Sonntag, 23. September 2012

Luzifer und Ahriman

Das Böse, seine Herkunft und Macht, hat die Menschen schon immer interessiert. Es übt eine große Faszination aus, erregt die Neugierde und jagt dennoch Angst ein. Seine Allgegenwart legt den Gedanken nahe, es sei eine dem Guten gleichwertige Kraft, die ständig mit dem Guten im Kampf liegt und beste Chancen hat, zu gewinnen. Bei Rudolf Steiner tritt das Dämonische in zwei gegensätzlichen Gestalten auf, in Luzifer und Ahriman. Es sind zwei schillernde Persönlichkeiten, die der Menschheit nicht feindlich, sondern neutral gegenüberstehen und sie mit gefährlichen wie nützlichen Gaben beschenken. Die Gestalt des Ahriman entnimmt Steiner der zoroastrischen Theologie, als Goetheverehrer gleicht er sie aber auch dem Mephisto aus Goethes Faust an. - Der Sündenfall Luzifers beraubte den Menschen zwar der Unsterblichkeit des physischen Leibes, doch Luzifers ausgleichende Gabe für diesen Verlust ist die Fantasie, die Kraft der Imagination, die Begeisterungsfähigkeit für Firlefanz und vor allem die Befreiung aus der göttlichen Oberhoheit. Er verführt den Menschen dazu, sich von seinem Ego bis zur völligen Selbstvergötzung leiten zu lassen. Luzifer-Besessene sind die Selbstherrlichen, die von ihrem einmaligen Sendungsbewusstsein und ihrer Ausstrahlung überzeugt sind und alle Mitmenschen als ihre Knechte und Marionetten betrachten. - Das Geschenk Ahrimans an die Menschen ist der eiskalte Intellekt und das materielle Denken. Ahriman verwandelt die Menschen in Automaten und den Kosmos in eine überdimensionale Maschine. Während Luzifer versucht, den Menschen seinen irdischen Pflichten zu entfremden und in ein virtuelles Reich zu locken. führt ihn Ahriman in die völlige Verweltlichung, in das Bestreben, sein Heil ausschließlich im Wohlstand zu suchen. Seine schlimmsten Geschenke sind der Strukturierungs- und Regulierungswahn, die seelische Verhärtung und geistige Vergreisung. Luzifer und Ahriman haben die Menschen Gott abspenstig gemacht und sich an seine Stelle als Ratgeber und Weltenlenker gesetzt. Luzifer ist der Herr der Nacht, Ahriman der Herr des Tages. Luzifer benützt die Nacht zu seinen Eingebungen, Ahriman bedient sich des wachen Bewusstseins. - Der erweckte Mensch soll sich nach Steiners Ansicht den beiden Kräften öffnen. Gelingt es ihm durch einen spirituellen Schulungsweg, sowohl die imaginative Fantasie wie auch das emotionslose Kalkül kontrolliert in sich einzulassen, hilft es ihm zu seiner Lebensgestaltung.- Bei einer weiterführenden Betrachtung bringt Steiner nur mehr Luzifer ins Spiel. Er unterscheidet bei der Struktur des Menschen zwischen einem niederen und einem höheren Ich. Das niedere Ich ist die Egozentrizität Luzifers. Im höheren Ich lebt Christus als das universelle Ich, mit dessen Hilfe Luzifer erlöst und das "Neue Jerusalem" geschaffen werden kann. - Das Christentum sieht die Verhältnisse grundsätzlich anders. Gott ist Gott und Satan ist Satan. Luzifer ist der durch Hochmut und Ungehorsam gefallene Erzengel. Seine Abkehr von Gott und von allen geistgesegneten Geschöpfen Gottes, den Engeln und Menschen, ist endgültig, ebenso seine Verdammung. Er hat weder die Möglichkeit noch den Wunsch, den Menschen irgendwelche geistigen und materiellen Gaben zu schenken. Dazu ist nur Gott in der Lage. Verspricht sich der suchende Mensch von Luzifer weltbewegende künstlerische Inspirationen und von Ahriman eine Erweiterung seiner Intelligenz bis zur lückenlosen Erkenntnis des Kosmos, so triftet er in die Irre ab. Ebenso, wenn er sich von Dämonen Befreiung aus Hunger, Krieg, Not und die Einladung in ein jenseitiges Paradies erwartet. Dies alles kann sich der Mensch nur selbst mit Gottes Hilfe erarbeiten.

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