Sonntag, 19. Mai 2013

Ausblick

Die beiden letzten Jahrhunderte haben sich ernsthaft mit der Jenseitsforschung befasst. Im Gegensatz dazu zeigt die Gegenwart einen eher spielerischen, spaßigen Umgang mit dem Leben nach dem Tod und dem Kontakt der Lebenden mit den Verstorbenen. Zwar besteht ein großes Interesse an diesem Thema, das zeigt ein Blick auf die Titel von Sachbüchern, Romanen, Kino- und Fernsehfilmen. Doch der Durchschnittsbürger nimmt okkulte Probleme nicht so ernst wie sie es verdienen, eher benützt er sie wegen ihrer meist gruseligen Verbrämung als Nervenkitzel. Wie sich die reale Welt immer mehr in eine virtuelle verwandelt, rückt auch die Option für eine Nachtod-Existenz in immer unwirklichere Fernen, so dass wir uns das Jenseits nur mehr als ein Wolkenkuckucksheim vorstellen können. Auch die Definition von "Wissen und Weisheit" hat sich grundlegend verändert. Das heutige Bildungsideal gleicht eher einer Collage aus einer Vielzahl von Oberflächlichkeiten als einem sinnvoll konstruierten Gebäude auf solider Basis. Wir schleppen ständig einen riesigen Ballast an Informationen mit uns herum, den uns Kommentatoren, Volksredner, Sektenprediger und Vulgärpsychologen aufdrängen. Diesen zähen Brei halten wir für unser universelles Wissensgut und gestalten danach unser Glaubensbekenntnis. Wir vergessen, dass wir freie, vernunftbegabte Menschen sind, die in der Lage sein sollten, aus einer bunt zusammengewürfelten Fülle sinnvoll auszuwählen, anzunehmen oder abzulehnen. - Es gibt drei große Hindernisse eines geistigen Fortschritts : Vorurteile, bornierten Konservatismus und Ignoranz. Ewig-Gestrige, Menschen mit Scheuklappen und die Nachplapperer fragwürdiger Gurus schrecken davor zurück, die Fenster in einen neuen Morgen zu öffnen und die wahren Zeichen der Zeit zu deuten. Ignoranten geben sich mit dem allgegenwärtigen Schwachsinn zufrieden und tragen kein Verlangen danach, durch spirituelle Erkenntnisse in die ethische Pflicht genommen zu werden. Solange nur wenige bereit sind, ausgetretene Pfade zu verlassen und gutgerüstet in das geheimnisvolle Land hinter dem Horizont aufzubrechen, wird die Mehrheit sich weiterhin in einem Hamsterrad abstrampeln und davon träumen, bald ans Ziel zu kommen. - Vielleicht ist es falsch, das menschliche Leben als eine Kurve zu sehen, die mit Null beginnt, im Alter von vierzig Jahren ihren Scheitelpunkt erreicht und dann bis zum Tod wieder nach Null abfällt. Wir sollten eher realisieren, dass diese Kurve erst im Tod ihren Höhepunkt findet und nie mehr auf Null abfällt. Im ersten Fall rechnen wir gar nicht mit der Möglichkeit, Verdienste für das Jenseits zu erwerben, im zweiten Fall können wir selbst in der letzten Phase des Daseins noch eine Ernte für unsere nach dem Tod weiterexistierende Seele einbringen. - Der Sinn des Lebens lässt sich in vier Fragen ausdrücken : "Wohin gehen wir?", "Woher kommen wir?", "Wer ist über uns?" und "Wer ist unter uns?" Am wichtigsten ist vorerst : "Wohin gehen wir?" Eine befriedigende Antwort darauf ist der ausschlaggebende Ansatzpunkt für die Lösung der drei anderen Fragen.

 
 
 

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