Die Welt ist das Land der Aussaat, das Jenseits das Land der Ernte. Während im irdischen Leben Ursache und Wirkung oft undurchschaubar bleiben, herrscht im künftigen absolute Gerechtigkeit, bestenfalls gemildert durch göttliche Barmherzigkeit. Wir sind es im Diesseits gewohnt, dass Arm und Reich, Achtung und Verkennung, Begabung und Intelligenzmangel bunt gemischt sind und keine verbindliche Wertung erkennen lassen. Gauner, Hochstapler und Wortbrüchige genießen oft lebenslang Wohlstand und öffentliche Würdigung, während die Rechtschaffen-Gutmütigen bevorzugt auf der Schattenseite vegetieren. Im Hinblick auf das Jenseits ist eine symbolische Erklärung der ausgleichenden Gerechtigkeit so simpel wie logisch : Beide werden unvermeidlich eines Tages sterben, doch sie kommen mit unterschiedlichem Gepäck im Jenseits an, der Gauner mit leeren Händen und in abgerissener Kleidung, der Rechtschaffene ordentlich gekleidet und mit einer ansehnlichen Mitgift. - Alle Religionen und esoterischen Richtungen haben ihre eigenen Jenseitsvorstellungen. Es gibt einen jüdischen, hinduistischen, islamischen, theosophischen und spiritistischen Himmel. Christen,Theosophen und Spiritisten sind sich darin einig, dass der Ort des geistigen Weiterlebens ein Ort der Buße, des Lernens und des Vorwärtsschreitens aus niederen Sphären in immer lichtere Zonen sein wird. Einig sind sie sich auch darin, dass die Verstorbenen ein fremdes Land betreten, in dem sie sich nur dann zurechtfinden, wenn sie schon im Diesseits mit seiner Sprache, seinen Forderungen und Lebensbedingungen vertraut gemacht wurden. Christentum,Theosophie und Spiritismus setzen unterschiedliche Schwerpunkte. Die Theosophie legt den Schwerpunkt auf die Schuldfrage. Die Menschenseele bringt nach dieser Anschauung ins aktuelle Leben schon schwerwiegende karmische Belastungen mit, die erst durch mehrere künftige Wiederverkörperungen abgegolten werden können. Im experimentellen Spiritismus fehlt das Verlangen nach erfahrbarer Gottesnähe. Er interessiert sich hauptsächlich für die physikalischen Kräfte der Geister, für Identifikationsbeweise und Zukunftsschau. Lügengeister und Dämonen spielen ebenfalls eine wichtige Rolle, die Spiritisten halten sie aber durch geduldiges Bemühen der Diesseitigen für bekehrungsfähig. Auch die Theosophie bezweifelt eine endgültige Hölle, kennt aber einen zeitlich begrenzten Aufenthalt in höllenartigen Sphären. - Es gibt auf keinem Gebiet so viel Schönfärberei und falsche Regeln wie im Hinblick auf den Lebensabend und die Zeit nach dem endgültigen Abschied. Der schlechteste Rat für Greise und unheilbar Kranke ist, alle möglichen Vergnügungen der verbleibenden kurzen Zeitpanne bis zur Neige auszukosten. Dadurch wird die letzte Chance einer Erkenntnis und Wiedergutmachung von Schuld sinnlos verspielt. Ein verhängnisvoller Trugschluss ist auch die Ansicht, der Tod würde in jedem Fall der Übergang in ein jenseitiges Schlaraffenland mit unaufhörlicher Engelsmusik, ewigem Frieden und ungetrübter Harmonie sein. Jede Sekte oder esoterische Weltanschauung, die das verspricht, flunkert und vertröstet mit leeren Versprechungen. Wenn es auch innerhalb der christlichen Konfessionen deutliche Glaubensunterschiede gibt, sind sie sich doch über die Existenz von Himmel, Fegefeuer und Hölle einig. Allein schon diese Dreiteilung bedeutet, dass Christen das Jenseits als einen Ort der Belohnung und Abrechnung, jedenfalls als einen Ort der Rechtfertigung akzeptieren. Das unterstreicht die ungeheure Wichtigkeit des irdischen Lebens, es bedeutet aber auch, dass allein der freie menschliche Wille das Jenseits gestaltet. Es kann einst ein blühender Garten, aber auch eine trostlose Wüste sein.
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