Herr Ilai führte unter der Oberfläche ehrsamer Bürgerlichkeit ein schändliches Leben. Er war sehr für die Reize junger Mädchen aufgeschlossen und betrog seine Ehefrau nach Strich und Faden. Mit den jeweiligen Favoritinnen feierte er ausgelassene Feste und vergeudete damit Unsummen. Seine Geschäfte liefen gut, das Geld strömte ihm von allen Seiten zu. Für den Kommerz besaß er nicht nur eine glückliche Hand, sondern auch ein weites Gewissen und schreckte weder vor kleinen noch großen Mogeleien zurück. Seinen Angestellten war er ein unduldsam harter Vorgesetzter, den Schuldnern ein unerbittlicher Geldeintreiber, den Mächtigen gegenüber ein kriecherischer Speichellecker. Als er im Alter an einem langwierigen Krebsleiden erkrankte, erinnerte er sich vage seines christlichen Kinderglaubens. Damit war es aber schon getan. Er fasste nicht den Vorsatz, in der verbleibenden Lebenszeit soviel wie möglich wiedergutzumachen, sondern verließ sich auf Gottes Barmherzigkeit. Als er starb, vermisste er in der neuen Umgebung vor allem die Genüsse des einstigen Lebens und litt unter den vielfachen Entbehrungen. - Die Hölle besteht aus drei Abteilungen, dem Reich des Jammers, der Finsternis und des Feuers. Sie ist ein Ort qualvoller Bestrafungen, birgt aber die Möglichkeit, durch innere Umkehr ins Engelreich zu gelangen. Die Folterungen steigern sich von jammervoller Verzweiflung über einsame Finsternis bis zu unerträglicher Hitze. Vom Zeitpunkt an, in dem die geschundene Seele ihre einstigen Laster in ihrer Schwere erkennt, bereut und sich nach der Erlösung durch Christus sehnt, beginnt ihre Befreiung. Es ist aber auch das Gegenteil möglich, dass sie sich immer mehr in ihrem Hass verhärtet und keinen Wunsch verspürt, je dem Höllensumpf zu entrinnen. - Nach dem Tod drängten sich die Verstorbenen in einer weiten Ebene zu Füßen des Hochgebirges. Die Spuren ihres Lebenswandels trugen sie wie ein strahlendes Lichtkleid oder eine entstellende Verkrüppelung an sich, sie verbreiteten balsamischen Wohlgeruch oder aasartigen Gestank. Nicht lange verweilten sie in dieser Ebene. Aus dem Leuchten über den Bergen näherten sich Engel und Dämonen. Die Engel wählten die Lichtglänzenden aus und erhoben sich mit ihnen in die drei himmlischen Regionen. Die Fürsten der Unterwelt kamen in Glutwellen gehüllt riesengroß in schrecklich verzerrter Menschengestalt über das Gebirge herüber, sonderten die zur Bestrafung bestimmten Geister aus, jagten sie in gefühlloser Grobheit über das Gebirge und wiesen sie den entsprechenden Regionen zu. Ilai wurde ins Reich der Finsternis gestoßen. Hier lagerten ungeheure Felsenmassen übereinander und bildeten fürchterliche Höhlen und Schlünde. Alles zitterte wie vor einem vernichtenden Erdbeben. Die Seelen suchten sich in dieser Öde je nach Neigung das verlorene Irdische wieder zu beschaffen. Sie bauten sich wie Kinder am Strand kümmerliche Paläste, die nach Fertigstellung zusammenstürzten, sie legten Gärten mit betäubend duftenden Schlinggewächsen an, die schon im Blühen verfaulten. Sie sehnten sich nach Liebschaften, doch der attraktive Schönling verwandelte sich in Sekundenschnelle in einen hinfälligen Greis, das liebreizende Mädchen in eine runzlige alte Hexe. Wenn sie ihren Höhlen zu entfliehen suchten, wurden sie von ihren Wärtern wieder zurückgepeitscht. In diesem Reich der schwermütigen Düsternis war Herr Ildai den schmerzlichen Demütigungen durch die Dämonen ausgeliefert. In quälend endlosen Wiederholungen hielten sie ihm die Verfehlungen seines Erdenlebens vor. Duckte er sich endlich widerspruchslos unter Schlägen, Lästerungen, Spott und Hohn, ließen sie allmählich von ihm ab. Dann konnte er in jahrelangen Nachtwachen sein verpfuschtes Leben beweinen. Nun war er wieder in die Schuldlosigkeit eines durch Strafe und Reue Gesühnten zurückgeführt und reif für die Entlassung aus dem Purgatorium. Der Engel Adriel durfte ihn abholen und ihn der weiteren Unterrichtung durch Erzengel und fortgeschrittene Seelen überlassen.
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