Jung-Stilling leitete seine "Szenen aus dem Geisterreich" mit den Erlebnissen des Kaufmanns Hanon ein. Dieser starb mit sechzig Jahren und fand sich nach dem Erwachen der Seele aus der Ohnmacht des Todes in einer fremden Umgebung wieder. Die erste Reaktion war Schreck, Furcht und die zaghafte Erkenntnis der Körperlosigkeit. Lautlose Dämmerung umgab Hanon in einer unendlichen Weite. Das allmähliche Erfassen der jenseitigen Daseinssphäre war mit dem schmerzlichen Gefühl der Einsamkeit und der Sehnsucht nach menschlicher Nähe verbunden. Er schwebte wie auf einem Wolkenboden, unter ihm keine Erde, über ihm kein Gestirn, kein Mondstrahl. Er erinnerte sich seines Todes und sah seine trauernden Angehörigen das Sterbebett umstehen, doch verspürte er kein Heimweh nach der verlorenen Welt, nur ein zärtliches Rückbesinnen auf seine Familie und ein Mitleid mit ihren täglichen Sorgen und ihrer Plackerei. Durch die Gewöhnung fühlte er allmählich die neue Umgebung wohltuend und erquickend wie Maienluft. Am Rande der ungeheuren dämmerigen Weiten erhob sich ein mächtiger Gebirgszug, über dem ein Licht erstrahlte. Zu Füßen des Gebirges drängte sich eine Unzahl von Seelen, denen sich von Zeit zu Zeit Engelsgestalten näherten, kleine Gruppen um sich versammelten und mit ihnen über den Berg ins Licht flogen. Um der Einsamkeit zu entkommen, bewegte sich Hanon in Richtung des Berges. Hier trat ihm der Engel Azuriel entgegen. Begegnungen mit Engeln bezwecken im Jenseits ein unverhülltes Spiegelbild des eigenen Charakters und die Erkenntnis der im Leben versäumten Gelegenheiten. Engel weisen aber auch den Weg zu den Möglichkeiten der Wiedergutmachung. Azuriel kannte alle Einzelheiten aus Hanons Leben, seine beruflichen Bemühungen, Erfolge und Enttäuschungen, seine Familienverhältnisse und den Kampf mit der plötzlich auftretenden schweren Erkrankung. Trotz widriger Umstände verlor der Kaufmann im Leben nie seinen Gottesglauben, doch Azuriel setzte ihm in klaren Worten auseinander, dass dieser Glauben nur eine Fassade war, ein Aushängeschild für seine Umgebung. Er erschöpfte sich in leeren Äußerlichkeiten und mündete nicht in eine fromme Gesinnung und in ein von Nächstenliebe geprägtes Tatchristentum. Er führte seinen Schützling auf die Bergeshöhe und zeigte ihm seinen künftigen Aufenthaltsort, das Reich der Belehrung und Unterrichtung. Diese Region dient mit ihren vielgestaltigen Einrichtungen der langwährenden Aufarbeitung aller Versäumnisse des irdischen Lebens, der Umwandlung von Heuchelei in Geradlinigkeit, von Lüge in Wahrheit, von Selbsttäuschung in Selbsterkenntnis, von Hochmut in reuevolle Demut. - Der Dichter Jung-Stilling setzte sich sehr deutlich von einer weitverbreiteten Meinung der protestantischen Theologie ab, wonach das Leben im Jenseits erst an einem weitentfernten Jüngsten Tag beginnt und die Seele währenddessen im Schlafzustand in der Leiche oder ihrer Asche verborgen bleibt. Der Sterbetag dieses irdischen Lebens ist zugleich der Geburtstag in ein jenseitiges Dasein.
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