Mittwoch, 23. Januar 2013

Emil Mattiesen

Emil Mattiesen (1875-1939) gehörte schon zur zweiten Generation namhafter deutscher Spiritisten, er konnte auf ein reiches Schrifttum und umfangreiche internationale Dokumentationen zurückgreifen. Dennoch ging er eigene Wege. Er führte ein abenteuerliches Leben und war lange Zeit auf der Suche nach einem Beruf, der seine vielfältigen Begabungen bündelte und fand ihn schließlich in der Musik und der Schriftstellerei. Der Bürgermeistersohn aus Dorpat im Baltikum studierte Philosophie, Naturwissenschaften und Musik und promovierte in Leipzig zum Dr.phil. Das elterliche Vermögen und jede Art von Gelegenheitsarbeiten erlaubten ihm ausgedehnte Reisen sowie weitere Studien an den Universitäten von Cambridge und London. Er bereiste zuerst Asien (Sumatra, Java, Borneo, Kaschmir, Tibet und Japan), dann die USA. Seinen Sprachkenntnissen verdankte er es, dass er sich im jeweiligen Land tiefschürfend über dessen Religionen und Rituale informieren konnte. Nach seiner Heimkehr heiratete er 1918 in Berlin und wandte sich nun hauptberuflich der Musik zu. Sein unruhiger Geist hielt es nicht lange in Berlin aus, er zog in die Nähe von München, um in der bayrischen Metropole für seine Kompositionen zu werben und nach Spuren der einstigen Hochblüte der Parapsychologie zu suchen. Sichtlich enttäuscht von der dortigen Interesselosigkeit und Verödung kehrte er mit seiner Frau in den Norden zurück und ließ sich im idyllischen Gehlsdorf bei Rostock nieder. Hier berief ihn 1929 die theologische Fakultät der Universität Rostock zum Dozenten für Kirchenmusik. Seine Freizeit widmete er der Parapsychologie, er verfasste zahlreiche Fachartikel für spiritistische Blätter und vor allem die beiden umfangreichen Fundamentalwerke "Der jenseitige Mensch" und "Das persönliche Überleben des Todes". Kurz nach Vollendung seines zweiten Werkes verstarb er 1939 an Leukämie. - Sein Hauptthema war die Frage, wie der Mensch durch mystische Erfahrung zu einer Erkenntnis Gottes und zu einem Verständnis des göttlichen Willens kommen könne. Christentum, Buddhismus, Hinduismus, Islam und die zahlreichen Naturreligionen bieten sehr unterschiedliche Annäherungen an die religiöse Wahrheit. Zu dieser Vielfalt von Stimmen kommt noch der moderne Skeptizismus hinzu, den Glauben durch Psychologie und Naturwissenschaft seiner Transzendenz zu berauben. Mattiesen sah deshalb im Spiritismus einen wichtigen Weg, mit Hilfe der Medien die göttliche Wahrheit zu entschlüsseln. Er kannte genau die christliche Mystik, die alttestamentlichen Propheten, die Thora und den Koran, bezweifelte aber, dass nur die Glaubensartikel der mächtigen Religionsgemeinschaften verbindlich seien. Er war auch von der Aussagekraft medialer Offenbarungen überzeugt. Hier wagte er sich allerdings auf sehr dünnes Eis. Schon ein oberflächlicher Vergleich der Texte christlicher Mystiker mit den regelmäßigen Kundgaben hoher Geistwesen an spiritistische Logen zeigt stilistisch und substanziell gravierende Unterschiede.
 

 

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