Sonntag, 2. September 2012

Seelenwanderung?

Die heute in jeder kirchenfernen Spiritualität grassierende Lehre von der Reinkarnation ist ein asiatischer Import. Zwar haben schon die alten Griechen, der Dichter Pindar, der Mathematiker Pythagoras und der Philosoph Empedokles mit der Seelenwanderung geliebäugelt, doch spätestens Aristoteles hat sich von diesen Spekulationen verabschiedet. - Ende des 19.Jahrhunderts begründete der Spiritist Allan Cardec eine westliche Wiederverkörperungslehre, die sich von den asiatischen Formen wesentlich unterscheidet. Im Hinduismus ist das innerste Wesen des Menschen eine unsterbliche Seele, die sich nach dem Tod des Körpers je nach Verdienst und Schuld nach geraumer Zeit in einem Menschen, einem Tier oder einem Gott wiederverkörpert. Der Buddhismus stellt die Unsterblichkeit der Seele in Frage, stimmt aber sonst mit der hinduistischen Ansicht überein. Die westliche Reinkarnationslehre ist von Wiederverkörperungen ausschließlich in Menschen, jedoch in männlich-weiblichem Wechsel, überzeugt. - Von einer All-Seele in einem überirdischen Raum spalten sich Seelen ab, die vorerst noch unbeschriebenen Blättern gleichen. Sie werden in die Welt hineingeboren, bekleiden sich mit einem menschlichen Leib, sammeln Erfahrungen, erwerben Verdienste und begehen Verbrechen. Beim Sterben legen sie den Leib ab und steigen mit ihren Verdiensten und Verunstaltungen in eine jenseitige Welt auf. Hier durchlaufen sie mehrere Sphären, werden von Engelwesen belehrt und kehren nach geraumer Zeit wieder auf die Erde zurück. Dies wiederholt sich so oft, bis die vollkommene Reinheit erreicht ist. Dann erst hat sich die Seele aus dem Rad der Wiederverkörperungen befreit und geht in der göttlichen Allseele auf. - Was die modernen Sinnsucher an der Reinkarnation fasziniert, ist die Möglichkeit einer zweiten Chance. Im nächsten oder übernächsten Leben kann fertiggestellt werden, was im gegenwärtigen nicht gelungen ist. Der Tod verliert den Schrecken der Endgültigkeit, er ist nur mehr das Ablegen eines alten Gewandes, das in der Neugeburt durch ein neues ersetzt wird. Auch der Gedanke einer ausgleichenden Gerechtigkeit leuchtet ein. Verdienste des gegenwärtigen Daseins werden durch Talente, Schandtaten durch Makel der morgigen Seelenhülle Leib vergolten. Die Hauptverfehlungen eines schlimmen Daseins Gier, Hass, Verblendung und Unwissenheit können durch nachfolgende Lebensformen gebüßt werden und enden nach dem schrittweisen Ablegen aller Schuldverstrickungen in einem ewigen Wohlgefühl oder einem Nichtmehrsein. - Dazu steht in schroffem Widerspruch die christliche Auffassung. Nach ihr hat Gott den Adam aus Ackererde geformt, ihn mit Lebenskraft durchseelt und ihm seinen Geist eingehaucht. Jeder Mensch ist eine einmalige Einheit aus Leib, Vitalität und Geist. Im Tod stirbt sein von Vitalkraft durchseelter Leib. Sein gotteingehauchter Geist, beladen mit den Schätzen, die ihm sein Körper während des Lebens verdient und gezeichnet von den Verbrechen, mit denen er ihn verunstaltet hat, geht in das Jenseits ein. Hier gibt es für den Menschengeist, der außer dem physischen Leib noch alle Charakteristika seiner einstigen Persönlichkeit besitzt, ein einziges und endgültiges Ziel, die ewige Gottesnähe. Nach christlichem Verständnis ist dies ein Ort der Erquickung, der Seligkeit des Friedens und der Klarheit des göttlichen Lichtes. Wie rasch dieses Ziel erreicht wird, hängt vom Zustand des Geistleibes ab. - Die Chance, Schuld abzubüßen und sich höherzuentwickeln, besteht nicht in einem immer wieder neuen Abstieg in die Erdatmosphäre, sondern in mehreren Jenseitsstufen, in denen der Geistleib von den Schlacken des Lebens gereinigt und zur Erkenntnis der göttlichen Wahrheit geführt wird. Der äußerst seltene geheiligte und heilspendende Mensch bedarf dieser Reinigung nicht, er geht ohne Verweilen in die himmlische Herrlichkeit ein. Der lebenslange Teufelsanbeter und fanatische Gottesfeind kommt wunschgemäß in das Hoheitsgebiet seines anverlobten und hochverehrten Fürsten, das landläufig als Hölle bezeichnet wird. - Wir sind die Kinder und Enkel einer endlos langen Kette von Vorfahren. Wir sind ihre Erben, wir genießen ihre Verdienste und büßen ihre Schuld. Nicht wir selbst haben in einer Kette von Wiederverkörperungen unser heutiges Schicksal verursacht. Die vielen Spielarten des Menschseins mit Aufstieg und Fall, mit Tugend und Laster, mit Fleiß und Trägheit haben unseren Leibern Begabungen und Mängel, Schönheit und Entstellungen verdient. Ob wir es wollen oder nicht, wir sühnen die Schuld unserer Vorfahren, die Schuld der ganzen abtrünnigen Menschheit. Von dieser Schuld können wir uns nicht selbst erlösen, nur Gott kann uns in seinem Verzeihen aus ihr herausführen.

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