Der Advokat Hasmon erwachte nach seinem Tod auf einem weiten Feld, das von einem düsteren Wald umgeben war. Zu seinem Erstaunen konnte er sich erheben und ohne Mühe fortbewegen. Er schwebte durch die Äste des Waldes und gelangte in einen dunklen, gewölbten Gang, der allmählich in die Tiefe führte. Um ihn her kroch ekelhaftes Gewürm, das sich immer größer und gefährlicher auswuchs, bis ihn an der letzten Wegbiegung ein grausiges Untier in Gestalt eines Drachens mit gierig stechenden Augen anstarrte. Bei diesem Anblick fiel er vor Schreck in Ohnmacht und erwachte erst wieder in einer dämmerigen Ebene. - Hasmon war als Fatalist der Überzeugung, dass schon bei seiner Geburt Charakter, Begabungen, Neigungen und Willensstärke unverrückbar feststanden. Sein Lebenslauf war demnach ein ihm aufgezwungenes Schicksal, dem er nicht entrinnen konnte. Zur Juristerei war er dank gutem Gedächtnis, Menschenkenntnis und analytischem Verstand eindeutig begabt, in seinen privaten Neigungen dominierten Unersättlichkeit im Essen und Trinken sowie eine starke Sinnlichkeit, die ihn zu zahlreichen Abenteuern vorwiegend mit Dirnen verführte. Da er seine Familie wirtschaftlich gut versorgte, bereiteten ihm diese Seitensprünge keine Gewissensbisse. Auch in seinem Beruf, der eigentlich der Wahrung der Gerechtigkeit dienen sollte, rutschte er schnell in ein gefährliches Fahrwasser. Seit er in einem Rechtsfall zweifelsfrei von der Schuld seines Klienten überzeugt war und dennoch für diesen Mörder einen Freispruch erzielen konnte, brach auch der letzte moralische Damm. Er wurde bald der prominente Anwalt der Unterwelt und gewöhnte sich schnell an den regelmäßigen Umgang mit Erpressern, Drogenhändlern und Zuhältern. - In dieser verlassenen Öde begegnete Hasmon einem Engel in Menschengestalt. Sie kamen miteinander ins Gespräch und Hasmon beklagte seine Enttäuschung über sein unerwartetes Weiterleben nach dem Tod und dieses ernüchternde Jenseits, das in nichts einem blühenden Paradiesesgarten mit unterhaltsamen Annehmlichkeiten glich. Auf die Frage des Engels, ob er sich im Erdenleben eine himmlische Belohnung verdient habe, antwortete Hasmon, dass er durch seine Veranlagung den allgegenwärtigen Versuchungen einer schlechten Welt niemals ausweichen konnte. Der Engel entwarf ihm als Gegensatz das Bild eines wohltätigen Menschen, der Liebe und Sanftmut übt, alle Laster flieht, jedes Vergnügen mäßig genießt und seine Leiden geduldig erträgt. Hasmon aber hatte stets die Wahrheit verdrängt, nach dem Tod alles ernten zu müssen, was er im Leben gesät hat und einer göttlichen Instanz für seine Taten Rechenschaft zu schulden. Er verzärtelte den eigenen Leib, doch im Verhältnis zu seinen Nächsten ging er in Gedanken, Worten und Werken rücksichtslos über Leichen. - Ein Posaunenstoß ertönte, der Engel enthüllte sich in seiner ganzen Pracht und entschwand den Augen Hasmons. Auch mit diesem ging eine erschütternde Verwandlung vor sich, er stand von allen guten Geistern verlassen in abstoßender Hässlichkeit, verkrüppelt und mit Aussatz übersät im Dämmer der Vorhölle. Ein gewaltiger Sog erfasste ihn und zog ihn unwiderstehlich in die nie erlöschende Glut.
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