In den Visionen der A.K.Emmerick findet sich der lapidare Satz: "Das Gericht über eine Seele ist im Augenblick des Todes über dem Sterbeort des Menschen, es nehmen daran Jesus, Maria, der Patron der Seele und der Schutzengel teil."- Die erste Entscheidung über das Schicksal der Seele fällt nach diesen Offenbarungen nicht erst an einem weitentfernten "Jüngsten Tag", der Todestag ist der Geburtstag in ein neues Dasein. Es bedarf bei diesem Gericht keiner Worte. Das Aussehen der Seele begründet je nach Schönheit, Mangel oder Verkommenheit ihr Urteil. Jesus, dessen Botschaft im irdischen Leben an jeden Christen ergangen ist, wird nun ihr Richter. In der Fürsorge der Gottesmutter Maria hätte sie sich einst in allen Zweifeln und Gefahren bergen können. Ihr Patron ist der / die bei der Taufe zugewiesene Namensheilige. Es wäre im Leben von Vorteil gewesen, seine / ihre Biografie kennenzulernen und ihn / sie oder andere Heilige als Leitbild zu wählen. Der Schutzengel begleitete den Menschen von der Geburt bis zum Tod und führt nun den Geistleib zu seinem jenseitigen Aufenthaltsort. - Die Visionärin A.K.Emmerick ist der unumstößlichen Überzeugung, dass der Mensch grundsätzlich und von seiner Erschaffung an für den Himmel bestimmt ist. Doch die kristallklare Reinheit des Himmels duldet nichts Beflecktes. Wenn Menschen ausschließlich der Welt zugewandt sind und ihr Lebenslauf nur aus Genuss, Hass, Betrug, Wortbruch, Verleumdung oder Totschlag besteht, treffen sie damit eine Entscheidung gegen Gott und für die Gemeinschaft mit Satan. Der größte Teil aller Verstorbenen setzt sich vermutlich aus Mittelmäßigen zusammen, sie sind zwar keine nennenswerten Übeltäter, zeichnen sich aber auch nicht durch herausragende Verdienste aus. Sie werden einst schäbig vor Gott hintreten mit ihrer halbherzigen Güte und ihrer eitlen Selbstgefälligkeit. Zwar verbrüderten sie sich nicht mit Haut und Haaren dem Bösen, zwar verfielen sie nicht allen Verlockungen der Welt, doch der Gemeinschaft der Heiligen sind sie noch nicht würdig. Es wird einer langen Zeit des Lernens und der Besinnung bedürfen, bis sich ihre verstümmelten und kranken Geistleiber aus Hässlichkeit zur Schönheit wandeln. Sie werden sämtliche Stationen ihres Lebens abschreiten und alle Versäumnisse gutmachen müssen. Gott ist gerecht, aber barmherzig; es wird auch für die Weltkinder und geistigen Müßiggänger der Zeitpunkt kommen, an dem sie ihre Schuld gebüßt und ihre geringen Verdienste aufgewertet haben. - Reformierten Christen, die sich schon vor fünfhundert Jahren von der Marien-, Heiligen- und Engelverehrung verabschiedet haben und noch mehr den Angehörigen anderer Religionen werden die Visionen der Emmerick größte Schwierigkeit bereiten, doch könnte es vielleicht in den Kernaussagen zu einer toleranten Verständigung kommen. Die Essenz dieser Visionen ist jedenfalls die hoffnungsvolle Botschaft, dass nach dem Tod eine persönliche, wissende Macht die Menschenseelen bewertet, die einst von ihr geschaffen wurden, sich in einem irdischen Leben bewähren mussten und ihr Ziel erreicht, unnötig verzögert oder verfehlt haben.
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