Sonntag, 18. November 2012

Todesnähe und Tod

Die Nahtoderlebnisse sagen sehr viel über den Aufbau der menschlichen Person, aber wenig über ein Weiterleben im Jenseits aus. Sie führen nur bis zu einer unüberwindlichen Schranke, an der den körperlosen Wesen bedeutet wird, dass sie im irdischen Leben noch Aufgaben zu erledigen haben und dass sie noch nicht reif für die Ewigkeit sind. Für viele ist diese Rückkehr aus einem schwerelosen, schmerzfreien Zustand in die raue Wirklichkeit eine herbe Enttäuschung. Doch die meisten berichten nach ihrer Genesung, dass sich ihr Leben grundsätzlich geändert hat. Es war ihnen ein Blick in eine Welt vergönnt, von der es keine allgemein zugänglichen Reiseberichte, Landkarten und Wegweiser gibt. Diese kurze Begegnung mit einer surrealen Wirklichkeit hat in den meisten Fällen keine Angst ausgelöst, sondern ein Gefühl der Geborgenheit. Der Tod erscheint nun nicht mehr als die unausweichliche Vernichtung aller Zukunftsperspektiven, des Wissens und aller Verdienste, sondern als ein Übergang des Persönlichkeitskerns in eine endgültige Daseinsebene. Eine wichtige Tatsache lässt alle materialistischen Deutungsversuche als Folgen von Narkotika, Drogen und Hormonen fragwürdig erscheinen. Diese Verunglückten / Todeskandidaten / Wiederbelebten wurden in der Todesnähe mit Ereignissen konfrontiert, die ganz persönlich auf sie zugeschnitten waren : der Zeitraffer ihrer Lebensläufe mit dem Hervorheben des ethischen Handelns, Versagens oder Schuldigwerdens; die Personen, die ihnen begegneten, waren nicht Fremde, sondern bedeutungsvolle Verwandte oder Freunde; was auf wortlose Weise mit ihnen gesprochen wurde, war ebenfalls nur für sie bestimmt und erhellte Schicksalsfügungen des bisherigen Lebens; auch das Lichtwesen bedeutete einen transzendenten Hinweis; für die Frommen war es Jesus oder eine andere göttliche Person ihrer Konfession, für die Agnostiker zumindest eine wohlgesinnte Symbolfigur. Was die meisten Zurückgekehrten aus dieser Vorstufe des Jenseits berichten, ist die totale Änderung ihrer Einstellung zum Leben und zum Tod. Sie verabschiedeten sich von einer leichtfertigen, oberflächlichen Lebensweise. Sie sahen nun ihre künftige Aufgabe in einer bewussten Abkehr von Egozentrizität und einer verständnisvollen Zuwendung zu den Mitmenschen. - Dennoch besteht die Gefahr voreiliger Schlüsse. Nicht alle Nahtoderscheinungen zeigen die klassisch-romantische Form einer lichtvollen, paradiesischen Gegend und die Begegnung mit wohlwollenden Personen und Engelwesen. Schon K.Osis und Erlandur H. berichten vereinzelt von beängstigenden Jenseitsregionen und furchteinflößenden Horrorgestalten. Zwischen Todesnähe und Tod besteht ein gravierender Unterschied. Der Geistleib ist noch durch eine Silberschnur mit dem physischen Leib verbunden. Die Abnabelung durch den Tod schafft völlig neue Situationen. Nun erst öffnet sich die goldene Pforte, die während der Nahtodphase hermetisch verschlossen war. Hier enden zwangsläufig alle Berichte von Nahtoderfahrungen, die in den letzten Jahren lawinenartig angewachsen sind. Auch die Theologen helfen kaum weiter, sie verstecken sich bei diesem Thema hinter einer verschämten Wortkargheit oder flüchten in Phrasen. Das müsste nicht sein. Es gibt im christlichen Raum viele heilige und profane Visionäre, denen ein Blick oder sogar ein ausführliches Erleben der jenseitigen Wirklichkeiten hinter der goldenen Pforte vergönnt war. Selbst die Angst vor Täuschungen und Irrwegen entschuldigt nicht die Interesselosigkeit, allen Spuren dieses faszinierenden Landes Jenseits nachzugehen, das eine Ewigkeit lang unsere Heimat sein wird. Schon der gesunde Menschenverstand wird den vorurteilsfrei Suchenden dazu verhelfen, die Geister zu unterscheiden und die Spreu vom Weizen zu trennen.
 
 

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