Der Journalist Merah beging mit knapp fünfzig Jahren Selbstmord. Seine Umgebung war darüber schockiert, denn nichts deutete auf Depression oder Lebensüberdruss hin. Auch eine Fehlspekulation mit finanziellen Einbußen war bei seinem Einkommen nicht existenzgefährdend. - Merah wuchs in einer intakten, protestantisch frommen Bürgerfamilie auf, seine Begabungen wurden von den Eltern großzügig gefördert. Er durchlief ohne Schwierigkeit das Gymnasium, nach Ableisten der Wehrpflicht entschied er sich für ein Theologiestudium. Auch seine Jugendliebe bestärkte ihn in diesem Entschluss, sie konnte sich eine Zukunft als Pastorengattin gut vorstellen. Schon nach wenigen Semestern entdeckte aber Merah, dass er die falsche Wahl getroffen hatte. Er war bei den Germanisten häufiger anzutreffen als bei den Theologen. Auch schloss er sich einer freigeistigen Verbindung an, unter derem Einfluss die Grundsätze seines christlichen Elternhauses schnell zu bröckeln begannen. In vollen Zügen genoss er nun das lockere Studentenleben, so dass ein akademischer Abschluss in weite Ferne rückte. Er wollte neuerdings Schriftsteller werden, da er schon von Jugend an mit Leidenschaft Gedichte, Novellen und Theaterstücke in allerdings sehr ungelenker Form verfasste. Den Weg zum Ruhm hoffte er über den Journalismus zu finden, so wechselte er die Fakultät und arbeitete während der Neuorientierung als Volontär bei verschiedenen Blättern. Als ihm die Redaktion eines Boulevardmagazins eine feste Stelle anbot, griff er beherzt zu. Er krempelte sein bisheriges Leben um, hängte das Studium an den Nagel, beendete brieflich das Verhältnis zur Jugendliebe und zog aus seiner primitiven Bude in ein nettes Appartement um. Das Blatt, das ihn beschäftigte, hatte ein hochgestochenes Programm. Außer dem üblichen Klatsch schmückte es sich mit den Ansprüchen der ungeschminkten Offenlegung empörender Mißstände der reichen Oberschicht. Nichts kommt bei den Lesern besser an als eine entrüstete Bloßstellung bekannter Personen aus Politik, Religion, Kunst, Wirtschaft und Wissenschaft. Prominente haben eine Vorbildfunktion, die weitgehend unmoralische Öffentlichkeit erwartet von ihnen makellose Perfektion. Kann man ihnen Rechtsbruch oder eine schäbige Gesinnung unterstellen, beschäftigen sie monatelang die Medien. Merah war in seiner Redaktion der Mann fürs Grobe und in seiner heimtückischen Biederkeit wie geschaffen für journalistische Treibjagden. Das Spiel lief immer gleich ab. Hatten die Schnüffler die Schwächen einer bekannten Persönlichkeit ausspioniert, fütterte Merah die Leser mit immer neuen enthüllenden Details, um die Auflage seines Blattes zu steigern. Dabei war einkalkuliert, den Gejagten der Verachtung, Lächerlichkeit und gesellschaftlichen Ausgrenzung auszuliefern. - Bei dieser aufreibenden Tätigkeit, aufgeputscht durch ein Übermaß von Kaffee und Zigaretten, blieb für das Privatleben wenig Zeit. Es waren dann erst anhaltende Kopfschmerzen, die Merah zwangen, eine Pause einzulegen und einen Arzt aufzusuchen. Die Tomographie ergab einen Gehirntumor im Anfangsstadium, günstig gelegen und operabel. Merah lebte mit dieser Diagnose einige Tage wie in einem bösen Traum, dann schrieb er noch ein paar Zeilen an seine derzeitige Freundin und jagte sich eine Kugel in den Kopf. - Als die Seele Merahs aus dem Schlaf erwachte, erschrak sie, als sie am Schreibtisch ihren toten Leib mit dem blutüberströmten Gesicht erblickte. Dann wechselte plötzlich die Szene. Merah stand am Friedhof vor einem offenen Grab. Viele Trauergäste hatten sich hier eingefunden, einige festlich gekleidete Herren legten Kränze nieder und hielten Lobreden auf den im hohen Alter Verblichenen, einen allseits geachteten Schriftsteller, der für Notleidende viele Hilfsprojekte initiiert und durch flammende Artikelserien tatkräftig unterstützt hatte. Ein schwarzgewandeter Engel nahte sich Merah und bedeutete ihm, dass dies sein von Gott bestimmtes Schicksal und Ende hätte sein sollen. Dann wechselte das Bild. Fünf riesige zerlumpte Leibwächter mit Totenköpfen statt menschlicher Antlitze umringten schweigend den schreckgelähmten Merah. Auf ihren Stirnen standen die Namen „Verleumdung", „Verachtung", „Anmaßung", „Rufmord" und „Verrat". Im einstigen Leben waren sie Merahs unsichtbare Helfer, täglich beschworen als Ratgeber und Einflüsterer. Sie werden im Jenseits seine Kumpane bleiben, solange er noch im Dunstkreis der Erde ausharren muss. Erst wenn er durch seine Läuterung die innige Anhänglichkeit an diese Schmarotzer überwindet, kann ihn sein schwarzgewandeter Engel ins Schattenreich emporführen.
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