Sonntag, 9. September 2012

Die Weisheit vom Menschen

Rudolf Steiner war ein kluger Kopf. Der promovierte Philosoph hatte schon vor seinem Kontakt mit der "Theosophischen Gesellschaft" (TG) eine stattliche akademische und literarische Karriere aufzuweisen. Er gab in Weimar die naturwissenschaftlichen Schriften Goethes heraus, galt als Experte für Kant, Schopenhauer und Nietzsche und hatte deren Werke einem interessierten Publikum schon durch eine Menge Fachartikel und Vorträge nahegebracht. Obwohl er sich zu diesem Zeitpunkt noch als Sozialist und Anarchist betrachtete, luden ihn die Theosophen häufig zu Vorträgen ein. - Trotz seiner großen Verehrung für Nietzsche stieß ihn dessen respektlose Gottesfeindlichkeit ab, auch in der gesamten Philosophie dieser Epoche fand er keine Antworten auf seine spirituellen Fragen. Deshalb interessierte er sich für die Geheimlehren seiner neuen Gönner und schloss sich bald der TG an. Was ihn hier fesselte, war das Suchen nach den Spuren göttlichen Anrufs in allen religiösen Strömungen. Vor allem in der asiatischen Lehre vom Karma und der Reinkarnation fand er viele Rätsel gelöst, die sich ein Wissensdurstiger angesichts der nicht immer offensichtlichen Liebe Gottes zu seinen Geschöpfen stellt. - In der TG wurde Steiner bald das beste Pferd im Stall. Er war ein suggestiver Redner, der sich mit intuitiver Sicherheit dem geistigen Niveau seiner Zuhörer anpassen konnte, bestand es nun aus Fabrikarbeitern, gebildeten Bürgern oder Gelehrten. Die deutsche Sektion der TG boomte durch ihn und konnte sich vor Mitgliederandrang kaum retten. - Doch allmählich kam es zu einer Entfremdung zwischen Steiner und der TG. Ihn störte die ausschließliche Hinwendung zum hinduistischen Pantheismus. Er suchte nach dem wahren Gottesbild und war davon überzeugt, dass nur die richtige Menschenerkennnis dafür die Voraussetzung schafft. Konsequent trennte er sich von der TG, gründete die "Anthroposophische Gesellschaft" und gab schon durch deren Namen zu erkennen, welche Prioritäten er setzte. Aufbauend auf Aristoteles, Goethe und Paracelsus unterteilte er den Menschen in leibliche, seelische und geistige Wesensglieder. Davon interessierten ihn vorerst drei leibliche Komponenten; die seelischen und geistigen fasste er in dem Oberbegriff "Ich" zusammen. Dieses Schema entspricht der seinerzeit gültigen Klassifizierung der drei Naturreiche in Mineralien, Pflanzen und Tiere, zu denen als viertes der Mensch hinzukommt. Dieser ist mit seinen drei Wesensgliedern am Naturreich beteiligt, ragt aber mit seinem Ich heraus. Diese Ordnung teilt den Menschen in vier Komponenten ein : 1, physischer Leib. 2, Ätherleib (Lebensleib, Bildekräfteleib), 3, Astralleib (Seelenleib, Empfindungsleib), 4, Ich-Organisation. - Nur der physische Leib aller Lebewesen ist den menschlichen Augen sichtbar, einen unsichtbaren Ätherleib besitzen Pflanzen, Tiere und Menschen, einen ebenfalls unsichtbaren Astralleib Tiere und Menschen. Das "Ich" ist der Wesenskern des Menschen, der die drei anderen Glieder durchdringt und verändert. Es überlebt als einziges Teil den Tod für alle Ewigkeit, der physische Leib geht sofort im Tod zugrunde, die zwei anderen "Leiber" sterben nach kürzerer oder längerer Zeit. - Für Steiner war vor allem wichtig, in welchem Verhältnis zur Welt diese Wesensglieder stehen. Hier fand er bei Goethe ein brauchbares, dreigliedriges Modell : "Leib" entspricht den Menschen und ihrer gesamten Umwelt, "Seele" bezeichnet die Art, wie die Welt zu einer menschlichen Angelegenheit geformt wird, "Geist" ist das Ziel, zu dem die Menschheit unaufhörlich hinstreben soll.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen