Herr Regierungsdirektor Huel litt in den ersten Jahren im Schattenreich unter größten Anpassungsschwierigkeiten. Alle übrigen Bewohner mieden seine Nähe und gaben ihm keine Möglichkeit, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Er erlebte immer wieder, dass andere Seelen von Engeln abgeholt und ins Lichtland überführt wurden. Näherte er selbst sich dieser Startrampe, wehte ihm ein eisiger Wind ins Gesicht und trieb ihn zurück. - Huel stand in seinem irdischen Leben als wichtige öffentliche Person immer im Mittelpunkt. Er war es gewohnt, von devoten Untergebenen umschmeichelt zu werden, denn sein Wohlwollen konnte karriereförderlich und sein Missfallen vernichtend sein. Er fühlte sich lebenslang am rechten Platz in dieser Atmosphäre von Hofschranzen, Willfährigen, Kniefälligen und Angstgepeinigten. Auch im Kreis seiner Familie führte er in allen Angelegenheiten das Kommando. Seine ältere Tochter verheiratete er mit einem Brauereibesitzer, für die jüngere fand er einen erfolgreichen Facharzt, der Sohn studierte Rechtswissenschaft, um sich für die höhere Beamtenlaufbahn zu qualifizieren. Huel lebte in einer Zeit, in der es opportun war, bei jeder Gelegenheit religiöse Gleichgültigkeit zu betonen und mit zynischen Seitenhieben auf Kirche und Priester nicht zu sparen. Bei Gesprächen mit seinem Minister fielen immer wieder dümmliche Witze über diejenigen Kabinettsmitglieder, die sich in ihren Entscheidungen von christlichen Wertvorstellungen leiten ließen. Huel genoss in seinem Ruhestand noch zehn Jahre eine ansehnliche Pension und starb dann an einem heftigen aber kurzen Leiden. - In der jenseitigen Welt gibt es keine dauernde Isolation. Es ist Aufgabe der Engel, den schuldbeladenen Seelen dann beizustehen, wenn sie die schweigende Einsamkeit ihrer Selbsterkenntnis nicht mehr ertragen. Der Engel Hillel näherte sich Huel und erklärte ihm als Ursache seiner Absonderung seine einstige stolze Selbstgefälligkeit. Er stellte ihm den großen Unterschied zwischen der irdischen und himmlischen Hierarchie vor Augen. In der weltlichen Ordnung gibt es Vorgesetzte und Untergebene, Herren und Knechte. Der Ranghöhere nützt ohne Scham seine Macht auf den Rangniederen aus, er beherrscht und unterdrückt ihn. Durch diese eigensüchtige Einstellung setzt sich auf Erden die ganze Gesellschaft aus zwei Blöcken zusammen, einer reichen, privilegierten Oberschicht und einer ärmlichen Unterschicht, die wehrlos der Oberschicht und ihren willkürlichen Gesetzen ausgeliefert ist. Im Gegensatz dazu lautet das Schlüsselwort für die himmlische Hierarchie "Demut". Alle Werte kehren sich um. Es herrscht nicht mehr die Tyrannei über die Ohnmacht. Der Fürst dient in liebevoller Zuwendung seinen Untergebenen, der Kluge belehrt ohne Anmaßung die Unwissenden und der Reiche teilt seinen Überfluss freigiebig mit dem Hungernden. Diese gottgewollte Ordnung sollte aber schon im irdischen Alltag als Einübung in die ewige Herrlichkeit praktiziert werden und nicht nur eine christliche Utopie bleiben. - Die Schuld Huels war grenzenlose Selbstsucht, verächtliches Hinwegsetzen über den freien Willen seiner Mitmenschen und unersättliche Gier nach ruhmvoller Anerkennung. Erst nach einer tiefgreifenden innerlichen Umwandlung zu Demut, Bescheidenheit, Mitgefühl und Mitleid wird sich ihm das Lichtreich öffnen. Nun können ihm die Seelen zur Belehrung anvertraut werden, die wie er auf Erden ausschließlich dem Götzen Hochmut verfallen waren.
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