Mittwoch, 12. Dezember 2012

Das Fegefeuer

Die katholische Visionärin Anna-Katharina Emmerick (A.K.E.) wurde oft von ihrem Schutzengel ins Fegefeuer geführt. Clemens Brentano schreibt, dass schon der Weg dorthin für sie sehr beschwerlich war, er führte durch Morast, dornige Pfade, überschwemmtes Land, Schneefelder und Eiswüsten. Sie erlebte das Fegefeuer als unheimliche Riesenräume, die mit einem Gewölbe überdeckt sind. In dieser freudlosen Gegend herrschen Düsternis, Nebel und Kälte. Es gibt hier wie auf Erden Gärten, Landschaften und Häuser, doch alles wirkt leblos, grautrüb und dunkel. In dieser verwelkten Traurigkeit vegetieren die büßenden Seelen. Sie wohnen teilweise eng zusammengepfercht, oft auch voneinander isoliert in engen Kerkern. Auch dort, wo sich viele zusammendrängen, besitzen sie keine gemeinsame Sprache. Manche sitzen unbeweglich im Morast, manchen geht der schwarze Schlamm bis zur Brust, manche stecken bis zum Hals darin. Je nach Verfehlung leiden sie quälenden Durst, glühende Hitze oder Eiseskälte. Überall herrschen Einsamkeit und Schwermut. An den oft grauenhaften Entstellungen ihrer Gesichter und Körper erkannte die Seherin A.K.E. Art und Schwere ihrer Sünden. - Trotz dieser Tristesse ist der Zweck des Fegefeuers die Aufwärtsentwicklung, die Entsühnung durch Selbsterkenntnis und Reue. Mit der Reinigung ist auch die Heilung der entstellenden Makel verbunden. Diese Extremform des Purgatoriums ähnelt einem irdischen Zuchthaus. Die Haftbedingungen können durch den Verlust der Mitteilungsfähigkeit sogar noch schmerzlicher sein als im Strafvollzug eines modernen, zivilisierten Staates. Was das Fegefeuer positiv von einem diesseitigen Kerker unterscheidet, ist die absolute Gerechtigkeit. Es gibt bei den Verurteilungen keine Fehlentscheidung, kein Überreagieren einer irdischen Justiz, keinen Prominentenbonus, keine Vertuschung durch raffinierte Winkelzüge eines Verteidigers. Hier regiert ausschließlich das Gesetz von Ursache und Wirkung. Der diesseitige Mensch ist der Architekt seiner jenseitigen Wohn- und Lebensverhältnisse, er hat durch die Bewältigung des irdischen Schicksals Form, Bequemlichkeit und Dauer selbst bestimmt. Das gilt für Himmel, Fegefeuer und Hölle. Er hat sich auch durch die Wahl seines einstigen Freundeskreises ein Umfeld für diese drei Jenseitsorte geschaffen, je nachdem, ob es förderliche oder vernichtende Partnerschaften, aufwärts lenkende Wegweisungen oder in verhängnisvolle Tiefen führende Abhängigkeiten waren. Nur für eine bestimmte Frist ist das Fegefeuer ein Ort schmerzlicher Trauer und reuevoller Einkehr. Allmählich erhellt sich die Finsternis und erwärmt sich die Kälte, zu den Einsamen gesellen sich fortgeschrittene Seelen und Tröster in Engelsgestalt. Auch die Fürbitten der lebenden Angehörigen durchbrechen die Wände des Gefängnisses und schenken Licht und Hilfe. - Nach Ansicht der A.K.E. kommen die Seelen in einer ihrem Seelenzustand entsprechenden Gewandung im Jenseits an. Besäße in der heutigen Industriewelt ein handwerkliches Gleichnis noch eine Bedeutung, könnte man sagen, die Menschen weben ihr ganzes Leben lang an dieser künftigen Kleidung. Es kann ein prächtiger Ornat, eine schlichte Umhüllung oder auch nur ein zerschlissenes Flickengewand werden. Es hängt von Lebensweise, Prioritäten und der Zielrichtung ab, um eine schreiende Diskrepanz zwischen weltlicher und ewiger Kleidung, zwischen der allgemein üblichen Überbetonung diesseitigen Glamours und der Vernachlässigung des inneren Menschen zu vermeiden.
 
 
 

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