Sonntag, 16. September 2012
Das Christusbild der Anthroposophen
Rudolf Steiner stellt Christus in den Mittelpunkt der Welt, sogar des ganzen Kosmos. Er ist für ihn das höchste Geistwesen, das zur Erlösung der aus der Sonnenwelt in die Materie gefallenen Menschheit auf die Erde kam. Doch sein Christusbild hat mit der Christologie der traditionellen christlichen Kirchen nichts mehr zu tun. Wenn er auch immer betonte, hauptsächlich durch mystische Schau zu seinen Erkenntnissen gelangt zu sein, lassen sich doch einige Quellen erkennen, aus denen er schöpfte. Er verbindet gnostische Überlieferungen mit der Geheimlehre der jüdischen Kaballah und Anschauungen des Okkultismus. - Als sich Orient und Okzident von der Vielgötterei verabschiedet und zum Monotheismus gefunden hatten, blieben noch viele Fragen offen : Die zu allen Zeiten auf die Menschheit hereinbrechenden Naturkatastrophen, Kriege, Epidemien und die Kluft zwischen unverdient reich und unverschuldet arm ließen eher auf einen ungerecht-strengen Herrschergott als auf einen gerecht-liebevollen Vater schließen. - Die "Gnosis", eine Religionsrichtung des zweiten Jahrhunderts nach Christus, löste das Problem durch die Annahme zweier Gottheiten, eines vollkommenen Gottes der Liebe und eines grausamen Demiurgen. Sie sahen in Jahwe des Alten Testamentes diesen hartherzigen Schöpfergott, der nicht dem Gott der Liebe Jesu Christi gleichen konnte. Christus musste daher das geistige Kind des guten Gottes sein. - Eine weitere wichtige Quelle war die Kaballah, eine jüdische Geheimlehre. Aus ihr hat Steiner die Gestalt des Adam Kadmon entnommen, die erste Menschenschöpfung Gottes, die in Gehorsam zu ihm verblieb, während sich der Stammvater Adam von Luzifer zur Abkehr von Gott verführen ließ. - Das Mysterium von Golgatha war für Rudolf Steiner das zentrale Ereignis der Menschheitsgeschichte. Doch auch Jesus ist der Reinkarnation unterworfen. Er ist die Wiedergeburt des Adam Kadmon, des Urmodells, des reinen, sündelosen Archetypen des Menschen. Auf den zwölfjährigen Jesus ging im Tempel, als er auf einer Pilgerreise mit seinen Eltern in Jerusalem zurückblieb, der Geist Zarathustras über und erfüllte ihn mit Weisheit. Während der Taufe im Jordan durch Johannes inkarnierte sich dann in diesen Menschen Jesus ein hohes geistiges Wesen, der göttliche Logos. Beim Kreuzestod auf Golgatha verband sich der Christusgeist mit der gesamten Erde und ist nun nach einem Übungsweg zur Erlangung der mystisch-intuitiven Schau von allen Menschen erfahrbar. - Was einen grundsätzlichen Unterschied zur traditionellen Christologie darstellt, ist das Herausbrechen Christi aus der Dreifaltigkeit Gott Vater, Gott Sohn und Gott Heiliger Geist. Auch die Eingießung einer himmlischen Wesenheit während der Taufe erhebt ihn nicht zum Sohn Gottes, er bleibt ein Geschöpf, die Verkörperung des engelgleichen Menschen Adam Kadmon. - Mit dem scheinbaren Kontrast zwischen dem Gottesbild des Alten und Neuen Testamentes haben sich Kirchenväter und Kirchenlehrer jahrhundertelang auseinandergesetzt und sind zu der Überzeugung gelangt, dass auch der streng-gerechte Gott Jahwe ein Gott der Liebe ist, der seinem auserwählten Volk trotz dessen häufiger Abkehr immer wieder die Hand zur Versöhnung reichte. Die Erlösung geschah in traditionell christlicher Sicht nicht durch einen mit dem Logos erfüllten reinen Menschen, sondern durch die Menschwerdung Gottes, durch ein Herabsteigen Gottes zur größtmöglichen menschlichen Nähe.
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