Samstag, 13. April 2013
Delaja
Der Forstgehilfe Delaja führte mit seiner Familie ein bescheidenes Leben. Er war der einzige Sohn einer ärmlichen Witwe und litt in seiner Kindheit oft Hunger. Als die Mutter erkrankte und nach längerem Dahinsiechen starb, verdingte er sich bei den Bauern der Umgebung als Tagelöhner, wurde aber nach jeder Ernte wieder brotlos. Endlich fand er bei einem Gutsbesitzer eine feste Arbeitsstelle in dessen weitläufigem Waldbesitz und erwarb sich durch Fleiß und Gewissenhaftigkeit die Zufriedenheit seines Dienstherrn. Jetzt konnte er endlich heiraten und brachte es mit der Mitgift seiner Braut sogar zu einem kleinen Anwesen. - Die vorherrschende Eigenschaft Delajas war seine Frömmigkeit. Während einer schweren Erkrankung legte er vor Gott das Gelöbnis ab, jedem Bedürftigen, der ihn darum bat, nach besten Kräften zu helfen, jede Kränkung zu verzeihen und nicht nach überflüssigem Wohlstand zu streben. Sein Leben verlief nicht immer leicht, die harte Berufsarbeit wurde dürftig honoriert, doch schränkte das sein Pflichtbewusstsein nicht ein. Er hatte keine Gelegenheit, große Heldentaten zu vollbringen, er konnte keine Schiffbrüchigen vor dem Ertrinken retten, keine Eingeschlossenen aus einem brennenden Haus befreien. Wegen seiner Schüchternheit kam auch in seiner Heimatstadt keiner auf den Gedanken, ihm eine Ratsfunktion anzuvertrauen, obwohl er durch seine praktische Besonnenheit dazu gut in der Lage gewesen wäre. Eine einzige Tat hob ihn aus dem Durchschnitt heraus. Er kam rechtzeitig zu Hilfe, als sich eine verzweifelte junge Frau im Wald erhängen wollte. Er hörte sich ihre Leidensgeschichte an, brachte sie zu ihren Angehörigen und sorgte dafür, dass sie sich mit ihr aussöhnten. Verlief sein Leben sonst auch sehr unauffällig, forderte doch seine Familie viele kräftezehrende Alltagspflichten, die er ohne Murren erfüllte. Er ermöglichte seinen drei Kindern eine gute Schulbildung und hielt sie zu regelmäßiger Ordnung an, um sie vor der sonst unvermeidlichen planlosen Dummheit im Erwachsenenalter zu bewahren. Gemeinsam mit seiner Frau bemühte er sich, ihre Begabungen zu entdecken und zu fördern. Der Familie opferte er auch uneingeschränkt seine Freizeit, statt sie, wie bei Verheirateten oft üblich, mit eigenbrötlerischen Steckenpferden zu verbringen. - Während der Wochen seines Sterbens wechselten sich seine Frau und seine Kinder im Krankenzimmer ab. In der letzten Phase des Todeskampfes stand ihm sein Schutzengel Uriel zur Seite. Er war auch sein Geburtshelfer ins neue Leben und löste die Seele aus ihren letzten Verknüpfungen mit dem Leib. Mit ihr schwebte er in eine weitläufige Region von paradiesischer Schönheit. Delaja kam nicht ins Gericht, er hatte treu an Gott geglaubt und mit allen Kräften den Willen des Herrn erfüllt. Im Jenseits wurde er in einer unbeschreiblich schönen und weithin glänzenden Morgenröte verklärt, wie Uriel trug er nun auch ein Lichtkleid. Seine prachtvolle Wohnung lag in romantischen Gefilden mit Hügeln und Tälern, blühenden Lebensbäumen und unerschöpflichen Lebensquellen. Als künftige Aufgabe wurden ihm die Seelen von Heiden und Außerchristlichen anvertraut, die sich zwar nicht durch die Praxis des rechten Glaubens, aber durch ihre selbstlose, menschenfreundliche Lebensführung die Vorbereitung auf den Himmel verdient hatten.
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