Freitag, 30. November 2012

Der Himmel

Christlichen Mystikern und Visionären war in der Ekstase häufig ein längeres Verweilen im Jenseits vergönnt. Interessant sind die Schauungen der westfälischen Nonne Anna-Katharina Emmerick (1774 - 1824), die von Kindesalter an Visionen des Lebens Christi und vieler Heiliger hatte. Häufig wurde sie von ihrem Schutzengel zu ihrer Belehrung und Beauftragung von Gebetshilfe durch die drei Jenseitsorte geführt und erlebte bewusst und erinnerungsfähig diese okkulten Wirklichkeiten. Der Dichter Clemens Brentano verbrachte fünf Jahre in ihrer Nähe und schrieb ihre Erlebnisse nach Themenbereichen geordnet auf. - Sie sieht den Himmel als das himmlische Jerusalem der Geheimen Offenbarung. Diese Stadt ist Harmonie, Ordnung, Schönheit, mit ausgewogenen Ausmaßen, klar und übersichtlich. Gold, Edelsteine und Perlen sind ihr würdiges Baumaterial. Hier herrschen nicht mehr Argwohn und Angst. Die Tore sind ständig geöffnet, trotzdem kann kein Unreiner hineinkommen. Es gibt keine Nacht mehr, weder Sonnen- noch Mondlicht sind nötig, Gottes Glanz erleuchtet die Stadt. Außerdem sieht Anna-Katharina den Himmel als weitläufige Landschaft mit Gärten voll wunderbarer Früchte und Blumen, Schlössern, Gebäuden des Frohsinns und der Anbetung, Tempeln, Altären, Thronen, Seen und Flüssen. Es sind Orte des Segens, der Liebe, Eintracht, Freude und Seligkeit. Der Himmel ist mit Engeln und Heiligen bevölkert, es herrscht in ihm reges Leben. - Diese Anordnung mit dem Mittelpunkt der größten Gottesnähe in der Heiligen Stadt und den weitläufigen Untergliederungen in Landschaften zeigt ein Bild, das auch im Fegefeuer auftritt, die Staffelung in verschiedene Regionen, die dem jeweiligen spirituellen Entwicklungsstand ihrer Bewohner entsprechen. Wichtig ist bei der Emmerick die enge Verbindung und der ständige Austausch zwischen Himmel und Erde. Am deutlichsten kommt dies bei der herausgehobenen Bedeutung der Heiligen Messe zum Ausdruck. Die fromme Katholikin sieht das in der Vision einer irdischen Kirche, über der sich unzählige Kirchen gleicher Gestalt wie mit Engeln angefüllte Stockwerke in eine unendliche Höhe türmen. Engel reichen die Verdienste der heiligen Messe, die von den irdischen Priestern gefeiert wird, zu Gott empor, wobei sie Unvollkommenes verbessern und Laues befeuern. Dieses Emporreichen irdischer Taten beschränkt sich nicht nur auf das Messopfer der Kirche. Wo Menschen Gott dienen und sich zu wahrer Tugend erheben, wirkt sich das im Himmel aus. Wo aber Egoismus regiert, Gleichgültigkeit gegen Gott und die Mitmenschen, verarmen Erde und Himmel. - Wie wohlgeordnet und abgestuft sich auch die Hierarchie der Engel und Heiligen darstellt, Gott thront über allem. Er steht weit über jeder Vorstellung eines irdischen Königs. Er ist Herrscher und Gesetzgeber, Schöpfer des Himmels und der Erde, des gesamten Kosmos. Er ist kein Tyrann, er hat erfüllbare Gebote und Richtlinien festgelegt, doch jeder kann sich dafür oder dagegen entscheiden.

 

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