Sonntag, 12. August 2012
"Entmythologisierung"
Mit dem Erscheinen des Buches "Jesus" von Rudolf Bultmann im Jahre 1926 begann mit der "Entmythologisierung" des Neuen Testamentes eine zunächst umstrittene, dann aber anerkannte Richtung in der protestantischen Theologie, die sich unaufhaltsam ausbreitete. Es ging darum, die Evangelien mit wissenschaftlichen Maßstäben einer strengen historisch-kritischen Prüfung zu unterziehen, in ihnen alles Wunderbare der Gottmenschlichkeit Jesu auszumerzen und nur wissenschaftlich Beweisbares und der natürlichen Biologie Entsprechendes gelten zu lassen. Logische, beweiskräftige Formulierungen und eine profunde Kenntnis der Theologie und Philosophie seiner Zeit verschafften dem anerkannten Exegeten einen überzeugten und missionarischen Schülerkreis. Es blieb nicht aus, dass dieser Funke einer anscheinend zeitgemäßen Betrachtungsweise auch auf die katholische Theologie übersprang und die Glaubensgrundlage mehrerer Generationen Studenten und künftiger Priester prägte. Dieser gravierende Unterschied zur Lehre der Kirchenväter, der Erkenntnisse aller Konzilien und der daraus resultierenden Dogmen musste die Seelsorger in einen tiefen Glaubenszweifel stürzen. Sie verkündeten nunmehr ein Evangelium, das für sie eine Ansammlung von Legenden war, sie beteten mit ihren Pfarrangehörigen ein Credo, von dem sie mindestens fünf Glaubenssätze für Falschaussagen halten mussten. - Das Christentum erlebte im Laufe seiner zweitausendjährigen Geschichte schon viele Abspaltungen, doch alle Schismen, Reformbewegungen und Sektenbildungen hielten an der Kernaussage des Christentums fest : Der Mensch ließ sich im Paradies von Satan dazu verführen, seinem Schöpfer Gehorsam und Dienst zu verweigern. Gott bestrafte diese völlige Abkehr und diesen Vertrauensbruch durch die Verbannung des Menschen auf die unwirtliche Erde. Adam und seine Nachkommen verstrickten sich hier immer mehr in Schuld, doch ebenso steigerte sich ihre Sehnsucht, ins Paradies heimkehren zu dürfen. Jesus, der Gottessohn, erbarmte sich des Menschen. Er nahm menschliches Fleisch an und opferte sich für die Abtrünnigen, indem er sich mit ihrer Schuld belud und sie durch einen schmählichen Kreuzestod sühnte. Dadurch öffnete er die verschlossene Pforte ins Paradies, durch die jeder durch Reue und Buße Gereinigte eintreten kann. Jesus Christus, der Messias und Gottmensch, ist weitgehend den biologischen Bindungen enthoben, er wirkt auf Erden nach irdischen Maßstäben unerklärliche Wunder, verwandelt Wasser in Wein, heilt Blinde, erweckt Tote, vermehrt Brot, treibt Dämonen aus, er predigt einen Weg der wahren Menschlichkeit. - Die "Entmythologisierung" bezweifelt nicht die Notwendigkeit eines Gottesbildes und der Kirche, auch nicht die Erlösungsbedürftigkeit der Sünder. Doch dieser weitgehend deformierte und demontierte Erlöser ist nicht mehr ein sich freiwillig opfernder Gottmensch, sondern ein gescheiterter Revolutionär, dessen Auferstehung vom Tod nur ein Hirngespinst oder sogar ein Täuschungsmanöver seiner Anhänger ist. - So gründlich missverstanden und fehlgedeutet wurde in der langen Kirchengeschichte noch von keiner Häresie die Gestalt des Messias. Diese angeblich nüchterne Wissenschaftlichkeit mit dem Anspruch der Historizität traf die Wurzel des Glaubens. Erst seit etwa zwei Jahrzehnten rudert vor allem die katholische Theologie kräftig dagegen, doch wird es einer langen und geduldigen Überzeugungsarbeit bedürfen, um die Spuren dieser Entstellungen zu tilgen und das wahre Antlitz des Erlösers wiederherzustellen.
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