Dienstag, 12. März 2013

Jung-Stillings Geisterreich

Von Heinrich Jung-Stilling (1740 - 1817) existiert ein aufschlussreiches Werk "Szenen aus dem Geisterreich". Jung-Stilling war ein äußerst vielseitiges Genie, Romancier, erfolgreicher Augenarzt, Wirtschaftswissenschaftler, Hochschullehrer in Heidelberg und Marburg, befreundet mit Goethe und Herder, vor allem aber pietistischer Erweckungsschriftsteller mit großer Breitenwirkung. In seinen "Szenen" steckt das glaubende Wissen an eine jenseitige Welt. Jung-Stilling hat die Erfahrungen hellsichtiger Menschen gebündelt und in eine anschauliche Form gebracht. Seine Schilderungen führen vom Diesseits ins Jenseits und zeigen, wie alle irdischen Taten in der Seele auskristallisieren und das künftige Schicksal in der Transzendenz bestimmen. Das Leben im Diesseits ist die Zeit des Säens, die Ewigkeit im Jenseits die Zeit der Ernte. In bunter Reihenfolge kommen die Seelen Verstorbener nach ihrem irdischen Tod in die Geisterwelt und erleben sie ganz persönlich und unterschiedlich. Jede Seele bringt ihre Vergangenheit und ihren Charakter mit. Die "Szenen" schildern die Konfrontation der irdischen Mitgift mit den Ansprüchen, denen jede Menschenseele genügen muss, um das Heimatrecht in der himmlischen Ewigkeit zu verdienen. - Wie sieht ein strenger Lutheraner wie Jung-Stilling Himmel und Hölle? Auf keinen Fall steht der Dienst der Lebenden an den Verstorbenen im Vordergrund. Wahrscheinlich war Stilling schon die Benennung "arme Seelen" ein Ärgernis, auch vermeidet er peinlich den Begriff "Fegefeuer". Eine große Rolle spielen bei ihm die Engel, wobei sich die Grenze zwischen den von Gott geschaffenen Engeln und den zu Engeln emporentwickelten Menschenseelen verwischt. Engel stehen den Frommen in der Todesstunde bei, sie holen die Seelen vom Totenbett ab und geleiten sie ins Schattenreich. Sie gesellen sich in allen Stufen des Jenseits den Büßenden bei und helfen ihnen, die Schuld des Erdenlebens zu erkennen, zu bereuen und wiedergutzumachen. Sie geleiten die sich allmählich Verklärenden in immer lichtere Sphären bis zum höchsten Ziel, der Nähe und Anschauung Gottes. In Stillings Himmel gibt es im Sinne der katholischen Kirche keine Heiligen, Menschen, die sich in ihrem Erdenleben so in Liebe verwandelt haben, dass sie vom Jenseits aus für die Welt zu Katalysatoren des Eingreifen Gottes werden. Stillings jenseitiger Kosmos ist ein Ort der Entwicklung, des Lernens und der Läuterung. Je mehr es der Mensch im irdischen Leben versäumt hat, sich zur Reife emporzuschwingen, desto mühsamer ist sein Weg durch die Bereiche der Düsternis. Daneben wird aber auch die Existenz einer Hölle nicht verschwiegen. Für den reuelosen Frevler ist das Jenseits ein Ort der Begegnung mit Dämonen, die er sich im Leben durch sein Denken und Handeln herangezüchtet hat. Sie versperren ihm für immer den Weg in die Höhe. Stillings Himmel ist auf Christus fokussiert, dem es zu verdanken ist, dass dieses Jenseits nach der konsequenten Scheidung der Geister zum Ort des Verzeihens, der Heilung und der Heiligung wird.
 
 

1 Kommentar:

  1. "Wie sieht ein strenger Lutheraner wie Jung-Stilling Himmel und Hölle?"

    Johann Heinrich Jung-Stilling war *reformierten* Bekenntnisses; das Siegerland wurde à la facon de Genève reformiert und ist es bis heute geblieben.

    Siehe:
    http://www.uni-siegen.de/fb5/merk/stilling

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