Montag, 17. Dezember 2012

Die Hölle

Auch durch die Höllenregionen ist Anna-Katharina Emmerick eine glaubwürdige Führerin. Für die Seherin selbst war der Zweck dieser Offenbarungen von unterschiedlicher Bedeutung. Sie sah sicher einen Auftrag darin, ihre spirituellen Erfahrungen an jene weiterzureichen, die bei ihr Rat und Aufklärung suchten. Der Himmel wurde ihr als erstrebenswertes Ziel aller Menschen gezeigt, das Fegefeuer, um ihr Mitgefühl für Gebetshilfe anzuregen, die Hölle als eine drohende Warnung vor den Folgen eines völlig verfehlten Lebens. - Nach ihren Schauungen ähnelt die Hölle auf fatale Weise dem Himmel, sie ist eine Nachäffung des Paradieses. Auch hier gibt es Gebäude, Gärten, Felder und Wiesen, doch ohne die Ordnung, Schönheit und Harmonie des Himmels. Alles ist in verzerrten Missverhältnissen angelegt, es herrscht beklemmende Düsternis, eine Atmosphäre ewigen Zorns, der Zwietracht und der Verzweiflung. Die himmlischen, edelgestalteten Gebäude der Freude und der Anbetung sind in der Hölle zu finsteren Kerkern und Höhlen verkommen, zu schrecklichen schwarzen Felsenbauten mit furchteinflößenden Toren. Es ist ein Ort des Fluches, der Qual und des Entsetzens. Auch hier gibt es Tempel, Altäre, Schlösser, Throne, Gärten, Seen und Ströme zur Ergötzung der höllischen Herrschaften. Doch alles liegt in verdunkelter, trostloser, angsteinflößender Form, durchsetzt mit grässlichen Wüsten und Sümpfen. - Das Grauenhafteste jeder Verdammung wird wohl der Augenblick des Todes sein, in dem sich die leiblichen Augen für immer schließen und die jenseitigen Augen öffnen. Es ist ein Augenblick der Wahrheit, die schreckliche Erkenntnis eines irregeleiteten Lebens, der Anblick verkommener Kumpane, die eine lebenslange Abhängigkeit zu höhnischen Begleitern in eine ewige dämonische Knechtschaft herangemästet hat. Es wird hier für die Verurteilten kurzzeitig eine himmlische Jenseitswelt aufblitzen, die erreichbar gewesen wäre, jetzt aber unwiderruflich verloren ist. Der Verdammte erblickt die vollkommene Gestalt eines Doppelgängers, zu dessen Realisierung er fähig gewesen wäre, hätte er sein Leben nicht in Weltverfallenheit verspielt. Er wird die Werke sehen, die ihm aufgetragen waren und vor deren Gestaltung er in Müßiggang geflohen ist. Seine verhängnisvollen Leidenschaften haben sich zu missgebildeten Raubtiergestalten ausgewachsen, die ihn nun bedrohen. Ohne Verantwortung vor göttlichen Gesetzen ist sein Leben verlaufen, deshalb wird seine Hauptschuld in der Verachtung der Mitmenschen liegen, im mitleidlosen Egoismus und im Versagen jeder Hilfsbereitschaft. Das Erschütterndste an Höllenvisionen ist ihre Endgültigkeit. - Vielen Christen ist die Vorstellung einer Hölle unvereinbar mit einem liebenden, barmherzigen Vatergott. An diesem begründeten Einwand werden sich wohl immer die Geister scheiden. Dennoch ist die Verneinung der Hölle eine Flucht aus der Realität in die Utopie einer grenzenlosen Entscheidungsfreiheit des menschlichen Geistes. Es gibt in der Schöpfung keinen luftleeren Raum der Unverbindlichkeit. Wo Göttliches verdrängt wird, schleicht sich unweigerlich Teuflisches ein. Wer ständig auf seine selbstherrliche Willensfreiheit pocht, muss auch Gott zugestehen, Geschöpfe, die sich lebenslang in vollem Bewusstsein ihrer Menschenwürde entäußerten, aus seiner Nähe zu verbannen. Selbst die Chance für einen Reinigungsort ist vertan, wenn ein ganzes Menschenleben nicht ausgereicht hat, sich aus absoluter Ich-Vergötzung zu einer einzigen mitmenschlichen Tat aufzuschwingen. In letzter Konsequenz können nur Menschenhass und unversöhnliche Feindschaft gegenüber einem Gott der Liebe in die dämonische Anarchie führen, in das Hoheitsgebiet Satans. Das aber ist die Hölle.


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