kehren nach geraumer Zeit wieder auf die Erde zurück. Dies wiederholt sich so oft, bis die vollkommene Reinheit erreicht ist. Dann erst hat sich die Seele aus dem Rad der Wiederverkörperungen befreit und geht in der göttlichen Allseele auf. - Was die modernen Sinnsucher an der Reinkarnation fasziniert, ist die Möglichkeit einer zweiten Chance. Im nächsten oder übernächsten Leben kann fertiggestellt werden, was im gegenwärtigen nicht gelungen ist. Der Tod verliert den Schrecken der Endgültigkeit, er ist nur mehr das Ablegen eines alten Gewandes, das in der Neugeburt durch ein neues ersetzt wird. Auch der Gedanke einer ausgleichenden Gerechtigkeit leuchtet ein. Verdienste des gegenwärtigen Daseins werden durch Talente, Schandtaten durch Makel der morgigen Seelenhülle Leib vergolten. Die Hauptverfehlungen eines schlimmen Daseins Gier, Hass, Verblendung und Unwissenheit können durch nachfolgende Lebensformen gebüßt werden und enden nach dem schrittweisen Ablegen aller Schuldverstrickungen in einem ewigen Wohlgefühl oder einem Nichtmehrsein. - Dazu steht in schroffem Widerspruch die christliche Auffassung. Nach ihr hat Gott den Adam aus Ackererde geformt, ihn mit Lebenskraft durchseelt und ihm seinen Geist eingehaucht. Jeder Mensch ist eine einmalige Einheit aus Leib, Vitalität und Geist. Im Tod stirbt sein von Vitalkraft durchseelter Leib. Sein gotteingehauchter Geist, beladen mit den Schätzen, die ihm sein Körper während des Lebens verdient und gezeichnet von den Verbrechen, mit denen er ihn verunstaltet hat, geht in das Jenseits ein. Hier gibt es für den Menschengeist, der außer dem physischen Leib noch alle Charakteristika seiner einstigen Persönlichkeit besitzt, ein einziges und endgültiges Ziel, die ewige Gottesnähe. Nach christlichem Verständnis ist dies ein Ort der Erquickung, der Seligkeit des Friedens und der Klarheit des göttlichen Lichtes. Wie rasch dieses Ziel erreicht wird, hängt vom Zustand des Geistleibes ab. - Die Chance, Schuld abzubüßen und sich höherzuentwickeln, besteht nicht in einem immer wieder neuen Abstieg in die Erdatmosphäre, sondern in mehreren Jenseitsstufen, in denen der Geistleib von den Schlacken des Lebens gereinigt und zur Erkenntnis der göttlichen Wahrheit geführt wird. Der äußerst seltene geheiligte und heilspendende Mensch bedarf dieser Reinigung nicht, er geht ohne Verweilen in die himmlische Herrlichkeit ein. Der lebenslange Teufelsanbeter und fanatische Gottesfeind kommt wunschgemäß in das Hoheitsgebiet seines anverlobten und hochverehrten Fürsten, das landläufig als Hölle bezeichnet wird. - Wir sind die Kinder und Enkel einer endlos langen Kette von Vorfahren. Wir sind ihre Erben, wir genießen ihre Verdienste und büßen ihre Schuld. Nicht wir selbst haben in einer Kette von Wiederverkörperungen unser heutiges Schicksal verursacht. Die vielen Spielarten des Menschseins mit Aufstieg und Fall, mit Tugend und Laster, mit Fleiß und Trägheit haben unseren Leibern Begabungen und Mängel, Schönheit und Entstellungen verdient. Ob wir es wollen oder nicht, wir sühnen die Schuld unserer Vorfahren, die Schuld der ganzen abtrünnigen Menschheit. Von dieser Schuld können wir uns nicht selbst erlösen, nur Gott kann uns in seinem Verzeihen aus ihr herausführen.
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